Wenn Kinder wieder etwas von Krieg hören

Kindheit und Moderne Welt Kinder leiden überall
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Das Eltern ihre Kinder schützen wollen und alles dafür tun, dass es ihren Kindern gut geht, verbindet alle Menschen an jedem Ort der Erde. Gleichgültig ob sie arm oder reich sind. Es besteht aber ein erheblicher Unterschied ,ob die Menschen in Syrien oder in Deutschland leben. Ob sie dafür auf die Straße gehen, weil ihre Kinder auf Grund der sozialen Lage der Familie keine Chance haben, genau so viel Förderung , Anregung und Begleitung zu bekommen, wie ein Kind von reichen Eltern, was für ein reiches Land ein zynischer Zustand ist und es somit geradezu eine Selbstverständlichkeit ist, dafür einzutreten, dass sich dies nicht irgendwann ändert , sondern sofort. Man muss in diesem Zusammenhang auch nicht darüber reden , ob das Grundgesetz für alle bei uns lebenden Menschen gilt. Wir haben ein Grundgesetz, welches keinen Unterschied zwischen Flüchtlingen, Migranten , Oberbayern oder Schwaben macht. Darum müssen wir unser Grundgesetz vor den vielen Veränderungsbestrebungen ,die darauf abzielen es auszuhöhlen oder ganze Passagen zu streichen schützen.

In Syrien machen sich die Eltern sicher keine Gedanken darüber, ob der Belag auf dem Pausenbrot nun vegan ist oder nicht. Hauptsache es gibt überhaupt etwas zu Essen und zu Trinken. Unsere theoretische Feststellung , dass Krieg den Kindern schadet und das man durch ein Umzug in ein weniger umkämpftes Gebiet mehr Sicherheit gewinnen könnte, ist für Eltern in Kriegsgebieten von existentieller Bedeutung. Allerdings werden sie dieses weniger umkämpfte Gebiet, wenn es dieses dann überhaupt gibt, nicht erreichen können. Man braucht sich nur das Ertrinken im Mittelmeer anzuschauen, um zu erkennen , wie alleingelassen diese Menschen sind. Bei diesen Kindern und Erwachsenen geht es um das nackte Überleben. Leidvoll müssen sie, alleine und hilflos mitansehen, wir ihre Kinder , sie selbst und ihre ganze Familie bedroht oder aktiv angegriffen oder getötet werden. Und , dies in einer Brutalität , wie wir sie uns nicht vorstellen können, von der wir aber auch nicht sagen können, dass wir nichts davon wissen und somit unschuldig wären. Youtube hält uns penibel jedes Verbrechen vor Augen und wir können uns die Szenen wieder und wieder anschauen. Wir wissen nur zu gut was vor sich geht.

Zwischen den Lebenswelten in Europa und Afrika scheint es zunächst keine Verbindung zu geben. Sie scheinen zu weit voneinander entfernt zu sein. Zu Recht ist äußerste Vorsicht geboten, die Lebenssituation der Menschen, die von Krieg , Unruhen, Verfolgung, heimgesucht werden, mit unseren Fragen gleichzusetzen, da es eine unzulässige und nicht ertragbare Verharmlosung der Qualen der Menschen in Libyen, Syrien und anderen vergleichbaren Staaten bedeuten würde. Was aber auch nicht bedeutet, dass die Fragen, Probleme, die Gewalt der zum Beispiel Kinder bei uns ausgesetzt sind weniger bedeutsamer wären. Aussagen wie: " Was wollt ihr denn ? Seid zufrieden ! Schaut wie es den anderen geht ! Euch geht es doch gut !, sind der Versuch etwas zu verharmlosen, was man nicht verharmlosen darf. Aussagen wie: "Wenn nicht so viele Fremde, Ausländer , Migranten hier wären, könnte man besser für unsere eigenen Kinder sorgen und könnte sie beschützter alleine auf die Straße lassen, muss man als das bezeichnen was sie sind. Nichts weiter als Hetze

Es gibt aber Verbindungslinien zwischen dem was unsere Kindern erleben und Verarbeiten müssen und dem Grausamen, was Kinder und Eltern in Staaten erleben in denen nackte Gewalt und das Töten von Mensch gar nicht mehr aufzuhören scheint, und es geradezu notwendig ist, damit zu rechnen, im nächsten Augenblick getötet zu werden, da eine Negierung dieser grausamen Tatsache, das eigene Leben noch mehr gefährden würde. Dadurch werden diese Menschen dazu gezwungen, ebenfalls in den Kategorien von Gewalt und Gegengewalt zu denken und zu handeln.

