Es ist angerichtet.

Kindheit und Moderne Welt 1576 Jugendliche Soldaten in der Bundeswehr. Wo bleibt der Aufschrei in der Gesellschaft.
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Es ist angerichtet

Laut einem Bericht von n-TV waren bis zum 23.8.2018 1576 Rekruten der Bundeswehr unter 18 Jahre alt. Zunächst überprüft man die Überschrift des Artikels nochmals, es wäre ja möglich, dass es sich nicht um Deutschland handelt, sondern um eines jener Länder die von der Bundesregierung , zurecht , dafür an den Pranger gestellt werden, weil sie Kinder zu Soldaten ausbilden. Die Folgen sind uns bekannten. Diese Jugendlichen werden von schrecklichen und ihre Seele zerstörenden Bildern lebenslang verfolgt. Sie haben enorme Schwierigkeiten sich Anderen gegenüber empathisch zu verhalten. Gewalt als schreckliches Erfahrungs- und Lösungsmodell ist tief in ihre Seele und Geist eingebrannt.

All dies ist bekannt und eigentlich sollte man meinen, dass in unserem Land einen Konsens darüber besteht, Jugendliche nicht im Umgang mit Waffen und dem Töten von Menschen zu trainieren. Dem ist wohl nicht so. Das zuständige Ministerium widerspricht weder der Tatsache, dass es jugendliche Soldaten gibt, noch bestreitet es die Zahl von 1576 jugendlichen Soldaten. Mehr noch , auf der Internetseite der Bundeswehr wird dafür geworben, dass man mit 17 Jahren Soldat werden kann. Dabei wird der "Dienst" als eine Art "Abenteuerurlaub" dargestellt bei dem es um Technik und Abenteuer geht. So als wäre der Beruf des Soldaten ein Beruf wie jeder andere auch. Nur eben cooler. Wenig ist davon zu lesen, dass es auch darum geht selbst getötet zu werden, oder selbst zu töten. Einsätze werden wie ein Event in fremden Ländern beschrieben. Gerne auch mit Bildern auf denen ein Soldat gerade einem Kind über den Kopf streichelt , oder es liebevoll anlächelt. Auf geht`s zum ultimativen , realen Spiel.

Ungeniert wird die Hilfsbereitschaft, die natürliche Neugierde, die Abenteuerlust der Jugendlichen dafür ausgenützt, sie für den Wehrdienst zu begeistern. Kein Wort darüber, dass die meisten Soldaten die nach einem Einsatz in die Heimat zurückkehren zutiefst in ihrer Seele verletzte Menschen sind. Nichts darüber , wie oft sie traumatisiert sind und wie wenige Therapeuten es gibt die ihnen helfen können. Schweigen darüber, wie enorm belastend und nicht selten zerstörend es für Familien ist, wenn der Vater die Tochter oder der Sohn bei der Bundeswehr sind. Stattdessen wird darauf verwiesen , diese Jugendlichen würden an keinen Einsätzen der Bundeswehr teilnehmen. Soll dies nun bedeuten, die Jugendlichen würden nichts von der Aufgabe eines Soldaten bekommen? Ihnen wird von den anderen Soldaten nichts erzählt? Sie erleben keine Soldaten die ihre Erfahrungen die sie bei einem Einsatz gemacht haben entweder bewusst oder durch ihr unbewusstes Verhalten weitergeben?

Wohl eher handelt es sich bei dieser Aussage um ein Placebo , welches die Jugendlichen davon abhalten soll, darüber nachzudenken , welchen Preis das Abenteuer Soldat haben könnte. Es ist eine Beruhigungspille für die besorgten Eltern, die in den meisten Fällen einen anderen Beruf für ihre Kinder auswählen würden.

Besonders beängstigend ist, dass die Bundeswehr weit davon entfernt ist, so viele Soldaten zu haben, wie sie glaubt haben zu müssen. Das wieder über die Wiedereinführung der Wehrpflicht nachgedacht beziehungsweise diese gefordert wird. Das Schlachtmahl wird angerichtet. Es liegt an uns , ob wir teilnehmen. Wir sollten uns an Wolfgang Borchert erinnern. Wie schrieb er in seinem Gedicht: "Dann gibt es nur eins":

"Du. Mann an der Maschine und Mann in der Werkstatt. Wenn sie dir morgen befehlen, du sollst keine Wasserrohre und keine Kochtöpfe mehr machen - sondern Stahlhelme und Maschinengewehre, dann gibt es nur eins:
Sag NEIN!

"Du Mutter in der Normandie und Mutter in der Ukraine, du, Mutter in Frisko und London, du, am Hoangho und am Mississippi, du, Mutter in Neapel und Hamburg und Kairo und Oslo - Mütter in allen Erdteilen, Mütter in der Welt, wenn sie morgen befehlen, ihr sollt Kinder gebären, Krankenschwestern für Kriegslazarette und neue Soldaten für neue Schlachten, Mütter in der Welt, dann gibt es nur eins:
Sagt NEIN! Mütter, sagt NEIN!

09:46 18.09.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Fritz Grau

Fritz Grau , Heilpädagoge und Familientherapeut(DGSF) Familie, Kindheit, Politik
Fritz Grau

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