Almodóvar und Spaniens Schatten

Kino Pedro Almodóvar widmet sich in seinem neuen Film „Parallele Mütter“ dem Thema der Aufarbeitung des Franco-Regimes so deutlich wie nie zuvor

Als „Women’s Weepies“ wurden Melodramen oft abgetan, Filme zum Heulen, weil sie das Leben ihrer Protagonistinnen als Tragödie erzählten und dabei auch vor artifizieller Überhöhung nicht zurückschreckten. Douglas Sirk und später Rainer Werner Fassbinder entdeckten das gesellschaftskritische Potenzial in der Inszenierung dieser Geschichten und den Tränen, die sie hervorrufen, ob in Imitation of Life oder Angst essen Seele auf. Der spanische Regisseur Pedro Almodóvar hat dieses Prinzip seit mehr als vier Dekaden perfektioniert und mit seinem neuen, inzwischen 22. Film Parallele Mütter sein bislang am offensten politisches Melodram gedreht. Um Frauen, insbesondere Mütter, ging es bei ihm häufig, junge und alte, echte und falsche, fürsorgliche und abwesende. Doch der oft schrille Tonfall der frühen Filme ist einer tiefen Ernsthaftigkeit gewichen, und die spanische Gesellschaft, die er beschreibt, tut sich auch heute noch schwer mit der eigenen Vergangenheit.

Mütter gibt es im neuen Film gleich drei. Penélope Cruz spielt die Fotografin Janis, knapp vierzig, die im Auftrag einer Zeitschrift den forensischen Anthropologen Arturo (Israel Elejalde) porträtiert, mit dem sie nicht nur bald eine Affäre beginnt, sondern den sie auch um Hilfe bittet, die sterblichen Überreste ihres von den Falangisten ermordeten und in einem Massengrab verscharrten Urgroßvaters auszuheben. Als sie ungewollt schwanger wird, beschließt sie, das Kind ohne Arturo zu bekommen, der bereits verheiratet ist.

Im Krankenhaus teilt sie sich das Zimmer mit der 17-jährigen Ana (Milena Smit), die ebenfalls ein Kind erwartet, allein und völlig überfordert. Deren Mutter Teresa (Aitana Sánchez Gijón) ist zu beschäftigt mit der eigenen, spät an Fahrt aufnehmenden Theaterkarriere, um sich um Tochter und Enkelkind zu kümmern. Janis und Ana verlieren sich nach der Geburt ihrer Kinder eine Weile aus den Augen, eine Zufallsbegegnung in einem Café bringt sie wieder zusammen. Janis nimmt die jüngere Frau bald als Babysitterin unter ihre Fittiche und aus dem anfangs unverbindlichen Aufeinandertreffen wird eine Freundschaft zweier höchst unterschiedlicher Singlemütter, die sich gegenseitig stützen und die ganz almodóvaresk noch weit mehr verbindet.

Dieses Nachspüren unterdrückter Wahrheiten und Ausloten von Familienmodellen fächert der Film kunstvoll und berührend nach und nach auf. Bereits Almodóvars vorheriger Film, der autobiografisch geprägte Leid und Herrlichkeit,war mit seinem ernsthaften Ton und dem melancholischen Blick zurück ein Alterswerk. Mit Parallele Mütter lässt der 72-Jährige nun jede Campness beiseite, auch wenn sein Sinn für Farben und Bildkomposition, getragen einmal mehr von Alberto Iglesias’ Filmmusik, nichts dem Zufall überlässt und jedes Detail mit Bedeutung auflädt, ohne es melodramatisch zu überfrachten.

Übergang mit Stillschweigen

Parallel laufen dabei die Geschichten um die beiden Mütter und ihre Geheimnisse sowie die Auseinandersetzung mit der politischen Vergangenheit des Landes. Die spanische Gesellschaft hat nach dem Tod Francos 1975 und der anschließenden „Transición“, dem Übergang von der Diktatur in ein demokratisches System, nach dem Prinzip des Stillschweigens funktioniert. Der Bürgerkrieg und die Ermordung politisch Andersdenkender, über hunderttausend sollen es sein, wurde lange Zeit nicht thematisiert. Erst seit der Jahrtausendwende beginnt man, landesweit Massengräber aus dieser Zeit zu öffnen und sich den Wunden des kollektiven Traumas zu stellen. Almodóvar selbst war mit seiner Truppe von queeren Punks und Dragqueens Teil der „movida madrileña“, Madrids Subkultur, die mit Kreativität und Exzess den alten Muff lustvoll auszutreiben versuchte und dabei Franco schlicht negierte.

Unter der exaltierten Oberfläche waren seine Filme freilich immer schon politisch, ob in der normensprengenden Ästhetik, der Genderfluidität seiner Figuren oder ganz konkret in Anspielungen auf soziale Unruhen wie in Mein blühendes Geheimnis. Doch so direkt wie nun hat der vom einstigen Enfant Terrible zum weißhaarigen Herrn gewandelte Almodóvar die Schatten der Vergangenheit seines Landes bislang nicht thematisiert. 2018 koproduzierte er den Dokumentarfilm The Silence of Others, der vom langjährigen Kampf handelt, das 1977 beschlossene Amnestiegesetz aufzuheben, die Verbrechen des Franco-Regimes aufzuarbeiten und ein würdiges Gedenken für die Hinterbliebenen zu finden. Parallele Mütter setzt im Jahr 2016 ein, als Spanien noch vom rechtskonservativen Partido Popular unter Mariano Rajoy regiert wird, der sich gegen die Auseinandersetzung sperrte und staatliche Unterstützung verweigerte. So ist es auch eine Nonprofit-Organisation, die im Film die Exhumierung durchführt und damit Verschüttetes ins kollektive Bewusstsein holt.

Die Spaltung der Gesellschaft ist auch fast ein halbes Jahrhundert nach Francos Tod noch tief und die Gräben ziehen sich bis ins Private, entzweien ganze Familien, quer durch die Generationen, das zeigt Almodóvar meisterhaft subtil. Während Janis für die Umsetzung ihres Urgroßvaters in ihrem Heimatdorf kämpft, ist etwa Anas konservativer Vater strikt gegen jede Form der Aufarbeitung historischen Unrechts. Und Teresa, die sich selbst als unpolitisch bezeichnet, beklagt sich über das „linke“ Theatermilieu, wo sie ausgerechnet mit Doña Rosita oder Die Sprache der Blumen einen späten Erfolg feiert, einem Stück des Dramatikers Federico García Lorca, links und schwul, der im Spanischen Bürgerkrieg von den Rechten ermordet wurde. Mit seiner fiktionalen Spurensuche eines sehr realen Traumas in all seinen Widersprüchen trifft der Film im polarisierten Spanien einen Nerv, gerade weil er eher heilende Erinnerungsarbeit denn kämpferisches Pamphlet ist. Und die Tränen am Ende gegen das Vergessen fließen.

Info

Parallele Mütter Pedro Almodóvar Spanien 2021, 123 Minuten

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