Vor dem Fördern kommt die Beziehung.

Kindheit und Moderne Welt Druck und höhere Leistungsanforderungen. Wie aus der Pisastudie die falschen Konsequenzen gezogen wurden.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Vor dem dem Fördern kommt die Beziehung.

Angetrieben von der Pisastudie die den deutschen Schüler und Lehrern anscheinend bestätigte, dass sie im europäischen Vergleich bestenfalls Mittelmaß sind, wurde versucht durch einen effektiveren Umgang mit der Zeit eine Bessere messbare Bildung der Kinder zu erreichen. Sichtbarer Ausdruck dieser Bemühungen die Einführung des G 8. Kürzt man die Zeit die zur Verfügung steht,bedeutet dies,dass man eben auch einen veränderte Umgang mit der zur Verfügung stehenden Zeit vornehmen muss. Dies wiederum hat zur Folge, dass man entweder den Unterrichtstoffe bzw. die Anforderungen an die Schüler, Lehrer, Eltern reduziert oder die gleichen Anforderungen in kürzerer Zeit erfüllen muss. Nach allem was zu beobachten ist, haben sich die Anforderungen an die Schüler und Eltern nicht reduziert, sondern eher erhöht. Deutlich sichtbar zum Beispiel auch schon im Kindergarten, wo es fast schon zum Normalstandard gehört, dass die Kinder vor Schuleintritt alle Fertigkeiten mitbringen, die sie bis vor wenigen Jahren in der ersten Grundschulklasse erst erworben haben. Unglücklicher Weise trafen die zum Teil berechtigten Veränderungsansprüche mit der von der Gesellschaft und Wirtschaft geforderten größeren Flexibilität und zeitlichen Verfügbarkeit in allen Bereichen zusammen. Die Aussage „Zeit ist Geld“ bekam auch für den Pädagogischen Bereich eine ganz neue Bedeutung. Der Druck in recht kurzer Zeit , den maximalen Erfolg zu erreichen ist mittlerweile höher als je zuvor. Gut ist der, welcher in kurzer Zeit mit am wenigsten Anstrengung den größten maximalen materiellen Erfolg erringt. Er hat die Anerkennung von uns allen und mutiert zum Medienstar. Am Besten zu betrachten ist diese Entwicklung in den verschieden Dokus in allen Fernsehprogrammen.

Eine der daraus resultierenden falschen Annahmen ist die Vorstellung,man könne, wenn man nur noch mehr Förderprogramme und pädagogische Kniffe , Elternprogramme wie zum Beispiel : „Triple – P“ „Freiheit in Grenzen“ und wie sie alle heißen mögen durchführt, entweder eine höhere Lernbereitschaft und Lernfähigkeit der Kinder oder eine höhere Eigenkompetenz der Eltern erreichen. Aristoteles sagt zum Thema lernen , er könne wohl kaum die Anderen wirklich etwas lernen. Er könne aber eine gute Hebamme sein , die jedem Menschen dabei helfen kann, die in ihm selbst liegenden Fähigkeiten auf die Welt zu bringen. Emil Kobi, einer großen Heilpädagogen im deutschen Sprachraum sagte : „ Erziehen heißt verstehen“. Durchdenkt man die beiden Aussagen, dann wird recht schnell klar, dass man zum Verstehen und zum auf die Welt bringen Zeit benötigt. Keiner von uns würde auf die Idee kommen, mit irgendwelchen Förderprogrammen dafür zu sorgen, dass ein Säugling schon nach 6 Monaten Schwangerschaft der Mutter auf die Welt kommt.

