Wenn der Jens vorbei schaut

Kindheit und Moderne Welt Gibt es Information ohne Werbung? Kann man den Besuch eines Infosoldaten in einer Schulklasse losgelöst vom Werbeauftritt im Internet sehen?
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Es klopft es an der Tür und herein tritt ein Offizier in der schmucken Uniform der Luftwaffe . Er lächelt. Schaut freundlich in die Runde und sagt mit sanfter Stimme: " Hallo, liebe Jungen und Mädchen. Ich bin der Jens und erzähle euch nun etwas über die Bundeswehr."

Ein wenig erinnert er an einen gewissen Herrn Kaiser, den netten Versicherungsvertreter , den wir alle aus der Werbung kennen. Irgendwie haben sie ja beide den gleichen Job. Beide wollen etwas verkaufen. Herr Kaiser Versicherungen und Jens die Bundeswehr. Es gibt aber einen entscheidenden Unterschied. Normalerweise ist der Beruf des Versicherungsagenten oder einer Versicherungsagentin nicht tödlich und es gehört auch nicht zu Berufsbild mit der Waffe in der Hand anderen gegenüber zu treten und sie werden hoffentlich nie in die Situation kommen, eine Waffe einsetzen zu müssen. Anders sieht es beim Beruf des Soldaten oder der Soldatin aus. Ihr Beruf kann sehr wohl tödlich sein. Es gehört zum Berufsbild eventuell andere Menschen zu töten , oder selbst getötet zu werden. Egal wie Jens sich darstellt, im Hintergrund laueren immer , Kampf, Gewalt und Tod. Es wäre eine Anmaßung über die moralischen und menschlichen Beweggründe der Menschen zu urteilen, die bei der Bundeswehr ihren Dienst machen. Aber, wir sollten uns schon klar machen, dass Soldat oder Soldatin zu sein, eben kein Beruf wie jeder andere ist. Es ist eben nicht das "Abenteuer,, , welches die verschieden Werbeclips suggerieren.

Befürworter des Besuches von Jugendoffizieren in Schulen, argumentieren , der Offizier oder die Offizierin würden nur Informieren und nicht für die Bundeswehr werben. Die Offiziere und Offizierinnen selbst sagen, wenn jemand Auskunft über die Karriere bei der Bundeswehr möchte , verweisen sie auf die Infozentren . Problem gelöst ? Selbstverständlich nicht. So einfach funktionieren Menschen glücklicherweise nicht. Man könnte viele Gründe dafür nennen, warum der Besuch eines Soldaten oder einer Soldatin in der Schule selbstverständlich Werbung für die Bundeswehr ist.

Menschen wirken auf andere Menschen

Menschen wirken auf andere Menschen nicht nur mit Worten, sondern zum Beispiel mit Gestik und Mimik. Mit dem Klang ihrer Stimme, mit der Art und Weise wie sich sich bewegen. Mit der Art wie sie jemanden Anblicken und lächeln. Wie sie auf Fragen reagieren. Welche Argumente sie benutzen. Ob sie groß oder klein sind etc.

Kleider machen Bilder und Vorstellungen

Äußeres, wie zum Beispiel die Kleidung, spielen eine große Rolle. Uniformen spielen natürlich eine besondere Rolle. Sie sollen etwas Ausstrahlen, sollen Eindruck machen. Dabei reicht die Palette von Lässigkeit bis zu Respekt, Mut, Kraft oder Staatsgewalt. Die Werbung weiß das nur zu gut.

Jeder gestaltet seine eigene Wahrnehmung

Wir meinen vielleicht, wir könnten unser eigenes Verhalten so gestalten, dass wir nur informieren würden. Das ist natürlich ein Irrtum . Selbst wenn dies so wäre, haben wir nicht den geringsten Einfluss darauf, was unsere Zuschauer und unsere Zuschauerin und Zuhörer und Zuhörerin mit unserer Erscheinung machen. In welche Kategorien sie unsere Person einsortieren. Ob sie uns als Vorbild sehen, oder als unsympathische Gestalt die sie niemals sein wollen. Dies entscheidet jeder selbst.

