Die Intim-Profis

Serie Die deutsche Regisseurin Anja Marquardt gestaltete die dritte Staffel der „Girlfriend Experience“

She’s Lost Control ist der Titel eines Spielfilmdramas aus dem Jahr 2014, in dem eine New Yorker Verhaltenspsychologin Klienten mit Intimitätsproblemen dadurch therapiert, dass sie ihnen sehr nahekommt, auch körperlich. Nicht um sexuelle Befriedigung oder Vergnügen geht es bei diesem Austausch von Berührungen und Zärtlichkeiten, sondern um Linderung eines Leidens. Der Film seziert kühl, wie bei dieser Gratwanderung der Sextherapeutin die Grenzen zwischen professioneller Distanz und den eigenen Emotionen verwischen. Es war das bemerkenswerte Regiedebüt der gebürtigen Berlinerin Anja Marquardt, die nach mehreren Stationen im Ausland zu diesem Zeitpunkt in New York lebte. Wenn man She’s Lost Control kennt, ist es gar nicht mehr so überraschend, dass Steven Soderbergh ausgerechnet eine bis dahin wenig bekannte deutsche Filmemacherin anfragt, einen Zehnteiler für ihn zu entwickeln, der von professioneller Intimität und Kontrollverlust in der Welt der High-End-Prostitution handelt.

Die Serie The Girlfriend Experience basiert auf Soderberghs gleichnamigem Spielfilm von 2009 und wurde danach zwei Staffeln lang von Amy Seimetz und Lodge Kerrigan als Anthologie-Serie geschrieben und inszeniert. Jede Staffel erzählte eine abgeschlossene Geschichte mit neuen Figuren und Darstellern. Das Escort-Milieu war dabei stets nur das Setting, der kleinste gemeinsame Nenner. Im Mittelpunkt steht jeweils eine weibliche Hauptfigur, die als Prostituierte nicht nur Sex anbietet, sondern die „Girlfriend Experience“ als perfekte Illusion. Sie begleitet ihre Klienten auch zu repräsentativen Veranstaltungen und lässt sich dieses stilsichere Full-Service-Angebot mit einem stolzen Honorar vergüten. Vor diesem Hintergrund werden andere Thema verhandelt, Entfremdung und Ausbeutung im Spätkapitalismus etwa oder Frauen und Machtstrukturen.

Soderbergh ließ ihr freie Hand

Vor vier Jahren war Schluss, das Sujet schien auserzählt. Bis bei Marquardts Agentur das Telefon klingelte. „Als Steven Soderbergh anfragte, ob ich Interesse hätte, eine Unterhaltung über eine mögliche dritte Staffel zu führen, gab es natürlich nur eine Antwort“, erinnert sich die 41-Jährige beim Video-Call aus Los Angeles, wo sie inzwischen lebt. „Auch wenn ich erst mal Luft holen und überlegen musste, mit welcher Prämisse ich zu einem Thema zurückkehren könnte, das ich bereits in meinem Spielfilm behandelt habe.“ Denn das Format sollte, mit zeitlichem und kulturellem Abstand, für die Neuauflage gründlich aufpoliert und weniger US-zentriert werden.

Auch Marquardt war klar, dass sich seit den ersten Staffeln viel verändert hat. Sie sah es als Chance, eigene Schwerpunkte zu setzen. „Die Themen, die mich interessierten, als mir das Angebot gemacht wurde, waren künstliche Intelligenz, Technologie, Simulation.“ Und das habe sich alles sehr stark in die dritte Staffel eingeschrieben, die nun auf Starzplay zu sehen ist.

Die Handlung spielt diesmal in der Tech-Szene Londons, Hauptfigur ist eine ambitionierte Neurowissenschaftlerin, Iris (Julia Goldani Telles), die an einer Software arbeitet, die die Anziehung zwischen zwei Menschen berechnen beziehungsweise den idealen Partner finden soll. Wie schon beim Team Kerrigan/Seimetz in den beiden Staffeln zuvor übertrug Soderbergh nun Marquardt die Verantwortung, in Personalunion die Geschichte zu entwickeln, die Drehbücher zu schreiben und bei allen zehn Episoden Regie zu führen. Und ließ ihr dabei „enormen kreativen Freiraum“, wie sie sagt. Ein ungewöhnlicher Ansatz im Seriengeschäft, bei dem der Showrunner das Sagen hat und Regisseure lediglich einzelne Episoden ausführen.

Auch wenn man The Girlfriend Experience Marquardts starke persönliche Handschrift ansieht, blieb sie dem grundsätzlichen Konzept seit Soderberghs Spielfilm treu: Es geht nicht um einen moralischen Blick auf Prostitution, sondern um die Frage des freien Willens und dessen Grenzen, darum, wie Personen ihre individuellen Entscheidungen rechtfertigen. Ausgenutzte, hilflose Opfer sind diese Protagonistinnen nie, sondern stets komplexe, widersprüchliche Figuren mit Ehrgeiz und großen Ambitionen.

