Was ist wichtig ?

Kindheit und Moderne Welt Es ist wichtiger , etwas im Kopf zu haben, als zu fragen mit was ich ihn bedecke.
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Jede Woche wieder

So zuverlässig wie es Tag und Nacht wird und im Abstand von maximal einer Woche wird es diskutiert. Dürfen Frauen verschleiert durch die Stadt laufen ? Dürfen sich Frauen überhaupt verschleiern ? Machen sie es freiwillig oder stecken ihre Männer dahinter ? Jetzt ganz akut , dürfen Kinder oder Jugendliche die einen Kindergarten oder eine Schule besuchen, ein Kopftuch tragen? Stört das Kopftuch bei der Integration in Schule oder Kindergarten? Stört es die bayrischen , saarländischen Kinder und Schüler , in ihrem Deutschsein, was immer das sein mag und wie wünschenswert dies überhaupt wäre. Werden sie womöglich zu gewaltbereiten Muslimen oder Muslimas, wenn ein Mädchen mit einem Kopftuch neben ihnen im Stuhlkreis oder der Schulbank sitzt ? Sind sie schuld, wenn sich die Jungen und Mädchen zu rechten Parolen bekennen ? Ach ja , womöglich mögen die Bayern oder Westfalen dann kein Schweinefleisch mehr. Wäre gut für die Tiere , aber ziemlich schlecht für die Bauern.

Ende der Satire

Auch wenn Satire manchmal die einzige Möglichkeit ist, die Irrationalität der ganzen Diskussion zu ertragen. Es stimmt schon, manche Frauen und Mädchen die einen muslimischen Familienhintergrund haben, werden von ihren Freunden oder Eltern massiv unter Druck gesetzt . Sicher auch mit massiver Gewalt. Dies ist unerträglich und dagegen muss mit allen dem Staat zur Verfügung stehenden juristischen und strafrechtlichen Möglichkeiten vorgegangen werden. Die gesetzlichen Grundlagen hierfür sind vorhanden. Diese gelten für alle Menschen die bei uns leben. Vor dem Gesetz sind alle gleich.

Es ist eine Tatsache, dass es Konfliktpotential im Zusammenleben verschiedener Kulturen gibt. Es stimmt, dass gerade im Kindergarten, Kinderhort und Schulen , diese Konflikte offen zu Tage treten. Das Leher*innen , Erzieher*innen und andere Bezugspersonen manchmal weit über ihre Grenzen damit konfrontiert werden. Es stimmt aber auch, das ein Zusammenleben von Menschen verschiedener Kulturen für eine Gesellschaft eine kulturelle und kognitive Bereicherung ist.

Was tun?

Prävention

Wichtig ist , präventive Maßnahmen durchzuführen. Diese müssen niederschwellig sein, damit sie von allen Menschen die bei uns leben, gleich welcher Religion , Kultur oder Staatsangehörigkeit sie angehören, wahrgenommen werden können. Niederschwellig heißt übrigens nicht, ohne Hirn , Verstand und Herz. Niederschwellig meint: es muß für die Eltern und ihre Kinder möglich sein , diese Angebote ohne die Angst vorgeführt zu werden besuchen zu können. Sie müssen so aufgebaut sein, dass sie alle Schichten ansprechen und von allen Schichten verstanden werden können. Und , vor allem sie müssen Handlungsbezogen sein . Sie müssen die Kultur aller bei uns lebenden Menschen widerspiegeln und respektieren. Genau so klar ist , dass es dort , wo menschenverachtende Praktiken und Slogen verbreitet werden, die gegen unser Grundgesetz verstoßen, die Menschwürde verletzen , die Religiöse Freiheit in Frage stellen, geschweige denn, Gewaltanwendung propagieren oder in Wort und Tat umsetzen, die deutlich Zurechtweisung erfolgen muss. Durchaus , in letzter Konsequenz, unter der Zuhilfenahme gerichtlicher und polizeilicher Unterstützung. Und - ganz klar, es ist richtig und wichtig, dass sich Männer und Frauen gleichberechtigt darin wiederfinden

Ist ein Kopftuchverbot eine präventiven Maßnahmen?

Rechtsgerichtete Hetze und Propaganda

Es steht außer Zweifel, dass rechtsgerichtete Kreise und Parteien nicht daran interessiert sind , alle Bürger die bei uns leben gleich zu behandeln. Es geht ihnen eindeutig darum, andere Kulturen, Lebensweisen, Religionen, am besten aus Deutschland zu verbannen. Was in deren Realität bedeutet, diese Menschen am besten gar nicht bei uns zu haben. Wenn sie schon bei uns sind, dann sollen sie gefälligst dankbar sein , ihre Kultur und Religion verleugnen und das tun, was ihnen die Deutschen erlauben. Ein etwaiges Kopftuchverbot , ist für sie keine präventive Maßnahme, auch wenn sie dies immer behaupt. Es ist die dumpfe, gezielte, pauschale Verunglimpfung von Menschen mit einem anderen kulturellen und religiösen Hintergrund.

