Therapie statt Verfassungsschutz

Kindheit und Moderne Welt Wie weit darf der Staat gehen
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Bisweilen ist man schon verwundert , welche gefährlichen Blüten die gerade bestehende Überwachungsmanie hervor bringen kann. So, als würde es kein Grundgesetz geben. Jedoch es gibt eines, auch wenn immer wieder versucht wird, es an der einen oder anderen Stelle auszuhöhlen. Politiker sagen dann gerne, es den neuen Erfordernissen anzupassen. Das Grundgesetz garantiert den Schutz von Ehe , Familie und Kindern. Verstärkt wird diese Aussage , durch den Zusatz , des besonderen Schutzes. Bezüglich der Straffähigkeit von Kinder und Jugendlichen ist ebenso klar geregelt , dass ein Kind bis zum vollendeten 14. Lebensjahr nicht strafmündig ist. Besonders wichtig, der Gesetzgeber spricht hier nicht von Strafmündigkeit, sondern von der Schuldunfähigkeit des Kindes. Ein Familiengericht kann jedoch außerhalb des Strafverfahrens bestimmte Maßnahmen anordnen. Auch dies ist von hoher Bedeutung, da es meist so ist, dass die Familiengerichte durchaus sinnvolle Auflagen aussprechen, wie zum Beispiel den Besuch einer Erziehungsberatungsstelle, oder eine Erziehungsbeistandschaft für die Eltern, die es mit der Erziehung ihrer Kinder besonders schwer haben. Hinzu kommt die Möglichkeit die Erziehungsberechtigten zivilrechtlich Haftbar zu machen. Ab dem vollendeten 14. - 17. Lebensjahr, sind die Kinder und Jugendlichen, vereinfacht ausgedrückt, dann strafrechtlich verantwortlich, wenn sie zur Zeit der Tat nach ihrer sittlichen und geistigen Entwicklung reif genug sind, das Unrecht der Tat einzusehen und nach dieser Einsicht zu handeln. Was die Beobachtung von Kindern und Jugendlichen angeht, hat die Bundesregierung schon vor drei Jahren die Altersgrenze von 16 auf 14 Jahre gesengt. Auch dürfen Sachverhalte bei denen es über Kinder geht, heute schon vom Verfassungsschutz gespeichert werden. Ein Eintrag in das Nadis ist aber nicht erlaubt. Nun soll es , wenn es nach dem Willen des Innenministers geht, erlaubt werden, radikales oder aggressives Verhalten von Kindern zu protokollieren , zu sammeln, zu speichern und an den Verfassungsschutz weiterzuleiten. Soweit die Beschreibung des Status quo.

Man muss nicht allzuviel Phantasie haben um zu erkennen, um was es geht. Kinder von Flüchtlingen, Asylanten sollen als potentiell gefährlich dargestellt werden. Ob aus Zufall, Unwissenheit oder aus Kalkül, werden sie mit Kindern von islamistischen Kämpfern die nun nach Deutschland zurückkehren gleichgesetzt. Aber wir wissen doch , dass Kinder die mit ihren Eltern geflüchtet sind, entwurzelt und desorientiert sind. Jedem der sich wirklich mit diesen Menschen umgibt, weiß doch , dass sowohl die Eltern und die Kinder traumatisiert sind. Es ist doch allen klar, dass ein Leben in einer Sammelunterkunft für die Eltern, aber vor allem für die Kinder, die Hölle ist. Das dies nicht dazu beiträgt, für sie die Lebensumstände zu schaffen , welche sie brauchen um einen Weg aus einer fast aussichtslosen Lebenssituation zu finden. Was sie brauchen ist Ruhe, Sicherheit und in vielen Fällen therapeutische Hilfe. Schauen wir uns die Situation der Kinder von islamistischen Kämpfern an. Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit mussten sie Gräueltaten erleben, die ihnen oder anderen zugefügt wurden. Die sie vielleicht selbst ausgeführt haben. Es ist so und dies ist leider keine Fiktion, dass sie oft dazu missbraucht und gezwungen wurden, die Botschaft von Gewalt, Gewaltanwendung und Hass in ihren Köpfen und Seelen einzubrennen. Wie ein Parasit frisst sich diese erzwungene grausame Erfahrung durch die gesamte geistige, seelische und körperliche Identität des Kindes. Aus einer fröhlichen, neugierigen, den Menschen und der Umwelt zugewandten eigenständigen Persönlichkeit, die ihrer Umwelt, den Menschen und ganz besonders ihren Eltern, mit Vertrauen und Wohlwollen begegnet, wurde binnen kürzester Zeit ein Empfänger für Gewalttheorien und Gewaltausübung. Diese Kinder kommen als an ihrer Seele und Geist zerbrochene Menschen zu uns. Sie sind traumatisiert und brauchen dringend Hilfe bei der Verarbeitung des Erlebten. Sie kommen übrigens im Regelfall nicht alleine, sondern mit ihren Vätern und Müttern, die entweder deutsche Staatsbürger sind, oder bei uns aufgewachsen sind. Ja, die Eltern haben in ihrer ideologischen Verbohrtheit, Schuld für Mord und Gräueltaten auf sich geladen. Sie waren an Verbrechen beteiligt, für deren Beschreibung fast keine Worte zu finden sind. Findet man sie trotzdem, werden sie der grausamen Realität nicht im geringsten gerecht. Gleiches gilt, wenn man auch nur versucht zu beschreiben, in welche Situation sie ihre Kinder gebracht haben. Und trotzdem sie sind die Eltern. Je nach Einschätzung der Therapeuten , muss festgelegt werden, in welchem Umfang , in welcher Intensität und in welcher physischen Anwesenheitsform, sie in die Bearbeitung des Traumas eingebunden werden.