Technologie weiß mehr

Wissenschaftlerin war bislang noch keine von ihnen, Iris nutzt nun in der dritten Staffel das intime Verhältnis zu ihren Klienten, die sie als „Girlfriend“ sehen, für ihre eigene Forschungsarbeit. „Mir war wichtig, dass sie eine ganz aktive Haltung hat, mit der sie in ihre Klientenbeziehungen geht“, erklärt Marquardt ihre Entscheidung. „Sie benutzt sie zur Analyse menschlichen Verhaltens. Insofern sind ihre Girlfriend-Begegnungen fast so etwas wie ein experimentelles Labor, aus denen sie Daten zieht.“ Sie habe dabei vor allem interessiert, wie vieles an zwischenmenschlichen Interaktionen sich durch neue Technologien in Richtung Simulation entwickelt. „Da verschwimmen die Grenzen zwischen dem, was echt ist, und dem, was einem nur zurückgespiegelt wird, auf eine Weise, die mich selber sehr beunruhigt und umtreibt.“ Sie beschäftige sich seit Jahren mit dem Thema, sagt sie. „Bei mir hat sich ein Grundgefühl eingeschlichen, dass wir in einer Welt leben, in der Technologien vorhersagen, was wir mögen werden, und uns entsprechende Produkte empfehlen und damit die Sichtweise verändern, die wir von uns selber haben. Und diese Technologien sind lernfähig und werden immer besser darin, zu analysieren, was wir eventuell morgen wollen werden.“ Daraus entwickelte sie die Grundfrage der Serie, die sich durch alle Folgen ziehe: Wer bin ich und wo beginnt die Simulation von mir?

Es sind komplexe Fragestellungen, die hier aufgefächert und als Hintergrund einer dramatischen Handlung heruntergebrochen werden. Marquardt bezeichnet ihre Arbeit als sehr rechercheorientiert. „In einem anderen Leben wäre ich vielleicht Privatdetektiv oder Wissenschaftler geworden“, sagt sie mit einem Grinsen. „Ich tauche gern in Welten ein, die nichts mit meinem eigenen Leben zu tun haben. Ich habe viel mit Forschern gesprochen, wir hatten einige Berater, die unglaublich hilfreich waren. Mein Ziel war, das möglichst authentisch anzugehen. Ich wollte, dass sich ein Neurowissenschaftler oder jemand, der im Bereich künstliche Intelligenz arbeitet, diese Serie anschaut und sagt: Die haben das Feld respektvoll behandelt.“

Mit der Frage, ob sie als Autorin anders schreibt und inszeniert als ihre männliche Kollegen, kann sie dagegen nicht viel anfangen: „Es wäre für mich nicht hilfreich, zu sagen, meine Sichtweise ist spezifisch feminin oder spezifisch europäisch oder was auch immer. Ich glaube, dass es sehr viel individueller ist, denn unser Blick speist sich aus unseren Erfahrungen. Ich versuche eine Balance herzustellen, was sich auch am Set widerspiegelt und in den kreativen Kollaborateuren, die mir am nächsten stehen.“

Nach dem Studium an der Universität der Künste in Berlin und Aufenthalten in Spanien, Frankreich und Arizona lebte Marquardt die vergangenen zehn Jahre in New York, wo sie an der Tisch School of the Arts Filmproduktion studierte und später mit der Crowdfunding-Plattform Kickstarter ihr Regiedebüt realisierte. Danach standen ihr in den USA viele Türen offen, anders als in Deutschland, wo ihr für den Kontakt zu Redakteuren der Stallgeruch des hiesigen Filmhochschulsystems fehlte. Mittlerweile ist Marquardt in Los Angeles angekommen. Als spezifisch deutsche Filmemacherin werde sie dort nicht wahrgenommen, das tue sie auch selbst nicht. „Meine Sichtweise ist, glaube ich, sehr viel internationaler geworden dadurch, dass ich eben nicht nur in Berlin mein Leben verbracht habe, sondern auch in den USA“, sagt sie. „Die Geschichten, die mich zum jetzigen Zeitpunkt am meisten interessieren, sind auch eher global oder haben einen internationalen Ansatz, wenn sie auch vielleicht lokal verortet sind, aber die Perspektive auf die Welt und die Fragen, die uns alle beschäftigen, müsse schon irgendwie global sein, damit ich das Gefühl habe, ich kann dazu irgendwas beitragen.“

Seit Anfang des Monats ist jeweils von Sonntag an eine neue Folge von The Girlfriend Experience auf Starzplay zu sehen, parallel zum US-Start. „Es ist eine ganz ungewöhnliche Zeit, in der wir leben und arbeiten. Die Serien und Filme, die produziert werden, sind einem globalen Publikum sofort verfügbar. Die Unterhaltung darüber kann auch global stattfinden, und komplett losgelöst von irgendwelchen Orten können diese Gespräche im digitalen Raum zeitgleich erfolgen.“

Info

The Girlfriend Experience Anja Marquardt USA 2021, zehn Folgen, auf Starzplay

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06:00 30.05.2021
Geschrieben von

Thomas Abeltshauser

Freier Autor und Filmjournalist
Thomas Abeltshauser

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