De ruina Germaniae

Bildung/Finanzen Donezk? Aleppo? Gaza? Nein, diese Berliner Schule fällt von ganz alleine auseinander!
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Eigentlich ist die Fichtenberg-Oberschule im Berliner Bezirk Steglitz-Zehlendorf ein Vorzeige-Gymnasium, betrachtet man jedenfalls die akademische Ausbildung, die über 30-jährige Pionierarbeit bei der Inklusion von blinden und sehbehinderten Schülern, Auszeichnungen als Klimaschule, europäische Umweltschule, im Kampf gegen Rassismus, für gesellschaftliches Engagement, internationale Zusammenarbeit, die Schülerzeitung und ebenso sportliche Erfolge. Wen wundert´s, mag da mancher denken, schließlich gilt Berlins Südwesten als Stadtteil des wohlhabenden Bürgertums. Die Realität aber sieht anders aus. Das über hundertjährige, denkmalgeschützte Schulgebäude fällt mit erschreckender Geschwindigkeit auseinander. Das Dach ist löchrig und Teile davon fallen bisweilen herab, die Fenster sind undicht und baufällig, Teile der Schule sind im Winter nicht mehr beheizbar, der Putz der Fassade rieselt nicht, nein er stürzt in großen Brocken auf Hof und Gehwege, Aula und Kunsträume mussten bereits gesperrt werden, die sehbehinderten Schüler können das Gebäude nur noch in Begleitung betreten (↗Marode Schule). Das Schulgebäude bietet ein Bild wie aus einem Kriegsgebiet.

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Schulleiter Leppin ist zunehmend ratlos. Seit sieben Jahren schon mahnt er die Sanierung des Gebäudes beim Bezirksamt an, aber statt der nötigen Mittel für das Gebäude droht ihm das Rathaus Jahr für Jahr mit Kürzungen bei der Inklusion der sehbehinderten Schüler. Die geschätzten Sanierungskosten haben sich derweil auf 6,1 Millionen Euro summiert, mehr als die Bezirksverwaltung für die Sanierung der rund 120 Schulen des Bezirks insgesamt im kommenden Jahr ausgeben möchte (5,7 Mio.). Drängende Anfragen an die Ämter durch Schulleitung, Eltern- und Schülervertreter werden in Steglitz-Zehlendorf nach dem bewährten Ping-Pong-Prinzip bearbeitet bei dem sich Schulamt, Bauamt und Büro des Bürgermeisters reihum die Zuständigkeit zuspielen. Unnötig zu erwähnen, dass der Ball nirgendwo zur Ruhe kommen darf.

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Ein Fall bürokratischer Inkompetenz? Amtspersonen und Politiker, die von der Instandhaltung öffentlicher Gebäude so viel verstehen, wie die sprichwörtliche Henne vom Pinkeln? Ja, aber nicht nur! Es geht auch um politische Prioritäten!

Die Fäden laufen nämlich durchaus bei einer Person zusammen. Norbert Kopp (CDU) ist seit 1995 zunächst als Baustadtrat, dann als Bildungsstadtrat und seit 2006 als Bürgermeister und Chef des Finanzresorts unmittelbar verantwortlich für die Instandhaltung der Schulgebäude. Kopps Interesse aber gilt Einkaufszentren und potenten Investoren aus Übersee. Mehr als zehn Jahre kämpfte er verbissen dafür, einer ruhigen Wohnstraße einen mehrstöckigen Shoppingkomplex zu verordnen, direkt gegenüber einem Grundschulneubau, der, wen wundert´s, schon am Tage der Eröffnung aufgrund von Baumängeln teilweise einsturzgefährdet war (↗Baumängel AtheneGS). Aus 2000 qm Grundstücksfläche für die Shopping Mall wurden im der Planungen schnell 3000, 5000 und schließlich 10000 qm. Ohne Bebauungsplan, ohne Verkehrskonzept und ohne Bürgerbeteiligung so lautete Kopps Devise. Erst 2011 scheiterten diese Pläne am jahrelangen erbitterten Widerstand der Anwohner (↗Bürgerinitiative, ↗SPD-Fraktion).