Für sie und alle Eltern und Kinder, auch die Kinder und Eltern , die nicht geflüchtet sind, deren Eltern keine Asylanten sind, keine Flüchtlinge sind, oder islamistischen Kämpfer waren , die in einem wohl behüteten Land aufwachsen, müssen jeden Tag mit den Folgen der erlebten Grausamkeit ihrer Mitmenschen umgehen. Damit dies für alle überhaupt möglich ist, braucht man Menschen die ohne Angst , Hass und Wut, aber mit einem warmen Herzen und großer Realitätsbezogenheit, bereit sind, mitzuhelfen und aktiv Stellung zu beziehen, gegen Hass und Intoleranz. Die wissen, dass Hass auf andere Menschen keine Nationalität hat und nichts mit Religion zu tun hat. Die ganz große Mehrheit in unserem Land weiß dies und verhält sich auch so. Wir benötigen gut ausgebildete Therapeuten_innen, die mit allen Kindern und Eltern arbeiten können. Selbst verständlich an den jeweiligen Erfordernissen und Bedürfnissen der einzelnen orientiert. Die den Fachkräften in den Kindergärten , den Schulen , der Gesellschaft vermitteln können, wie sie mit diesen Kindern und Eltern umgehen sollen. Haben wir, aber nicht genügend. Wir brauchen Erzieher_innen und Sozialpädagogen_innen vor Ort , welche die entsprechende Ausbildung haben um den Bedürfnissen dieser Kindern und deren Eltern gerecht werden zu können. Die vor Ort als Vermittler zwischen den verschiedenen Welten auftreten können. So viele wie wir davon brauchen, haben wir aber nicht. Wir brauchen Jugendämter die selbstbewusst sind. Die man ihre sehr schwierige Arbeit machen lässt. Die genügend Personal haben , um diese Herkulesarbeit überhaupt machen zu können. Haben wir, aber nicht genügend. Wir brauchen Schulen und Lehrer_innen , die darauf vorbereitet und dafür weitergebildet sind, diese Aufgabe mit Herz und Verstand zu machen. Die gibt es, aber zu wenige.

Nein, es macht keinen Sinn an dieser Stelle in eine politische Debatte einzusteigen. Dies würde nur die Kreise stärken, denen es eben nicht darum geht, allen Kindern und Eltern , egal welcher Nationalität , ein Leben ohne Krieg, in Freiheit, Sicherheit,Gesundheit, zu ermöglichen. Was wir brauchen ist die Solidarität der Menschen, die sehen, dass eine Sammlung von Verhaltensweisen von Kindern, rechtlich höchst fragwürdig ist und im therapeutischen und pädagogischen Kontext keinen Sinn ergeben. Zumal es genügend Möglichkeiten gibt auffallendes Verhalten zu beschreiben und es dann an den Stelle vorzubringen und zu behandeln, an die es gehört, nämlich zu den Therapeuten, Erziehern, Lehrern, Eltern, Jugendämtern. Aber ganz sicher nicht zum Verfassungsschutz.

10:08 01.04.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Fritz Grau

Fritz Grau , Heilpädagoge und Familientherapeut(DGSF)Familie, Kindheit, Politik
Fritz Grau

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