„Film ist Therapie für mich“

Interview Regisseur Anders Thomas Jensen suchte den Sinn des Lebens – und fand eine große Freiheit

Gibt es im Leben Zufälle? Oder lässt sich jedes Ereignis logisch herleiten, wenn alle Variablen bekannt sind? Kann zumindest die Wahrscheinlichkeit seines Eintretens berechnet werden? Um diese Fragen kreist Helden der Wahrscheinlichkeit, der neue Film des dänischen Regisseurs und Drehbuchautors Anders Thomas Jensen, der mit Filmen wie Dänische Delikatessen (2003), Adams Äpfel (2005) und Men & Chicken (2015) immer wieder europäische Arthousekino-Hits landen konnte.

Helden der Wahrscheinlichkeit beginnt mit einer schier unglaublichen Verkettung von Momenten: Da ist das Fahrrad der jungen Mathilde, das geklaut wird, und dann das Auto der Mutter, das nicht anspringt, weshalb die beiden mit der Bahn fahren, in der ein Unbekannter der Frau seinen Sitzplatz anbietet. Und dann geht kurz darauf eine Bombe hoch. Die Mutter ist unter den Todesopfern. Später wird Mathilde versuchen, zu begreifen, wie es zu dieser Tragödie kommen konnte. Die Schuldfrage stellt sich auch Otto, der seinen Platz frei gemacht hatte. Bald steht Otto mit zwei Nerds vor der Tür von Mathilde und ihrem Vater, dem Afghanistan-Veteranen Markus (Mads Mikkelsen). Markus versteckt seine Trauer hinter einem versteinertenGesicht, bis er von den Zahlenspielen des Trios überzeugt ist und auf Vergeltung für den gewaltsamen Tod seiner Frau sinnt.

Was wie schwere Kost klingt, inszeniert Anders Thomas Jensen nach eigenem Drehbuch als politisch unkorrekten, dabei jedoch erstaunlich gut funktionierenden Mix aus hakenschlagender Tragikomödie, Rachefeldzug und sensiblem Melodram. Im Gespräch erläutert der 49-Jährige den Entstehungsprozess.

der Freitag: Herr Jensen, Ihr neuer Film unterscheidet sich im Tonfall deutlich von früheren. Ist „Helden der Wahrscheinlichkeit“ eine bewusste Abkehr von der absurden Komik in „Adams Äpfel“ und „Men & Chicken“?

Anders Thomas Jensen: Als Drehbuchautor habe ich im Laufe der Jahre viele Melodramen für andere geschrieben, allen voran für Susanne Bier, In einer besseren Welt zum Beispiel oder Zweite Chance. Und wenn ich selbst inszeniert habe, waren es immer diese schrägen, schwarzhumorigen Komödien. Diese beiden Welten wollte ich endlich einmal zusammenbringen. Also einen schrägen Susanne-Bier-Film. Der andere Grund war, dass ich einen Film über einen Mann machen wollte, der an Depressionen oder PTSD leidet, der also durch etwas traumatisiert ist. Ich wollte erzählen, wie man aus diesem Loch wieder herauskommt und einen Sinn im Leben findet. Als ich anfing zu schreiben, dachte ich noch an ein Drama. Das Gehirn sucht ja nach kausalen Zusammenhängen, die einen Sinn ergeben. So funktionieren wir. Und wenn es keine Zusammenhänge gibt, dann beginnt das Gehirn, sie zu erfinden. Die Extreme davon kann man täglich im Internet sehen. So kam mir Otto in den Sinn, der Mathematiker, und langsam fügte sich alles zu dieser Idee, von Wahrscheinlichkeiten und Zufällen zu erzählen.

Woher kommt dieses Interesse an Depression?

Das ist tief in mir verwurzelt. Ich bin schon mein ganzes Leben lang immer wieder durch sehr düstere Phasen gegangen, auch mein Freundeskreis, sogar in der Generation meiner Kinder. Verstimmungen, Angstpsychosen und handfeste Depressionen nehmen immer mehr zu, besonders bei Jüngeren. Mich hat das mein ganzes Leben lang begleitet. Und um die 40 hatte ich eine richtige Krise, wie so viele Männer in dem Alter. Ich habe alles infrage gestellt. War es das jetzt, will ich nicht eigentlich was ganz anderes? Es ist wirklich eigenartig, wie das Gehirn arbeitet, wir suchen immer nach einem Sinn. Oder verwenden viel Zeit, um der Tatsache zu entfliehen, dass alles sinnlos ist.

Zur Person

Foto: Future Image/Imago Images

Anders Thomas Jensen, 1972 im dänischen Frederiksværk geboren, gewann 1998 mit Wahlnacht den Kurzfilm-Oscar. Erfolge feierte er auch mit Drehbüchern für Susanne Bier (Nach der Hochzeit) und mit schwarzhumorigen Filmen mit Mads Mikkelsen (Adams Äpfel)

Ist es das denn, sinnlos?