Die Ansiedlung von Einkaufszentren - bisweilen gepaart mit Luxussiedlungen – auf jeder freien Fläche genießt indes weiterhin Priorität im Bezirk, ebenso wie die freie Bahn für deren Investoren. Die Genehmigungen sind schneller erteilt, die Bebauungspläne rascher durchgepeitscht als den Anwohnern und Betroffenen noch das Wort „Anhörung über die Lippen“ kommt. Wen wundert es, dass mancher Investor glaubt, er könne sich alles erlauben (↗Truman Plaza).

Über den ökonomischen Nutzen all dieser Vorhaben für den Bezirk, der mit der Schloßstraße seit jeher über eine der größten Einkaufsmeilen Deutschlands verfügt, mag man wohl streiten, angesichts des dortigen aggressiven Verdrängungskampfes zwischen den Vermietern (↗Boulevard Berlin). Zweifellos aber fordern diese millionenschweren Bauvorhaben von Bezirkspolitik und -verwaltung ein solches Maß an Aufmerksamkeit, dass man sich „Kleinigkeiten“ wie der Schulsanierung nur höchst ungern und selten zuwenden mag.

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Wer nun denkt, Bürgermeister Kopp habe sich über die Jahre in Selbstherrlichkeit ein kleines Königreich geschaffen, in dem nur mehr seine Wünsche und Regeln gelten, der liegt ebenfalls wieder ein Stück daneben. Norbert Kopp ist durchaus kein Autokrat, vielmehr ein aufrechter CDU-Parteisoldat. Als solcher trat er bereits während seiner Tätigkeit für das Statistische Landesamt in Erscheinung, wo seine vornehmste Aufgabe darin bestand, gegen die Vorhaben des sozialdemokratischen Amtsleiters zu intrigieren.

Und damit sind wir bei den Gründen, warum die Sanierung der Fichtenberg-Oberschule auf derart unüberwindliche Hindernisse trifft. Es geht nicht um den Schlendrian in der Verwaltung, nicht um die Inkompetenz einzelner Politiker, auch nicht um fehlende Mittel. Das Gymnasium, Eltern und Schüler stehen allein gegen ein von den neokonservativen Kreisen der CDU etabliertes System, dass Milliarden von Steuer-Euros für die Rettung von Zockerbanken ausgibt, weitere Milliardensummen unter dem Deckmantel des Demokratieexports an Oligarchen, Kriegsgewinnler und rechtsnationale Freikorps in der Ukraine verschenkt, sich aufrichtig um das finanzielle Wohl der Rüstungsfabrikanten sorgt aber für die Bürger Spott nur hat und Hohn. Anders kann man wohl die hinter vorgehaltener Hand geäußerte Meinung aus dem Bauamt nicht interpretieren, die für 2016 vorgesehene Grundsanierung der Fichtenberg-OS sei „eher fraglich“.

In diesen Tagen fragt sich so mancher Politiker, so mancher Mainstream-Journalist, woher die Sympathie vieler Bundesbürger für den russischen Präsidenten Putin in der Ukraine-Krise rühren mag. Vielleicht geht es ja um die konsequente und direkte Art und Weise, in der dieser sich nicht nur für die Belange seines Landes einsetzt, sondern auch die Bedürfnisse und Nöte seiner Mitbürger anspricht. Eine Einstellung, die wir bei unseren demokratisch gewählten Vertretern nur noch selten antreffen dürfen.

Die Fichtenberg-Oberschule jedenfalls braucht Geld für die Sanierung des Gebäudes und zwar schnell, will man die Schule vor der Schließung retten. Vielleicht sollten sich Schulleiter Leppin und Gesamt-Elternvertreter Stockmeier ja um Spendengelder aus Russland bemühen!

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18:41 24.11.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Fichte-OS

Schule mit Courage, nicht nur gegen “Rassismus” sondern auch für den Erhalt unseres Schulgebäudes.
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Fichte-OS

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