Die Kinder und Eltern in Afrika und anderen Krisenregionen sind ohne ihr Zutun in die bestehende Situation gekommen. Dies gilt auch für unsere Kinder, die, ob wir es wollen oder nicht, zu Zuhörern , Akteuren, Mitleidenden und Opfern werden. Es sind die Erwachsenen , die verschiedene Machtstrukturen innehaben, die sie nicht dazu nützen, alles zu tun um Konflikte friedlich zu lösen, sondern einen erheblichen Anteil daran haben, dass versucht wird mit Gewalt die eigenen Positionen und Anschauungen durchzudrücken. Als ob dies nicht genügen würde, genießen es einige, Gewalt um der Gewalt Willen auszuüben. Für die Betroffenen macht es keinen Unterschied zwischen dem Schergen der sie quält oder tötet und dem Lieferanten der Waffen zu unterscheiden. Es gibt kein gutes Erschießen, Vertreiben, Versklaven, Vergewaltigen und Töten . Was es gibt, sind die unzähligen Opfer. Opfer in deren Alltag immer wieder die erlittenen Qualen und Leiden auferstehen, ihnen die Quäler gegenüberstehen und ihnen ein sogenanntes normales Leben fast unmöglich machen. Täter , deren Seelen zerstört sind. Zerstört weil sie sich zu Handlangern der Gewalt gemacht haben und sie die Geister der Gequälten Tag und Nacht verfolgen.

Spätestens hier beginnt die Verbindung zu einheimischen Kindern und Eltern. Wir bilden uns ein , wir könnten als Zuschauer, sitzend in der Loge unbeschadet alles betrachten. Wenn es uns oder unseren Kindern zu laut wird, können wir ja den Ton abstellen, wegschauen , oder diese Vorstellung verlassen um uns eine lustige Komödie anschauen. So, wie wir gerade wegschauen, weil wir nicht sehen wollen , was im mare mediterraneum passiert. Schließlich wollen wir in den nächsten Ferien wieder zusammen mit unseren Kindern planschen, baden und eine schöne Zeit haben. Es ist sehr wichtig und notwendig unsere Kinder vor schrecklichen Bildern zu schützen und wenn sie ihnen ausgesetzt sind, sie bei der Verarbeitung dieser zu begleiten. Auch dies gilt für alle Kinder die bei uns wohnen. Es ist wichtig ihnen die andere Seite der Welt zu zeigen. Die Kunst, das Schöne, die Musik , das Geschützte, das Zusammenleben verschiedener Kulturen.

Sind wir aber wirklich so naiv, oder spielen wir nur die Naiven und glauben, unsere Kinder hätten nicht schon erfahren was zum Beispiel gerade im Mittelmeer passiert. Was in Syrien, Somalia mit Eltern und Kindern geschieht. Das die Eltern ihre Kinder nicht mehr schützen können. Das Eltern getötet werden. Das Freunde getötet werden. Glauben wir wirklich , sie bekommen nicht mit , welche Rolle wir spielen. Das wir es zulassen, dass Waffen hergestellt werden , um Arbeitsplätze zu haben. Wie wir schweigen, wenn unsere Regierung Waffen an andere Länder liefert. Das es auch unsere Waffen sind, die Kinder und Eltern töten. Sind wir so naiv zu glauben, sie würden nicht auch an unserer Fähigkeit und unserem Willen zweifeln sie beschützen zu können. Glauben wir wirklich dies ist auf den Pausenhöfen, beim Spielen , beim Reden miteinander kein Thema.

Können wir uns wirklich nicht vorstellen, welch verheerende Wirkung es auf unsere Kinder hat, dass sich die Bundeskanzlerin , auch wenn wir sie selbst vielleicht nicht gewählt haben, durch ihre Entscheidung, Flüchtlinge aufzunehmen, eine zutiefst menschliche und christliche Entscheidung, die von wirklicher Staatsfraulicher Größe zeugt , Anfeindungen und Morddrohungen ausgesetzt ist. Morddrohungen , weil sie Menschen in Not geholfen hat !

Hoffnungsvoll ist, dass eben nur ein Minderheit die Augen immer geschlossen hält. Das die Mehrheit, das Theater nicht verlässt und sich lieber eine lustige Komödie anschaut. Die überwiegende Mehrzahl der Eltern macht jeden Tag einen unerträglichen Spagat bei der Frage, wie viel Realität und wie viel Schutz vor der Realität brauche ich und mein Kind.

Und, wir haben eine Jugend, die sich einbringt und von uns Handlungen und nicht nur Reden fordert.

23:07 09.07.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Fritz Grau

Fritz Grau , Heilpädagoge und Familientherapeut(DGSF) Familie, Kindheit, Politik
Fritz Grau

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