„Die Fassade passt“

Interview Ob Moskau oder Mexiko – gedreht wird in Berlin. Stefan Wöhleke fand die Orte für „Das Damengambit“

Auf kaum eine Serie konnten sich Bingewatcher im zweiten Lockdown besser einigen als auf Netflix’ Das Damengambit über eine junge Frau, die sich in den 1960er Jahren vom Waisenmädchen zum Schachgenie mausert. Dabei gelang es den Machern nicht nur, die Kopfarbeit des Strategiespiels so fesselnd zu inszenieren, dass seitdem der Verkauf von Schachbrettern in die Höhe schoss, sondern auch, die halbe Welt von Mexiko über Paris bis Moskau am selben Ort entstehen zu lassen: Gedreht wurde die internationale Koproduktion zum größten Teil in Berlin. Ein Gespräch mit dem Locationscout Stefan Wöhleke, der Berlins ungeahnte Gesichter gefunden hat.

der Freitag: Herr Wöhleke, wie kamen Sie zur Netflix-Serie „Das Damengambit“?

Stefan Wöhleke: Ich hatte bereits zuvor mit dem Szenenbildner Uli Hanisch für die X-Filme-Produktion Babylon Berlin an der Auswahl geeigneter Drehorte gearbeitet. Währenddessen kam die Anfrage für ein Projekt mit dem Titel The Queen’s Gambit, das war im Dezember 2018. Zu dem Zeitpunkt gab es nur die Romanvorlage. Es waren auch noch andere Städte im Gespräch, wir sollten in Berlin und Umland Locations für die Hauptmotive vorschlagen.

Das Ungewöhnliche war, Orte in Berlin zu finden, die eine Bandbreite von Paris über Moskau und Las Vegas bis Mexiko-Stadt darstellen sollen. Waren Sie sicher, all das abdecken zu können?

Locations auszuwählen, die dann in einer fiktiven Handlung für etwas anderes stehen, ist mein täglich Brot, auch wenn das in der Fülle tatsächlich eine große Herausforderung war, aber deswegen hat es auch sehr viel Spaß gemacht. Wir waren selbst überrascht, wie gut die Locations hier funktioniert haben. Nur einige Außenmotive sind in Kanada entstanden. Aber Berlin hat da in seiner architektonischen Vielfalt auch sehr viel zu bieten. Noch, denn durch den Neubau-Einheitsbrei geht mehr und mehr verloren.

Wie kann man sich diesen Auswahlprozess konkret vorstellen?

Nachdem wir den Zuschlag hatten, gab es im Februar 2019 die ersten Drehbücher. Bei einer Produktion wie dieser Serie gibt es meist ein durchgehendes, wiederkehrendes Set, das war in diesem Fall das Waisenhaus, wofür wir das Schloss Schulzendorf in Brandenburg gefunden hatten. Damit war für die ersten Drehtage schon mal ein wichtiges Motiv gesichert. Die direkte Zusammenarbeit läuft dabei mit dem Szenenbildner, der zunächst entscheidet, ob ein Drehort für die Anforderungen funktioniert. Und in diesem Fall hatten wir auch noch einen Locationmanager, der für das Budget zur Motivmiete und die Drehgenehmigungen verantwortlich ist. Ich bin also eine Art Bindeglied zwischen dem kreativen und dem logistisch-organisatorischen Part. Denn bei der Motivsuche geht es immer auch bereits um die Machbarkeit: Ist die Straße für einen längeren Zeitraum absperrbar, gibt es genug Parkplätze für die Produktionsfahrzeuge? Das muss ich mitbedenken, es bringt nichts, ein optisch tolles Motiv zu haben, bei dem die Peripherie fehlt. Und dann finde ich die Ansprechpartner, um deren grundsätzliche Bereitschaft anzufragen. Normalerweise ist die Arbeit bei einem Spielfilm vor Drehbeginn mit einer finalen Motivtour beendet, und man übergibt an den Locationmanager, aber bei einer Serie wie dieser ändert sich über die lange Drehzeit immer wieder etwas, weil ein Motiv wegfällt oder der Besitzer doch keine Lust mehr hat, und plötzlich muss man eine neue Location für die Apotheke in Mexiko-Stadt finden.

