Abseits biologischer Kernfamilien

Serien Thomas Abeltshauser betrauert mit den letzten Folgen von „Modern Family“ und „Will & Grace“ das Ende einer Sitcom-Ära. Spoiler-Anteil: 50%
Abseits biologischer Kernfamilien
Eric McCormack als Will (l.) und Debra Messing als Grace (r.) in „Will & Grace“

Foto: Getty Images/NBC

Am 21. September 1998 küssten sich im US-Fernsehen eine Braut in Weiß und ihr vermeintlicher Gatte vor den johlenden Gästen einer New Yorker Bar, bevor sie sich mit wissendem Grinsen in die Augen schauten. Nein, die Liebe zwischen Grace Adler und Will Truman war nie erotischer Natur. Die chaotische Innenarchitektin und ihr schwuler bester Freund, der Kontrollfreak, waren ein Herz und eine Seele und WG-Partner auf Zeit. Das war die Basis der Sitcom Will & Grace, die Woche für Woche den turbulenten Alltag dieses Paars schilderte und schnell Kult wurde. Wer hätte damals gedacht, dass sie es über 20 Jahre später immer noch sein würde? Nun ist, nach elf Staffeln und 246 Episoden, der letzte Vorhang gefallen.

Auch die drei Familien von Modern Family haben sich Anfang April nach elf Seasons und 250 Folgen verabschiedet. Beide Comedyserien (deren finale Staffeln als Video on Demand auf Amazon Prime zu sehen sind) prägten in den letzten beiden Dekaden vor allem durch ihre schwulen Protagonisten den Zeitgeist und waren auf ihre Weise Wegbereiter und Begleiter hin zu mehr gesellschaftlicher Gleichberechtigung. Sie haben dem amerikanischen (und bald auch globalen) Fernsehpublikum mit Witz und Empathie vorgeführt, dass Liebe und Fürsorge oft abseits biologischer Kernfamilien zu finden sind, und damit, wie Vizepräsident Joe Biden 2012 zu Will & Grace erklärte, „der Bevölkerung mehr beigebracht als alle anderen“. Eine Ära geht zu Ende.

Beide Serien liefen bei großen, landesweiten Fernsehsendern, die sich, werbefinanziert, klassischerweise lang nicht so viel trauen wie der Abo-Sender HBO oder heute Streamingdienste. Zugleich erreichten sie lange auch weitaus mehr Menschen, NBC und ABC sind noch in der entferntesten Kleinstadt zu empfangen. Mit Witz und Situationskomik haben sie womöglich mehr zu einer Erweiterung des Familienbegriffs beigetragen als die meisten Leitartikel und Gesetzesänderungen.

Modern Family startete fast auf den Tag elf Jahre nach Will & Grace, am 23. September 2009, beim Disney-Sender ABC. Die Sitcom sollte ein liberales Publikum ebenso ansprechen wie konservativere Schichten im Mittleren Westen und in den Südstaaten, denn mit der Wahl Obamas kam auch Disney nicht mehr am gesellschaftlichen Wandel vorbei und zeigte der Fernsehnation, wie verschieden Familienmodelle aussehen können. Im Stil eines „Mockumentary“ begleitet ein stets unsichtbar bleibendes Filmteam den Alltag der Dunphys und Pritchetts. Dabei wird von Anfang an deutlich, dass sich die beiden schwulen Daddys Mitch und Cameron ebenso liebevoll um ihre kleine Adoptivtochter kümmern wie etwa Claire und Phil um ihre drei höchst ungleichen Kinder. Alle sind als Eltern mal überfordert, mal total peinlich oder im entscheidenden Moment Fels in der Brandung. Wie in keiner anderen Familiensitcom eines landesweiten Networksenders lebten hier traditionelle und Patchwork-Familien gleichberechtigt neben- und miteinander und spiegelten mit Themen wie Homo-Ehe, Adoption, Immigration die veränderten Einstellungen der Mehrheitsgesellschaft wider. Wo Will & Grace mit dem ersten schwulen Kuss zur Hauptsendezeit noch Avantgarde war, zeigte Modern Family eine bereits existierende neue Normalität. Zu unterschätzen ist dieses Sichtbarmachen dennoch keineswegs.

Rein formal entsprach Will & Grace als im Studio vor Live-Publikum aufgezeichnete Show mehr dem klassischeren Sitcom-Format. Die Figuren und ihr Familienkonzept jedoch waren immer schon unkonventioneller: Familie ist, wen sich die Menschen aussuchen und dazu machen. Chemie ist wichtiger als Biologie, Wahlverwandtschaften wichtiger als Blutsbande. Neben aller Comedy war Will & Grace deshalb immer auch politisch. Die Serie zeigte Lebensentwürfe, die nicht minder auf Liebe und Füreinander-da-Sein beruhen als die klassische Familie, wobei sie das nicht predigte, sondern Themen wie Coming-out, Homo-Ehe oder Leihmutterschaft mit subversivem Augenzwinkern in die Wohnzimmer brachte.

Widerspenstig in bester Comedytradition waren bei beiden Serienformaten im Übrigen vor allem die weiblichen Figuren, die auch in den Nebenrollen, von der spitzzüngigen Upperclass-Bitch Karen Walker in Will & Grace bis zur hochbegabten, sozial tapsigen Nerdtochter Alex in Modern Family, Klischees auf den Kopf stellen und auch mal herrlich politisch unkorrekt sein durften.

Der Lauf der Zeit ließ sich am deutlichsten an den Kindern ablesen, die wie ihre Darsteller mit den Staffeln aufgewachsen sind. Älter, wenn auch nur unmerklich reifer, sind auch die Erwachsenen geworden: Claire und Phil müssen sich am Ende an ihre Rollen als Großeltern gewöhnen; die seriellen Singles Will und Grace finden womöglich spätes Kinderglück, nicht miteinander, aber doch gemeinsam.

Jedem Ende wohnt so ein Neuanfang inne, auch bei den jeweiligen Finalfolgen: Sehr emotional und mit einem gehörigen Schuss Selbstironie – „Kein Blick zurück“ als missglücktes Mantra bei Will & Grace, eine endlose Schleife durch Widrigkeiten unterbrochener Abschiede bei Modern Family – fallen zwar hier wie da die Türen zu und gehen die Lichter aus. Doch ein Hoffnungsschimmer bleibt, wenn es auch nur eine vergessene Wandlampe oder ein Bewegungsmelder ist. Also vielleicht kein Adieu, sondern: Auf Wiedersehen.

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06:00 04.05.2020
Geschrieben von

Thomas Abeltshauser

Freier Autor und Filmjournalist
Thomas Abeltshauser

Ausgabe 41/2021

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