Am Ende schon: Es gibt keinen Sinn, es sei denn, man glaubt an eine höhere Macht oder nimmt Drogen oder säuft. Darin finden viele eine Erfüllung. Aber es gibt keinen objektiven Sinn des Lebens. Es hat mich viele Jahre gekostet, zu erkennen: Ich muss meinen ganz eigenen Lebenszweck finden. Wie jeder von uns. Ob das eigene Kinder sind, die Arbeit, der Rausch, Spiritualität. Aber es gibt nichts da draußen, was auf einen wartet, man muss es in sich selbst finden. Und das sage ich jetzt gar nicht niedergeschlagen, sondern meine es als etwas Positives.

Wie haben Sie diese persönliche Auseinandersetzung dann zu einer Geschichte entwickelt?

So arbeite ich oft. Auf eine gewisse Art sind all meine Filme sehr persönlich. Adams Äpfel etwaist ein Kampf zwischen dem Guten und dem Bösen im Menschen, ich habe unglaublich viel Zeit mit diesem Thema verschwendet! Im Grunde ist jeder Film eine Therapie für mich. Es ist meine Art, mit Problemen fertigzuwerden. Wenn ich im Auftrag für einen anderen Regisseur schreibe, dann bin ich fokussiert, aber für mich selbst dauert es oft ein Jahr oder zwei, in denen ich hier und da etwas schreibe und dazwischen viel nachdenke. Es ist ein anderer Prozess. Ein Psychoanalytiker könnte seine helle Freude daran haben.

Sie behandeln sehr ernsthafte Themen und behalten trotzdem streckenweise den dunklen, absurden Humor bei. Wie haben Sie bei dieser Gratwanderung die richtige Balance gefunden?

Daran habe ich auf mehreren Ebenen sehr lange gefeilt. Das fängt natürlich beim Schreiben des Drehbuchs an, das den Ton vorgibt, hängt dann aber vor allem von den Schauspielern ab. Wir kennen uns alle sehr gut und teilen einen ähnlichen Geschmack, ob der nun gut ist oder nicht. Vieles in der Geschichte ist grenzwertig, und wir justierten permanent nach. Am Set und dann in einer dritten Phase noch mal im Schnittraum. Erst da merke ich an vielen Stellen, was funktioniert und was nicht. So habe ich zum Beispiel etliche komische Sprüche von Otto rausgeschmissen, weil es sich einfach nicht richtig anfühlte.

Es überrascht, dass sich bei Ihnen so viel erst im Prozess ergibt und ändert, weil die Szenen so genau geschrieben wirken. Oft enden sie mit einer unvorhergesehenen Wendung, Sie spielen sehr geschickt mit den Erwartungen des Publikums.

Diese narrative Struktur reflektiert ja auch das Thema des Films, die Frage von Wahrscheinlichkeit und Zufall. Das ist erst mal ein theoretisches Konzept, das muss aber auch als dramatische Handlung funktionieren. In einem Drama akzeptiert man einfach keine Zufälle. Das ist ein No-Go. Obwohl sie im realen Leben dauernd passieren, wirken sie auf der Leinwand unglaubwürdig. Das wurde mir wirklich erst im Laufe des Schreibens klar.

Glauben oder hoffen Sie denn, mit Ihrem Film Ansichten der Zuschauer beeinflussen zu können?

Ich bin mir sicher, den Wunsch hat insgeheim jeder, der schöpferisch tätig ist. Und ich habe tatsächlich Menschen getroffen, die beteuert haben, meine Filme hätten sie zum Nachdenken gebracht und ihr Leben zum Positiven verändert. Aber radikale Haltungen kann ein Film sicher nicht beeinflussen, und das sind ja die, die wirklich angepackt werden müssten. Es wäre naiv, zu glauben, Filme hätten diese Macht. Trotzdem sollten weiter solche Filme gemacht werden, die genau das versuchen. Nur mache ich es eine Nummer kleiner.

Das dänische Kino ist nun schon seit fast einem Vierteljahrhundert Dauergast bei Festivals und feiert international Erfolge. Was ist das Geheimnis?

Als ich in der Filmbranche von Dänemark anfing, kämpfte jeder für sich, kein Regisseur wollte sein Drehbuch rausrücken, die anderen waren alle potenzielle Feinde. Und dann kam in den 1990ern Lars von Trier mit Dogma und holte alle an einen Tisch. Auch wenn Dogma längst tot ist, blieb eine gewisse Offenheit und Solidarität. Ich lese jährlich sicher zehn Drehbücher von anderen und gebe Rat und Kommentare dazu, und umgekehrt lesen Kollegen meine Skripte. Wir haben einfach begriffen: Wenn einer von uns international erfolgreich ist, hilft uns das allen. Also unterstützen wir einander, auch wenn wir Konkurrenten sind und um dieselben Fördergelder rangeln. Aber der vielleicht wichtigste Grund: Dänemark ist stinklangweilig. Wir sind ein Wohlfahrtsstaat, es gibt keinen Krieg, keine gefährlichen Wildtiere, keine Naturkatastrophen. Dramen spielen sich nur in der Familie und in Beziehungen ab. Und davon erzählen wir.

Info

Helden der Wahrscheinlichkeit läuft ab 23. September in den Kinos

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06:00 29.09.2021
Geschrieben von

Thomas Abeltshauser

Freier Autor und Filmjournalist
Thomas Abeltshauser

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