Der Fluch von "Jamaika"

Koalition und Zeit-Cover Merkel als Piratin darzustellen, ist nicht unschuldig. Über Liberalismus und Europas karibisches Gedächtnis
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Der Fluch von "Jamaika"
"Und wo bleiben die Grünen? Sie laufen auf der Planke."

Foto: Nicolas Raymond/Flickr (CC BY 2.0)

Entgrenzung hat etwas Anarchisches. Eben diese Art der Rechtlosigkeit war es – so könnte man vermuten –, die Piraten aller Zeiten gesucht haben. Doch war das Ziel von Piraten vor allem eine Form der ökonomischen Bereicherung, die so wild und frei, wie es uns das 18. Jahrhundert erzählt hat, gar nicht war. Denn ohne die Gemeinschaft wären Überfälle auf reiche und weniger reiche Handelsschiffe für den Einzelnen undenkbar gewesen. Damit gelangt ein dezidiert politisches Element in das hinein, was wir spätestens seit Jack Sparrow für das lustige Piratenleben halten, ho-ho-ho, und ne Buddel voll Rum.

Kurz nach der Wahl des letzten Deutschen Bundestages wählte die Wochenzeitung „Die Zeit“ eine fiktive Piratengeschichte (http://www.presseportal.de/pm/9377/3746503) als Ausgangspunkt einer allegorischen Darstellung von Merkel und ihrer noch zu bildenden „Jamaika“-Koalition - bestehend aus einem Zusammenschluss zwischen Liberalen (FDP), Grünen und der alteingesessenen CDU/CSU-Schwesterschaft, deren Repräsentanten nun allesamt die Crew des Disney-Kassenschlagers „Fluch der Karibik“ stellen sollten. Soweit also die Collage der „Zeit“: Sie amüsiert ihren Betrachter zunächst auf grandiose Weise, denn groß ist der Kontrast zwischen der bekannten merkelschen Helmfrisur und den langen Dreadlocks, die ihr Gesicht nun umspielen. Verwandelt ist ihr Ausdruck: Die Reife ihres Gesichts, die Linien um die merkelschen Mundwinkel verstrahlen nun eine Entschlossenheit und Erhabenheit, einen seefraulichen Weitblick, den Europa und die Welt so noch nicht kannten. Stolz, wissend und erfahren schaut Merkel auf ihr fernes Ziel oder sogar über dieses hinweg. Daran ändert auch die Augenklappe – ein nettes Detail aus dem Reisebericht des Normannen Exquemelin von 1678 – rein gar nichts. Merkel weiß, wie ein Staatsschiff zu führen ist. Und um die platonische Metapher mal auf die Karibik zu übertragen, wo sie ideengeschichtlich freilich rein gar nichts zu suchen hat: die eher christlichen als sozialen Oligarchen hier vertrauen Capt’n Mörkl, und trotz spürbarer Grundberührungen im Sturm der Flüchtlingskrise hat sie die Germania, diesen schwerfälligen 7-Master, noch an jeder Klippe vorbeigeschifft.

Wohin aber wird es für die bisherige Herrscherin Europas nach dieser Wahl gehen? Die Ratlosigkeit über die Zukunft der deutschen Regierung ist es, die der Zeit-Collage und ihrer hämischen Komik zugrundeliegt: ein Fluch liege über der Frage der Macht. Expliziter und platter kann man die Konsequenzen dieses Wahlergebnisses kaum formulieren. So wissen wir als Betrachter, dass selbst eine mit piratischen Attributen ausgestattete Merkel bei Weitem nicht so cool ist wie ein Jack Sparrow, der den Planken- und Fenstersprung doch noch lockerer nahm als Merkel diplomatische Krisen – und einfach mal eine Zeitlang verschwand (maximal bis zur nächsten Folge natürlich).

Wie kommt es also, dass die bildungsbürgerlich-sozialdemokratisch geprägte „Zeit“ ein so hollywoodeskes Motiv mit allzu offensichtlicher Aussage als Grundlage für ihre Seite-1-Karikatur wählt? Natürlich besteht die Möglichkeit, dass das Blatt seine Leserschaft mal ungewöhnlich poppig amüsieren wollte. Ho-hooo! Doch die jamaikanische Collage verweist noch auf ein anderes Phänomen: politische Instabilität als Anlass zur Reaktivierung von Piratenängsten und -phantasien. Und damit kommen wir in den Bereich einer westlichen Kulturgeschichte, die den Piraten als ciceronischen „Feind aller“, immer und immer wieder in gesellschaftliche Debatten geworfen und ihn damit an jenen Ort gebracht hat, wo sie ihn sehen will: in der Unmöglichkeit des politischen Außen.

