Das neue Normal

Serie In „Schitt’s Creek“ muss eine reiche, urbane Familie in einem Kaff neu anfangen. Das wappnet uns fürs Post-Covid-Leben
Das neue Normal
Wie man sich den Glanz besserer Zeiten in die Hütte holt – Johnny Rose (Eugene Levy) macht es vor

Foto: Steve Wilkie/ITV Studios

Es dauert manchmal eine Weile, bis man mit Menschen warm wird. Zumal dann, wenn sie auf den ersten Blick so wenig einnehmend wirken wie Familie Rose in der Comedyserie Schitt’s Creek. Vater Johnny Rose (Eugene Levy) hat es mit einer Videothekenkette zu beträchtlichem Vermögen gebracht, aber es dabei mit der Steuererklärung nicht immer so genau genommen. Gleich zu Beginn stehen nun die Beamten vor der Familienvilla und beschlagnahmen Hab und Gut. Nur einige Koffer dürfen die Roses mitnehmen, darunter die stattliche Perückensammlung von Ex-Seifenoperndarstellerin und Gattin Moira (Catherine O’Hara) und die teuren Designerfummel der beiden erwachsenen, leicht verzogenen und allein nur bedingt überlebensfähigen Kinder David (Dan Levy) und Alexis (Annie Murphy). Das Einzige, was ihnen sonst noch geblieben ist: ein wertloses Kaff namens Schitt’s Creek, das Johnny vor Jahren als Scherz für seinen Sohn zum Geburtstag gekauft hat. Und das nun in der Not ihr letzter Zufluchtsort wird.

Das Mitleid mit den Roses hält sich in Grenzen, auch weil sie anfangs nur schwer auszuhalten sind mit ihrer privilegierten Anspruchshaltung und der unbeholfen schnöseligen Art, mit der sie auf die Dorfbewohner reagieren. Diese wiederum machen es den Neuankömmlingen alles andere als leicht. Bürgermeister Roland Schitt (Chris Elliott) ist ein übergriffiger Simpel, der mit Bauernschläue seinen Willen durchzusetzen weiß. Wenig zuvorkommend ist auch Stevie (Emily Hampshire), die wortkarge Rezeptionistin des heruntergekommenen Motels, in dem zwei aneinandergrenzende Zimmer das neue Zuhause der Roses werden.

Aus diesem Kulturkampf zwischen abgehobenen, bis eben noch reichen Städtern und den vermeintlichen Hinterwäldlern zieht die Serie einen erheblichen Teil ihres komischen Potenzials, das in immer wieder höchst absurde Situationen und Dialoge mündet und Schitt’s Creek wie die witzigere, weniger düstere Partnerstadt zu Twin Peaks wirken lässt. Wie dort wachsen einem im Laufe der Zeit aber dann auch hier die Figuren mit all ihren Ticks und Neurosen ans Herz, die Wohlstandsexilanten ebenso wie die Dorfbewohner. Das Kaff wird zu einem Ort, an dem sich so ziemlich jede Skurrilität offen und ohne größere Sanktionen ausleben lässt. Und die Roses, die mit ihrem Auftreten zunächst kapriziös und egozentrisch wirken, erweisen sich nicht nur als überaus erfinderische Überlebenskünstler, sondern bei aller Künstlichkeit auch als erstaunlich authentisch und vor allem solidarisch, wenn es darauf ankommt. Mit sich und mit anderen.

Schitt’s Creek ist dabei eine Familien-Serie im besten Sinne: Sie feiert Eigensinn und Zusammenhalt als sich ergänzende Grundpfeiler einer Gemeinschaft, deren Mitglieder sich einander nicht ausgesucht haben, in der sich aber jedes Mitglied nach seiner Fasson ausleben kann.

Masterclass in Mitgefühl

Tochter Alexis versucht verzweifelt, ihr Leben als Partygirl aufrechtzuerhalten, wird dabei aber unverhofft PR-Expertin. Moiras eigenwillige Betonung bestimmter Wörter („Bébé“) und ihre innige Liebe zu ihren zahlreichen Perücken, von denen sie jeder einen Vornamen gegeben hat, wird ebenso wenig infrage gestellt wie etwa Davids Homosexualität. Die Beziehung zu seinem Geschäftspartner Patrick (Noah Reid) entfaltet sich zu einer der schönsten schwulen Liebesgeschichten der jüngsten Fernsehhistorie. In 80 Folgen feiert die Serie so auf herrlich schräge, oft beiläufige Art Diversität und Inklusion, wobei sich die Unterschiede dieser schillernden Charaktere als wahre Stärken erweisen.

Das Familienkonzept setzt sich auch hinter den Kulissen fort: Geschrieben hat die Serie das Vater-Sohn-Duo Eugene und Dan Levy, das auch die Hauptrollen spielt. Sarah Levy, Dans Schwester, tritt als Twyla, gute Seele des örtlichen Diners, auf. Und Catherine O’Hara als Moira ist als Eugene Levys langjährige Comedypartnerin auf der Bühne und in den Ensemble-Komödien von Christopher Guest quasi Wahlfamilie. Diese engen Bande sind in zahlreichen Szenen zu spüren und machen viel vom Charme der Serie aus, die lange unter dem Radar lief.

Als die Comedyserie am 13. Januar 2015 bei dem kanadischen Sender CBC startete, nahm zunächst nur eine überschaubare Zuschauerzahl Kenntnis davon, doch nach und nach entwickelte sie sich zum Geheimtipp. Zum Phänomen wurde Schitt’s Creek in den USA dann im vergangenen Jahr mit der finalen sechsten Staffel, die just in den Wochen zu Beginn des Covid-Ausbruchs startete. Unverhofft erwies sich die Serie für viele als perfektes Mittel, um mit dem Lockdown besser klarzukommen. Wie die Roses sich in ihrer prekären Lage und den beschränkten Verhältnissen zurechtfinden und mit Exzentrik und Zuversicht versuchen, sich ein neues Leben aufzubauen, traf einen Nerv, bot Eskapismus und Therapie gleichermaßen. Jetzt lässt sich die Serie auf Amazon Prime bingen – und damit die bittersüße Seite des heruntergefahrenen Lebens noch ein bisschen verlängern.

Am Ende ist das inzwischen mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Schitt’s Creek nicht nur kurzweilige Unterhaltung, sondern zugleich eine Art Masterclass im empathischeren Umgang miteinander. 15 Monate nach dem ersten Lockdown lässt sich von den Roses, die in ihrer Krise zusammengewachsen und ein bisschen weiser geworden sind, sogar etwas für das Leben nach Covid lernen. Nicht alles, was früher mal gut war, muss es heute auch noch sein. Das Post-Pandemie-Leben wird ein anderes sein, weil wir alle nicht mehr die Alten sind und uns im besten Fall bewusster geworden ist, was wirklich zählt. Auch bei den Roses sind die Masken runter und ist fast nichts mehr wie vorher. Ausgenommen Moiras Perücken.

Info

Schitt’s Creek Dan Levy, Eugene Levy Kanada/USA 2015 – 2020, TVNOW, Amazon

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Ihre Freitag-Redaktion

06:00 12.06.2021
Geschrieben von

Thomas Abeltshauser

Freier Autor und Filmjournalist
Thomas Abeltshauser

Ausgabe 25/2021

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