Werbung und gesehenes kann nicht ausgeblendet werden.

Die durch die Medien und Zeitungen verbreiteten Werbespots über Soldaten und Soldatinnen sind präsent. In diesen wird nicht die Grausamkeit des Krieges gezeigt, sondern das Bild eines Abenteurers und einer Abenteurerin , die gerade eine super Challenge erleben dürfen.

Blick in die Vergangenheit

Hatten wir uns nicht immer über die DDR aufgeregt. Über den Wehrkundeunterricht und die damit verbundene Manipulation. Ja , die DDR war ein Staat der seine Bürger und Bürgerinnen unterdrückte. Der die Menschenrechte mit Füßen trat. Der nicht davor zurückschreckte Menschen in Gefängnissen einzusperren, nur weil sie ein anderes Leben führen wollten , oder schlicht in ein anderes Land übersiedeln wollten. Es ist gut , dass die Bürger und Bürgerinnen, gegen diese Statt rebellierten und am Ende dieses System zusammenbrach.

Blick in die Zukunft

Dies alles ist die Bundesrepublik Deutschland nicht. Sie ist das beste System, welches jemals auf deutschem Boden existierte. Sie ist es wert, verteidigt zu werden. Dies geschieht durch aktive Friedenspolitik und die Begeisterung der jungen Generation für ein einiges Europa , eine friedliche Welt ohne Ausbeutung , Krieg , Umwelt und Artenzerstörung. Das hierzu nötige Geld , haben wir in unsinnige Rüstungsprojekte investiert. In eine Rüstungsindustrie die Milliarden Aufträge bekommt und zu Millionen Menschen den Tod bringt. Es wäre ein großes Ziel, die junge Generation , die bereit dazu ist einen anderen Weg zu gehen, dabei zu unterstützen diesen neuen Weg zu gehen. Wir , die ältere Generation haben es verbockt , uns ein Leben ohne Militär zu ermöglichen. Wir haben die Welt so konstruiert wie sie heute ist. Wir haben nicht alles falsch gemacht. Wir haben es ermöglicht, dass wir seit 70 Jahren mit unseren Nachbarn in Europa in Frieden leben können. Es besteht die reale Gefahr , dass wir diesen Frieden verlieren. Deshalb gehört nicht der nette Jens in der schmucken Uniform der Luftwaffe und dem smarten Auftreten in unsere Schulen. Er verdient Schutz , Respekt und Achtung dafür, dass er bereit ist , sein Leben zu riskieren. Es wäre aber an der Zeit, zum Beispiel Klaus Peter Reusch, den Kapitän der "Lifelein", der dafür angeklagt wird, dass er Flüchtlinge im Mittelmeer rettete in unsere Schulen einzuladen. Oder Vertreter von Greenpeace oder Ärzte ohne Grenzen etc.

Man sollte unsere Schüler und Schülerinnen nicht dafür tadeln, dass sie während der Schulzeit demonstrieren. Wann denn sonst?

Ach ja, die sogenannten Fachleute ? Vielleicht sollten auch sie in die Schulen gehen. Aber nicht als Dozenten, sondern alls Zuhörer, die dann schweigend wieder die Klassen verlassen. Danach sollten sie darüber nachdenken, was sie gehört haben. Sie dürfen, ja sie müssen natürlich, wieder in die Schulen kommen. Sie müssen als Gesprächspartner willkommen und geachtet sein. Dann sollten die Schüler und Schülerinnen mit ihnen reden und diskutieren. Das wäre ein Ding!

00:10 13.05.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Fritz Grau

Fritz Grau , Heilpädagoge und Familientherapeut(DGSF) Familie, Kindheit, Politik
Fritz Grau

Kommentare