Piraterie ist ein Phänomen, das in Zeiten ökonomischer Expansion, so in der Hochphase der Hanse oder während der Ausbeutung der Karibik, zur wahren Blüte gelangte. Zugleich jedoch rief das Auftreten von Piraterie den starken Arm des Staats auf den Plan. Mit einer dem Gegenstand angepassten List und Tücke, Gewalt und Originalität, gelang es am Ende (fast) immer, die Piratennester auszuheben und ihre Kapitäne an den Galgen zu bringen. Die eng vernetzten Handelswege allerdings blieben bestehen, weshalb man Piraterie als einen äußerst nachhaltigen Faktor in der Entwicklung von Handelsregionen ernstnehmen muss. Piraterie ist somit immer auch ein Anzeichen florierender Wirtschaft sowie eines Raubtierkapitalismus, der politische Instabilitäten auszunutzen wusste und uns im historischen Rückblick Phasen der Transition erst vor Augen führt – ganz zu schweigen von der meisterhaften Erschließung verzweigter Archipele und verworrener Gefilde über See und Küste.

Doch Piraterie ist immer auch der Illegalität gewordene Überschuss wirtschaftlichen Handelns, den diejenigen abzugreifen suchen, die finden, dass die Reichen schon genug haben und ihnen, den Zurückgebliebenen, doch auch ohne Arbeit eine ordentliche Portion Fisch mit Butter zustehe. Die Legende des Robin Hoods der Meere – sie stimmt für die Piraten nicht. Und doch gilt für die Piraten, dass sie, auch um das eigene Überleben zu sichern, gerade dann auf den Plan treten, wenn es eng wird mit dem Sich-über-Wasser halten. Waren sie wegen Handelsbarrieren manchmal von legalen Geschäftsformen ausgeschlossen, so scheinen ihnen diese meist aber auch zu mühselig gewesen zu sein. Verwöhnt durch royale Kaperbriefe wie einst ein Captain Francis Drake oder der Hugenotte François le Clerc, denen im europäischen Wettlauf um die Ausschlachtung der Karibik jedes, aber auch jedes Mittel recht war, muss die Rückkehr zu einer ohnehin nicht mehr tradierten Ordnung schwer gewesen sein. Die Entgrenzung des Raumes übertrug sich auf die kapitalistische Moral. Jahrhunderte dauerte es, den neuen „Wirtschaftszweig“ einzudämmen; erst 1835 kam der letzte Pirat der Karibik an den Galgen. Was will die verfluchte Graphik uns also in dieser Hinsicht sagen?

Merkels Begleiter blicken der Leserschaft direkt ins Gesicht. Drei Männer umringen sie, doch sind sie weit davon entfernt, eine Koalition der Gleichen zu bilden. Schauen wir sie uns näher an: Christian Lindner, jugendlich blond und mit der goldenen Kreole im rechten Ohr, Horst „Hook“ Seehofer und Cem Özdemir mit dem exotischen Vogel – sie alle bleiben hinter dem Merkelschen Schwert zurück, das sie eint und ihnen Macht, Richtung und Konzentration zu verleihen verspricht. Es sind die liberalen, populistischen und idealistischen Kräfte, die hier im blonden Optimisten, dem skeptischen Hakenträger und dem komischen grünen Vogel vereint sind, jedoch so gar nicht zur souveränen Besonnenheit von Captain Merkel passen. Es ist diese politische Instabilität des Liberal-Marktschreierischen, das die Welt entweder neu erfinden oder aber revisionistisch zur alten Ordnung zurückbringen will. Nichts davon steht im Merkelschen Logbuch. Und wo bleiben die Grünen? Sie laufen auf der Planke.

Kommen wir auf eine ganz andere Konnotation des Schiffes zu sprechen. Im modernen Europa gilt es jenseits des schwerfälligen Gleichnisses vom Regierungsgeschäft (Platon) vor allem als Foucault‘sche tianische Heterotopie, ein Ort der Phantasie und der Projektionen. Isoliert auf dem Meer erscheint es wie eine Parallelgesellschaft, die wie kaum ein anderes Symbol die kulturelle und wirtschaftliche Expansion Europas anzeigt und jeder utopischen Hoffnung des Eroberers wieder neues Futter verleiht. In der karibischen Kulturtheorie jedoch repräsentiert das Schiff vor allem eines: das Sklavenschiff. Aimé Césaire, der bekannteste Theoretiker der frankophonen Karibik, beschreibt den Bauch des Sklavenschiffs, das auf seiner Teilroute im goldträchtigen Dreieckshandel zwischen Europa, Afrika und Amerika Millionen Menschen von der afrikanischen Westküste entwurzelte, als Geburtsort der négritude. In seiner Aufforderung an die Afrikastämmigen, nicht immer den Weißen und ihren Positionen nachzueifern, gelingt ihm durch die Erzählung vom Schiff nichts Geringeres, als der négritude eine Gründungserzählung zu verleihen, die, immer und immer wieder, an die systematische Versklavung der kräftigen Afrikaner erinnert, die auf den Zuckerplantagen der Kreolen ausgebeutet wurden, da man die Ureinwohner Amerikas für zu schwach hielt.