Wie kann man sich diese Abnahme der Motive vorstellen?

Zuerst gibt es eine Tour der Locations mit dem Szenenbildner, der sich überlegt, was wie möglich ist, und das dann als Fotoauswahl dem Regisseur und dem Kameramann präsentiert. Wenn die das interessant finden, gibt es eine Besichtigung mit allen vor Ort. Und dann springt im Idealfall der Funke über, oder es gibt Einschränkungen, was ergänzt oder verändert werden muss.

Wenn Sie wie bei „Das Damengambit“ als Berliner in Ihrer eigenen Stadt nach Motiven suchen, wie gehen Sie da konkret vor? Haben Sie einen Zettelkasten mit möglichen Orten?

Früher hat man tatsächlich die Fotos auf Pappen geklebt, mit allen notwendigen Infos. Heute ist das eine Datenbank, die sich über die Jahre aufbaut und in die man dann zuerst schaut. Bei einem Projekt wie diesem könnte man nicht bei null anfangen, man muss den Ort und die Gegend schon kennen.

Haben Sie das nach Schlagwörtern sortiert, „Einfamilienhaus, 70er Jahre, westdeutsche Provinz“? Oder wie kommen Sie vom Motiv Las Vegas, 50er Jahre, zum Palais am Funkturm als geeignetem Drehort?

Das beginnt mit einer Recherche, in dem Fall über die Schachturniere der 195oer und 1960er Jahre. Ich habe überlegt, welche Architektur dazu passen könnte. Und aus der Zeit gibt es in Berlin zum Glück viele von der US-Moderne geprägte Gebäude. Und dann suche ich, wo die Fassade passt, wie die Innenräume aussehen, welche Größe man braucht … so tastet man sich langsam vor. Beim Waisenhaus war ich mir schnell sicher, etwas Passendes zu finden, bei den internationalen Orten für die verschiedenen Schachturniere war mir klar, dass es kompliziert werden könnte. Amerikanische Landstraßen kann man hier eigentlich nicht drehen, weil die Topografie ganz anders ist und die Weite fehlt oder eine Leitplanke im Bild wäre. Das muss man dann eben in Kanada machen.

Sie nutzen dabei sowohl touristisch totfotografierte Orte wie das Bode-Museum, das irritierend leicht als Paris durchgeht, als auch fast Unbekanntes wie den Bärensaal im Alten Stadthaus. Wie finden Sie solche Motive?

Ach, in der Locationbranche ist der Bärensaal ziemlich populär, das ist jetzt keine Entdeckung. Die meisten Rathäuser hat man schon mal in Film und Fernsehen gesehen. Die Kunst ist es, den Raum so zu verwandeln und zu filmen, dass er uns nach Moskau versetzt. Ich liefere nur das Rohmaterial.

Zur Person

Stefan Wöhleke lebt in Berlin und arbeitet seit den 1990er Jahren als Locationscout für Film- und Fernsehproduktionen. Er hat für zahlreiche Filme (Fack ju Göhte, Betonrausch) und Serien (Babylon Berlin, Deutschland 83) die passenden Drehorte gefunden

Gibt es eine Nachfrage nach möglichst unverbrauchten Motiven, wie bei einer Casting-Agentur für Schauspieler? Ist ein Ort auch mal „durch“?