Feministische Überlegungen zum Kopftuch

Anders als die die Propaganda rechter Kreise , sind die Überlegungen von Frauen und Männern , in wie weit das Tragen eines Kopftuches das Recht der Frauen auf Selbstbestimmung und weibliche Freiheit einschränkt, sehr wohl als präventive Überlegung äußerst wichtig. Zumal wir wissen, dass gerade Kinder, übrigens egal ob es sich um Jungen oder Mädchen handelt , das Verhalten ihrer Eltern als Matrix und Maßstab in ihre Lebensgestaltung einbauen. Es besteht also die reale Gefahr, dass der Junge , wenn er dies so erlebt , auch das entsprechende Bild , dass ein Mädchen ein Kopftuch zu tragen hat , egal ob es dies nun will, mit allen ihm zur Verfügung stehenden Möglichkeiten durchzusetzen versucht. Vielleicht schon in jungen Jahren im Kindergarten, oder der Schule und später als Mann, in dem er diese Ansicht eventuell auch mit Gewalt durchsetzt. Den Mädchen könnte das Bild vermittelt werden, dass es völlig normal ist ein Kopftuch zu tragen , wenn der Mann bzw. die Gesellschaft dies erwarten. Im schlimmsten Fall, dass der Mann das Recht hat, dies , wenn er es möchte, auch mit Gewalt durchzusetzen. Was gleichzusetzen ist mit der Maxime , der Mann kann das Leben der Kinder und Frauen dominieren wie er dies will. Man kann also nur wünschen , dass sich Frauen und Männer laut und in bunter Vielfalt zu Wort melden.

Verbündete

Ganz sicher gibt es Eltern und Männer die ihren Kindern und Frauen keinen Druck machen, sondern diese selbst darüber entscheiden lassen, in welcher Kleidung sie in der Öffentlichkeit unterwegs sind. Ganz sicher gibt es Frauen und Mädchen die das Kopftuch tragen, weil es für sie wichtig ist. Weil es in einer fremden Umgebung einen Anker der Sicherheit bietet. Sie tun dies, weil sie ihr Recht einfordern sich frei dafür zu entscheiden, was sie wann, wo, wie, machen. Sie fordern uns heraus mit der Aufforderung: Da schaut her ! Auch wir haben einen Gott. Er hat einen anderen Namen, als der eure. Wir bekennen uns zu ihm. Oder, auch wir glauben an keinen Gott, so wie viele von euch. Aber wir haben eine Kultur uns zu kleiden , etwas was ihr auch habt. Also tragen wir es stolz und aus freiem Willen. Sie gehen damit auf die Straße, obwohl sie Wissen und Fühlen, dass es für sie bei uns gefährlich wird, wenn sie Menschen mit einem rechten Hintergrund begegnen und davon gibt es bei uns mehr als genug. Sie ertragen im Bus die mitleidigen Blicke der anderen Frauen und Männer , die ohne ein Wort zu sagen, laut darüber nachdenken, ob sie das Kopftuch freiwillig tragen oder nicht. Sie bemerken die neugierigen Blicke der Kinder und Jugendlichen , sie hören die geflüsterten oder lauten Fragen der Kinder . Es gehört viel Mut dazu, gerade weil sie um diese Gedanken und die mitleidigen Blicke wissen, mit einem Kopftuch in der Öffentlichkeit präsent zu sein.

Sind nicht sie die Frauen und Männer , die wir in der manchmal einfältigen und überheblichen Art unseres Denkens fordern. Haben sich nicht diese Frauen und Männer schon längst integriert. Gerade weil sie ihrer Tochter erlauben mit dem Kopftuch in den Kindergarten , die Schule , Lehre oder zum Studium zu gehen ? Gerade weil sie öffentlich ein Kopftuch tragen ? Gerade weil sie und ihr Mann dies so wollen ? Ohne Druck , Gewalt oder Erpressung. Es ist enorm wichtig, gerade diese Menschen einzubinden , sie zu respektieren und bewusst in unsere Gemeinschaft einzuladen und sie zu fragen, wie sie es schaffen, beide Kulturen zu leben? Wie es ihnen gelingt den Reichtum zweier Heimaten zu leben? Sie gehören zu den wichtigsten Verbündeten , wenn wir ernst damit machen wollen, allen Menschen die bei uns leben ein friedliches, selbstbestimmtes und respektvolles leben zu ermöglichen.

Leila Silmani

wurde am 3. Oktober 1981 in Rabatt in Marokko als Tochter eines Ökonomen geboren. Sie wuchs in Marokko auf. Sie ist Schriftstellerin und lebt heute in Frankreich. Französisch betrachtet sie neben dem arabischen als ihre zweite Muttersprache. Der französische Staatspräsident Macron ernannte sie aufgrund ihres Engagements für die französische Sprache zur Botschafterin für Frankophonie.

Leila Silmani gelingt es sehr gut darzustellen, worum es bei der Diskussion gehen sollte. Sie stellt fest, dass sie nichts gegen die Frauen hat die einen Schleier tragen, sondern gegen den Schleier. Nach ihrer Ansicht, ist er ein patriarchales Symbol. Sie lässt keinen Zweifel daran, dass sie ihn niemals tragen würde. Wollen Frauen aus eigener Überzeugung den Schleier tragen, so Silmani, dann sollen sie das auch tun. Die Trennung zwischen Staat und Kirche findet sie richtig. Nach ihrer Überzeugung , hat Religion in der Schule nicht zu suchen. Kinder dürfen nicht unter dem Einfluss der Religion stehen. Gleichzeitig vertritt sie die Meinung, dass eine Verschleierte Lehrerin, die Kinder schon nicht auffressen wird. Es gelte hier einfach , die Verhältnismäßigkeit zu bewahren.

Man würde sich bei der gerade bei uns stattfindenden Diskussion über Kopftuch und Schleier solch eine differenzierte Sichtweise wünschen.

22:52 03.06.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Fritz Grau

Fritz Grau , Heilpädagoge und Familientherapeut(DGSF) Familie, Kindheit, Politik
Fritz Grau

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