Gerade die allzu simplen Pirates of the Caribbean sind Teil dieser beispiellosen Episode des globalen Kapitalimus, die Menschlichkeit gegen Gold aufwog. Die freudige List, die diamantenschwangere Leichtigkeit und der Witz und Humor der Disney-Piraten, mit dem wir sie noch heute als Symbole der Freiheit und sympathischer Schlingelhaftigkeit wahrnehmen, lassen uns diese andere Wurzel unseres Reichtums verdrängen. Zugleich ermöglichen sie, dass wir uns in Zeiten politischer Ungewissheit an ihrem Beispiel ergötzen und daran erinnern, dass die notwendig starke Hand des Staats eingreifen, dass die Ordnung zurückkehren wird. Doch was für eine Ordnung ist das eigentlich?

Die Wahl eines piratischen Motivs zur Abbildung des Dilemmas der bevorstehenden deutschen Regierungsbildung ist keineswegs so unschuldig, platt und sogar grobschlächtig, wie sie auf den ersten Blick erscheint. Denn ohne die heute zu uns in den Norden strebenden Menschen von der westafrikanischen Küste, deren Nachkommen auch nach den Piraten noch das karibische Inselarchipel besiedeln, wäre es uns nicht möglich, über die Collage der „Zeit“ zu lachen. Der Topos der verbrecherischen Piraterie gereicht uns als moralischer Rückzugsort – so jenseits des Rechts wie die können wir doch gar nicht liegen. Oder?

Das liberalistisch-populistische und eigentlich gar nicht mehr grün-idealistische Gegengewicht, dass die sturmerprobte Kapitänin Merkel in ihren drei Begleitern erfährt, ist also keines. Allein die Möglichkeit eines solchen Zusammenschlusses sollte zu denken geben. Sie signalisiert den Sieg einer Wirtschaftsauffassung, die der von Platon beschriebenen Herrschaft der reichen Oligarchen erschreckend nahe kommt. Keine Odyssee der Selbsterkenntnis wird es sein, die zu dieser Regierungsbildung führt. Und auch wenn das europäische Kräftegleichgewicht ein wenig wackeln wird, so ist es am Ende der wirtschaftliche Liberalismus als das Recht des ökonomisch Mächtigeren, der seine Durchsetzungsmacht allein durch das Infragekommen einer derartigen Koalition anzeigt. Jamaikanisch-karibisch ist daran vor allem eines: die Liberalisierung und Romantisierung des Markts, der noch nicht bemerkt hat, dass sein globaler Expansionismus längst einer supranationalen rechtlichen Regulierung bedarf, um zu verhindern, dass sich seine eigenen Regeln gegen ihn selbst kehren. Während der Internationale Seegerichtshof in Hamburg noch 2012 somalische Piraten mit Haftstrafen ahndete und sich dabei auf das Völkerrecht berufen konnte, so fehlt eine vergleichbare Instanz bei Waffenhandel, Müllskandalen, Emmissionshandel und vielen weiteren Dramen, die Europa stellvertretend auf dem afrikanischen Kontinent austrägt. Womöglich vermuten deswegen einige wenige, Europa würde nun durch Afrika gekapert – was manche als eine gerechte Strafe ansehe mögen. Zweifelsohne aber zeigt die Wahl eines Piratenmotivs als Beschreibung des deutschen Regierungsdilemmas, dass der kapitalistische Opportunismus der regierenden Kaste, besonders drastisch bei den Grünen hervortretend, als ein lustiges Accessoire und ein unwesentliches Detail hingenommen wird. Dass dieses Detail aber, inklusive der Ausbeutung Afrikas, die in der Karibik ihren menschenverachtenden Anfang nahm, Teil der dringendsten politischen Fragen von heute ist, geht dabei unter. Geld- und Datenströme fließen unsichtbarer als Schlauchboote über das Meer. Das Schiff der Rechtsstaatlichkeit jedoch braucht ebenso transparentes wie fließendes Wasser, um sich fortzubewegen und seine Legitimität immer wieder vor seiner Besatzung erneuern zu können. Doch vor allem gehört dazu ein starker Captain, der die Weltnetzwerke im Blick hat, ohne sie auszunutzen.

22:31 10.10.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

F. Gesine Brede

Romanistin, Piratenforscherin, Lehrerin. Wellengleiterin.
F. Gesine Brede

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