Das war hier kein Thema. Das Damengambit ist ja für ein globales Publikum, da gibt es den Wiedererkennungswert nicht so wie etwa bei einem Fernsehkrimi. Und bei einem historischen Stoff wie hier ist die Anzahl der Möglichkeiten stark begrenzt. Vieles in Berlin ist saniert oder so voller Modernismen, dass es unbrauchbar ist. Wichtig ist, dass die Geschichte trägt, dann fällt es niemandem auf, wenn man ein Haus schon mal gesehen hat oder ein Lichtschalter falsch ist. Wenn es spannend inszeniert ist, unterstützt das Bild die Geschichte, und Sie sind im Idealfall so gefesselt, dass Sie nicht an der Tiefgarage hängen bleiben, die Sie schon mal im Tatort gesehen haben. Wenn es rasant geschnitten ist, wie Homeland, kann man in Berlin auch schon mal Palästina drehen, ohne dass es auffällt. Aber natürlich lässt sich jetzt die Karl-Marx-Allee nicht bis ans Ende aller Zeiten als Moskau verkaufen, das kriegt irgendwann einen Bart. Andere Motive wie der Flughafen Tempelhof sind auch schwierig geworden, weil sie zu oft genutzt wurden.

Inwiefern ist das Zusammenspiel von Innen- und Außenräumen eine Herausforderung?

Beim Damengambit wurden einige Innenräume im Studio gebaut, das Haus der Stiefmutter etwa ist innen im Studio und außen vor Ort in Kanada gedreht. Das sah dort einfach besser aus. Da kommt eine Wohnstraße in Rudow einfach nicht mit, selbst wenn man drei amerikanische Autos vor dem Haus parkt. So gab es noch andere Szenen, einen Campus etwa, da muss man auf glaubwürdige Übergänge und Anschlüsse achten. Da ist dann der Szenenbildner gefragt.

Wie viele Motive waren es insgesamt?

Da kam bei sieben Folgen ziemlich viel zusammen, das waren bestimmt 80 verschiedene Schauplätze, wenn nicht mehr.

Wie kamen Sie zu Ihrem Beruf?

Es ist ja kein Ausbildungsberuf, sondern Learning by Doing. Ich habe vor dem Studium eine Fotografenausbildung gemacht, und ein sehr guter Freund arbeitete bereits bei einer Werbeagentur und war dort für große Automobil-Etats verantwortlich. Er brachte mich darauf, dafür Locations zu suchen, so fing das an vor über 20 Jahren. Früher gab es den Beruf im deutschen Film gar nicht, die Motivsuche wurde von der Aufnahmeleitung mitgemacht, es war kein Extrageld übrig. Deswegen sahen die Sachen auch alle so ähnlich aus, weil man sich immer aus demselben Adressenpool bedient hat. Bei Werbung war und ist man immer sehr bemüht, tolle Bilder zu finden, deswegen gab es den Beruf da bereits. Erst sehr spät, Ende der 1990er, ist das dann in Deutschland auch im Spielfilmbereich übernommen worden, es hat sich zum Glück professionalisiert. Man fährt aber nicht nur tagelang bei Sonnenschein durch die Stadt und pickt sich tolle Orte raus. Man muss sich auch überwinden und beim Hausbesitzer klingeln und versuchen, ihn ins Boot zu holen. Es ist auch viel Klinkenputzen und staubige Papierarbeit. Und das flutscht mal besser, und mal kann es auch ganz schön zäh sein.

Funktioniert das in der Stadt besser als auf dem Land?

Wenn das Eis mal gebrochen ist, fällt es in kleineren Städten und auf dem Land oft leichter, weil Film ein gewisses Prestige genießt, und der Ort freut sich, dass hier gedreht wird. In München oder Berlin kann es schon passieren, dass die Leute eher genervt sind, wenn wieder eine Straße abgesperrt ist. Aber es gibt zum Glück immer noch Ecken, die man nicht kennt und die noch so ein bisschen im Dornröschenschlaf sind. Gerade scoute ich für eine Serie, die in einer westdeutschen Kleinstadt spielt. Auch das geht hier.

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Ihre Freitag-Redaktion

06:00 14.12.2020
Geschrieben von

Thomas Abeltshauser

Freier Autor und Filmjournalist
Thomas Abeltshauser

Ausgabe 19/2021

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