Welchen Rat soll man also zum Beispiel einer Familie geben, die in die Beratungsstelle für Kinder und Jugendlich und Familien kommt weil ihr Sohn oder ihre Tochter ein auffälliges Verhalten zeigt und es sich recht schnell zeigt, dass dieses Kind einfach nur die Zeit und Zuwendung der Eltern benötigt. „Nehmen sie sich mehr Zeit“? „ Lassen Sie ihrem Kind mehr Zeit“? Kann man dies wirklich tun, wenn man weiß, dass beide Eltern in einem Dreischichtsystem arbeiten und sie somit ihr Kind oft tagelang nur ganz kurz sehen. Dies nicht deshalb weil sie sich den sechsten Urlaub in der Südsee leisten wollen. Nein in Urlaub war die Familie schon seit drei Jahren nicht mehr. Die Eltern tun dies, weil sie dringend das Geld benötigen um für sich und ihre Kinder ein Auskommen zu haben. Natürlich könnten der Vater oder auch die Mutter dem Chef sagen, dass sie nicht mehr im Dreischichtsystem arbeiten können. Die Folgen? Nun, wenn der Chef ja sagt, würde dies ja darauf hinauslaufen, dass entweder Vater oder Mutter weniger Arbeiten. Dies wiederum bedeutet weniger Geld. Die Familie benötigt aber das Geld. Es kann aber auch so sein, dass der Chef feststellt, dass es nun mal leider so ist, dass er nur Mitarbeiterinnen beschäftigen kann die diese Arbeitsweise ohne Wenn und Aber einhalten können. Die auch mal spontan am Wochenende arbeiten. Beratungstermine während der Arbeitszeit in der Beratungsstelle? Na ja, einmal aber dann ist es gut. Bliebe als Option eventuell die Möglichkeit die Stelle zu wechseln. In diesem Fall würden recht schnell neben eventueller Arbeitslosigkeit , Hartz IV und den damit verbundenen Geldproblemen auch die persönlichen Probleme im Umgang mit einer Arbeitslosigkeit hinzukommen.

Jesper Juul weißt zurecht darauf hin, dass es nicht darum geht unseren Kindern das fünfte Lernprogramm, den dritten Kurs im Umgang mit Lernen , Schule etc. anzubieten, sondern zu ihnen eine emotional feste und respektvolle Beziehung aufzubauen. Um eine Beziehung aufzubauen , brauche ich Zeit. Zeit in der ich meinem Kind zuhören kann. Seine Wünsche, seine Träume erfahre. Zeit dafür seine Wut auszuhalten. Zeit dazu es auch bei seinen Irrwegen zu begleiten. Haben wir diese Zeit nicht , dann ist es wie auf einem Bahnhof in dem ein Zug steht und ein Zugfahrer zum Fenster hinaus schaut. In diesem Moment fährt ein anderer Zug auf dem Nebengleis ein. Auch dort schaut ein anderer Zugfahrer aus dem Fenster. Plötzlich erkennen beide, dass sie sich auf einem Fest sahen, sich aus den Augen verloren und den großen Wunsch hatten sich wieder zu sehen. Jedoch gab es keine Möglichkeit dazu. Dann als sie einander etwas zurufen wollten, fuhr der eine Zug wieder weiter und die Worte wurde zerrissen und waren nicht mehr zu hören.

Wie wichtig es ist , Zeit für einander zu haben zeigt das folgende eigene Erlebnis.Sehr verzweifelte Eltern kamen zu mir in die Beratungsstelle und klagten mir ihr Leid,ihre Verzweiflung im Umgang mit ihrer 5 jährigen Tochter. Es war wirklich schwierig und auch ich hatte meine schwierigen Situationen und auch Kämpfe mit dem Mädchen. Auch sie hatte ihre Kämpfe mit mir und meinen Vorstellungen.Wir haben einander gemocht,aber auch manchmal sehr viel voneinander verlangt. Wir haben durchgehalten,wir haben uns Zeit genommen. Die Eltern und der Kindergarten haben uns geduldig die Zeit gegeben, so lange , bis sich das Verhalten des Mädchens deutlich verändert hatte. Als wir uns nach einer recht langen Zeit zur letzten Therapiesitzung trafen fragte sie mich fast am Ende der Stunde: „Darf ich dich was fragen“? „Natürlich“ , meinte ich. „ Was machst du eigentlich,wenn du arbeitest?“

Ich war gerührt. Ja ich hatte vergessen dass ich mit ihr arbeitete. Es war uns beiden gelungen einander kennen zu lernen. Einander die Zeit zum Aufbau einer Beziehung zu geben und dann, und nur dadurch, war es mir möglich sie auf ihrem Weg zu Veränderung zu begleiten. Nur dadurch war es ihr möglich den Weg der Veränderung und Selbständigkeit zu gehen.

21:57 14.08.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Fritz Grau

Fritz Grau , Heilpädagoge und Familientherapeut(DGSF) Familie, Kindheit, Politik
Fritz Grau

Kommentare