Tod eines lateinamerikanischen Mythos

Fidel Castro. Ein Nachruf Was bleibt vom ewigen Revolutionär?
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"Wenn ich wirklich sterbe, wird mir keiner glauben". Der besagte Tag ist eingetreten. Der Máximo Líder Fidel Alejandro Castro Ruz ist am Abend des 25.November 2016 verstorben. Was bleibt vom ewigen Revolutionär? Ein Nachruf.

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Eine Jesuitenschule, ein Jurastudium, einen Sturm auf eine Kaserne, drei Jahre im kubanischen Dschungel, eine Revolution, fast ein halbes Jahrhundert als Staatschef, zehn US-Präsidenten, spektakuläre 637 Attentate, eine Invasion, einen kalter Krieg, einen fast von ihm mitausgelösten Nuklearkrieg, einen Zerfall einer Supermacht, ewiger Zwist mit der anderen Supermacht, viele Operationen und 90 Lebensjahre. Was hat dieser Mann nicht alles im Leben überstanden?

Das Leben dieses charismatischen Mannes endet, wie es auch damals im weltvergessenen, kubanischen Örtchen Birán begann, eher unspektakulär und beschaulich. Diesmal in Santiago de Cuba. Fidel Castro starb einen friedlichen Tod und hinterlässt und entlässt einen Haufen Asche, ein verunsichertes Land in die ungewisse Zukunft und einen Mythos, der wahrscheinlich ewig in den Geschichtsbüchern zu finden sein wird. Doch wer war dieser Mann, der es liebte als internationale Paria in olivgrüner Uniform aufzutreten, eine Paria in Kleidung und Ideologie?

Fidel Castros Leben war ab ovo von Ungerechtigkeit geprägt. Als uneheliches Kind eines spanischen Vaters 1927 geboren und aufgrund dessen gehänselt, wurde er in einer Jesuitenschule ausgebildet, zog schließlich als ehrgeiziger junger Mann nach Havanna,wo er, was sonst, Jura studierte und schließlich Doktor der Rechte wurde. Zu dieser Zeit verschlang Fidel jedes Buch was er in die Finger bekam. Sein Lieblingsbuch war Don Quijote. Auch er kämpfte sein ganzes Leben gegen Windmühlen. Castro begann sich politisch zu engagieren. Fast hätte die Geschichte hier eine der interessantesten Persönlichkeiten des 20.Jahrhunderts verloren, als der hochgewachsene, sportliche Fidel fast Profi-Baseballspieler in den USA geworden wäre.

Was für ein Feuerkopf dieser Mann schon in seiner Jugend war, offenbart sich spätestens beim wahnwitzigen Sturm 1953 auf eine von vielen tausend Mann bewachte Kaserne. Im späteren Scheinprozess bewies Fidel all sein juristisches Talent und auch mithilfe von Seilschaften blieb er nicht lange im kubanischen Gefängnis. Man kann sich vorstellen wie dieser Kopf voller Ideen geradezu rauchte. Dieser Feuerkopf blitzte immer wieder auf und er pokerte stets mit vollem Einsatz. 1962 Kubakrise.

1956 landete er, nach kurzem Exil,mit dem anderen, ewigen Revolutionär Guevara in Kuba und bezwang mit einer Handvoll Mann, den Barbudos, innerhalb von drei Jahren die brutale Batista-Diktatur, die sich gerne mit US-Dollar versorgte und mit bundesrepublikanischen Orden schmückte. Ein Mann mit Rauschebart, Militäruniform und dicken Zigarren wirkte nicht nur optisch wie eine Paria auf der aalglatten internationalen Bühne. Seine unendlich lange Rede vor den Vereinten Nationen, sein Schulterschluss mit dem Ostblock, sein imposantes Auftreten mit Würdenträgern aus aller Welt. Bilder für Geschichtsbücher finden sich in seinem Leben genug.Sein Antlitz wird stets mit dem Kubas vermählt sein.Castro, Kolonialbauten, Zigarren, Salsa und Oldtimer, ein nicht zu trennendes Gemälde.

Dieser Mann ergriff die Zügel im Land und versuchte dieses nach seinen, seiner Ansicht nach moralisch besseren Vorstellungen umzuformen. Aus dem rückständigen Casino und Freudenhaus der USA schuf Fidel einen Staat, der eine hervorragend gebildete Bevölkerung, einen vergleichsweise hohen sozialen und gesundheitlichen Standard und eine eingeleitete Emanzipation großer Bevölkerungsteile aufweisen kann, trotz aller Widrigkeiten, Sabotageakten und Sanktionen. Zuerst in Kuba,dann sollte die ganze Welt folgen. Abenteuer in Lateinamerika und Afrika folgten. Vielleicht zu viel Revolution für ein Leben.

Auf dieser sozialen Ebene verwirklichte er seine Idee. Vielleicht war es mehr als eine Idee, eher ein moralisches Versprechen an die gebeutelten und unterdrückten Völker Lateinamerikas. Der Traum von weltweiter Gerechtigkeit und Gleichberechtigung. Freilich sein Versprechen nach Demokratie löste er nie ein und ebenso ist sein unrühmliches, menschenverachtendes Vorgehen gegen die sogenannten Konterrevolutionäre nicht zu unterschlagen .Radikales Freund-Feind-Denken.

Was bleibt nun den Erben Castros von dem unerschütterlichen Mann, der nachdem er allen weltpolitischen Stürmen trotzte, die Macht seinem Bruder übergab und um den es daraufhin sukzessive leiser wurde?

Es bleibt der Mythos Castro, der sich aus drei Bestandteilen zusammensetzt. Die erste Komponente ist das ewige Rebellentum, das beharrliche Trotzen, das Bild von freien Männern, die Zigarre rauchen und sich den tradierten Machtverhältnissen widersetzen .Damit verbunden auch die zweite Komponente, das ewige Außenseitertum, das Dasein als Underdog. Im großen Maßstab wie im kleinen. Die Insel, die sich den USA, dem mächtigen Kapitalismus und nicht zuletzt der menschlichen Gier, entgegenstellt. Der letzte und wahrscheinlich wichtigste Bestandteil, die große Ambivalenz, die Castros Leben und Wirken durchzieht, ist entscheidend für den Mythos.Ein Mann, der auf eine Jesuitenschule ging, sich mal katholisch, mal als Christ, mal als Kirchenfeind, mal als Sozialist, mal als Marxist, mal als Atheist bezeichnete und am Ende des Lebens noch mit dem Papst sprach. Ein Mann,der als junger Mann Briefe ans US-Außenministerium schrieb und fast Baseballspieler in der kapitalistischen Hochburg geworden wäre und später nolens volens zu dessen ärgerlichsten Antagonisten wurde, sich herausnahm der Supermacht vor den eigenen Toren zu trotzen. Ein Mann, der es schaffte Millionen weltweit zu begeistern,sich als Advokat der unterdrückten Völker und Nationen dieser Erde zu präsentieren und bis zuletzt Visionär blieb. Zugleich hassten ihn so viele und wünschten dem Totgesagten so oft den Tod. Nun ist er eingetreten.

Was wird von seinem Kuba bleiben, mehr noch was wird von seinem schillernden Mythos bleiben? In seiner berühmten Verteidigungsrede vor dem Tribunal Batistas sagte Fidel Castro, dass ihn die Geschichte freisprechen werden. Ihn und seinen Mythos. Das letztinstanzliche Urteil wird uns die Zeit geben.

13:17 26.11.2016
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