Unverschämt smart

Festival Kaum Fans, kaum Glamour, die Berlinale war ein freudloses Fest – interessante Filme liefen trotzdem

Das Kino ermöglicht, wenn es mehr sein will als Eskapismus und Zerstreuung, einen Blick in fremde Welten. Und manchmal werfen Filme neues Licht auf vermeintlich Bekanntes, erzählen die Geschichten hinter den Nachrichtenbildern. So auch zwei Produktionen, die auf der Berlinale für Aufmerksamkeit sorgen und sich ihren Stoffen über deutsche Gegenwart auf höchst unterschiedliche Weise nähern.

In seinem Spielfilm Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush widmet sich Andreas Dresen dem Fall Murat Kurnaz, dem damals 19-jährigen türkischen Jungen aus Bremen, der im Dezember 2001 in Pakistan festgenommen und ins US-Gefangenenlager Guantánamo auf Kuba gebracht wurde, wo er ohne Anklage bis 2006 inhaftiert war. Sein Schicksal sorgte weltweit für Schlagzeilen, Kurnaz und sein Anwalt Bernhard Docke veröffentlichten 2007 ein Buch, 2013 gab es mit Fünf Jahre Leben bereits einen Spielfilm über Kurnaz’ Erlebnisse im Lager. Dresen und seine langjährige Drehbuchautorin Laila Stieler (Wolke Neun, Gundermann) rollen die Geschichte nun aus Sicht der Mutter auf, einer resoluten Bremer Hausfrau, die alles daran setzt, ihren Sohn wiederzubekommen, und sich dabei mit dem damals mächtigsten Mann der Welt anlegt.Entscheidend anders ist der Tonfall: Dresens Film präsentiert die Ereignisse weniger als Politdrama, sondern mit Empathie und reichlich komödiantischen Elementen, gewonnen aus dem Gegensatz der temperamentvollen Heldin und dem zurückhaltenden Menschenrechtsanwalt Docke (Alexander Scheer).

Im gemeinsamen Kampf um die Freilassung Murats schaffen sie es schließlich bis zum Supreme Court in Washington. Dieser gefällige Ansatz auf Augenhöhe mit einer unkonventionellen Protagonistin zielt deutlich auf das breite Publikum. Der Film traf auf der Berlinale tatsächlich einen Nerv, vor allem Hauptdarstellerin Meltem Kaptan, eine Kölner Comedian, begeisterte in ihrer ersten Kinorolle. Dabei ist es gerade der behäbig-komische und angesichts der Ereignisse auch fragwürdige Tonfall, der eine merkwürdige Distanz zu den Figuren schafft.

Die Machtkämpfe in der AfD

Mit einer anderen Seite politischer Wirklichkeit in diesem Land setzt sich Simon Brückners Dokumentarfilm Eine deutsche Partei auseinander. Innenansichten nennt er sein Porträt über die AfD und das Arbeitsleben einiger ihrer Funktionäre. Von 2019 bis 2021 beobachtete und filmte er interne Sitzungen, Wahlkampfveranstaltungen in der brandenburgischen Provinz und PR-Aktionen, immer offen und mit Zustimmung der Beteiligten. Und tatsächlich kommt er den Protagonisten dadurch näher als die meisten Fernsehjournalisten und Nachrichtenbilder. Brückner zeigt sie unkommentiert, in der Hoffnung, die populistische Partei würde sich selbst entlarven. Ihm gelingen erhellende Momente, vor allem dem internen Machtkampf zwischen Wirtschaftsliberalen und extrem rechtem Flügel wird viel Platz eingeräumt. Doch muss auch klar sein, dass viele Protagonisten medienaffin das Forum zu nutzen wissen. Das macht Brückners Film nicht minder relevant – und unbedingt sehenswert.

Mit der Realität hat der zweite deutsche Spielfilm im Wettbewerb dagegen wenig zu schaffen. Die Berliner Regisseurin Nicolette Krebitz (Wild) dekliniert in A E I O U – Das schnelle Alphabet der Liebe die Begegnung zweier höchst eigenwilliger Menschen als Großstadtmärchen mit Nouvelle-Vague-Anleihen durch, zunächst in Berlin, später im sommerlichen Nizza. Einer etwas kapriziös-verpeilten Schauspielerin namens Anna Móth, gespielt von Sophie Rois, wird abends vor der Paris Bar die Handtasche entrissen. Wenig später soll sie einem Problemschüler Sprechunterricht erteilen, der sich als eben jener Dieb entpuppt. Sie lässt sich darauf ein, und Krebitz inszeniert zauberhaft, wie zwei einsame Seelen, die scheinbar nichts gemeinsam haben, sich doch voneinander angezogen fühlen. Aus dem Off kommentiert Rois’ Stimme das Geschehen. Eine Meta-Rom-Com mit großem Stilwillen und zugleich eine Liebeserklärung ans Kino.

Noch erfrischender und direkter: Sonne von Kurdwin Ayub im Parallelwettbewerb Encounters. Yesmin ist eine in Wien geborene Kurdin, mit ihren Freundinnen Bella und Leyla filmt sie sich, wie sie in Burkas Losing My Religion von R.E.M. singen. Das Video geht viral und die drei werden zu kleinen Berühmtheiten, was nicht nur in Yesmins Familie für Kontroversen sorgt. Das Regiedebüt der kurdischstämmigen Filmemacherin ist eine im besten Sinne unverschämte und sehr smarte Reflexion über das Leben als Muslima in Österreich zwischen Mehrheitsgesellschaft und eigener Community, Selbstbehauptung und Selfiekultur.

Die Stimmung des pandemiebedingt reduzierten Festivals war angespannt. Publikumsvorstellungen waren zwar häufig ausverkauft, Pressevorstellungen jedoch oft spärlich besetzt. Viele hatten den Weg nach Berlin gescheut, es gab berechtigte Kritik am Beharren auf einer reinen Präsenzveranstaltung ohne virtuelle Zusatzoption. Der anfängliche Ärger der Anwesenden über automatisch zugewiesene Sitzplätze wich im Laufe der Woche einer Art Resignation. Selbst der eine Kollege, der zu Beginn vor jeder Vorführung zum Aufstand aufrief, schwieg irgendwann zermürbt. Auf den Bildern vom Roten Teppich sah es nur selten glamourös aus. Die Fans, die sich sonst bei Wind und Wetter vor dem Berlinale-Palast tummeln, fehlten diesmal. So ging sie über die Bühne, die Berlinale, aber ein freudvolles Fest war es nicht.

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Geschrieben von

Kommentare