Als müsste man das Kino vor dem Todesstoß bewahren

Berlinale 2022 Der Gegensatz zum Streaming ist nur ein behaupteter, das belegt das Festival mit seinem weitgefächerten Programm selbst am besten

Filme sind Fenster zur Welt“, sagte Isabelle Huppert bei der Verleihung des Berlinale-Ehren-Bären für ihr Lebenswerk. Sie selbst lächelte in einem Videofenster zugeschaltet von der Leinwand. Huppert konnte den Preis nicht persönlich entgegennehmen, weil sie wegen eines Positivtests kurzfristig zu Hause bleiben musste. Ihre Anmerkung sollte sich dennoch als nahezu prophetisch erweisen: Der tags darauf vergebene Hauptpreis des Festivals ging an einen Film, dessen präzise-empathischer Blick auf eine Bauernfamilie in der katalanischen Provinz Kritik und Publikum gleichermaßen hingerissen hatte.

Die Spanierin Carla Simón verbindet in ihrem mit Laiendarsteller*innen aus der Region besetzen Spielfilm Alcarràs autobiografische Erfahrungen mit einer sensibel erzählten Familiengeschichte und einer Auseinandersetzung um das Ende der traditionellen Landwirtschaft. Die Kamera beobachtet den Alltag dieser Familie, zeigt, wie die unterschiedlichen Generationen mit den sich verändernden Verhältnissen umgehen, vom unbekümmerten Spiel der Kinder bis zum immer stiller werdenden Großvater, dem sein Lebenswerk genommen wird. Zugleich fangen die Bilder die ganz reale Erntearbeit und den Wandel der Jahreszeiten ein, das Rauschen der Bäume ebenso wie die Kadaver der abgeknallten Feldhasen, die sich als die kleinere Plage erweisen angesichts feudal agierender Großgrundbesitzer und einer zunehmend bauernfeindlichen Agrarpolitik.

Damit ging der Goldene Bär nicht nur an ein filmisch wie politisch relevantes Werk, es wurde auch, nach Cannes und Venedig, das dritte große A-Festival in Folge von einer jungen europäischen Regisseurin mit ihrem jeweils zweiten Film gewonnen. Wie sich die Berlinale überhaupt an die genderparitätische Speerspitze setzte, bereits bei der Filmauswahl und noch mehr bei der Preisvergabe, bei der überwiegend Frauen bedacht wurden. Streitbar sind die Entscheidungen eines Kunstwettbewerbs per se, der Jury unter Vorsitz von M. Night Shyamalan gelang es jedoch geschickt, dabei die diversen Strömungen des Weltkinos abzudecken, vom Regiepreis an Claire Denis für ihr herausragend gespieltes Dreiecksdrama Avec amour et acharnement, über den Großen Preis der Jury an Hong Sang-soos lakonische Schwarz-Weiß-Metakomödie The Novelist’s Film bis zum Jurypreis an das mexikanische Sozialdrama Robe of Gems von Natalia López Gallardo. Die seit vergangenem Jahr genderneutralen Schauspielpreise gingen an zwei Frauen: an Laura Basuki in dem elegischen indonesischen Drama Nana für die beste Nebenrolle und an Metlem Kaptan als resolute Mutter des in Guantanamo inhaftierten Murat Kurnaz in Andreas Dresens dramatischer Politkomödie Rabiye Kurnaz gegen George W. Bush, für den Laila Stieler außerdem den Drehbuchpreis erhielt.

Präsenz trotz Corona

Auch wenn einiges Preiswürdige notgedrungen leer ausgegangen ist, wie zum Beispiel Isaki Lacuestas eindringliches Psychogramm Un año, una noche über ein Paar, das den Anschlag im Pariser Konzertclub Bataclan überlebt und dann sehr gegensätzlich mit den traumatischen Erinnerungen umgeht, zeigten die Entscheidungen doch den klaren Willen, ein Fenster aufzureißen und mit frischem Wind neue filmische Stimmen zu würdigen.

Noch mehr als die Filme selbst war Gesprächsthema der diesjährigen Berlinale das Beharren auf einer reinen Präsenzveranstaltung ohne virtuelle Alternative, trotz hoher Covid-Inzidenz, was von etlichen Medienvertreter*innen zu Recht kritisiert worden war. Andere sahen in der Präsenzveranstaltung die einzige Überlebenschance eines Festivals, das im Rennen gegen Cannes und Venedig an Bedeutung zu verlieren droht. Einmal mehr wurde ein Kulturkampf zwischen Leinwand und Bildschirm postuliert, als wäre das Kino im Sterben begriffen und müsste vor dem Todesstoß der Streamingdienste bewahrt werden. Dabei gibt es im Berlinale-Programm selbst längst eine eigene Seriensektion, die außergewöhnliche Produktionen zeigt, und das nicht erst seit dem Pandemie-Boom.

In diesem Jahr ging sie allerdings, wie andere Nebenreihen auch, im Überangebot und zugleich sehr engen Zeitplan etwas unter. An der Auswahl von Sektionsleiterin Julia Fidel und ihrem Team lag es nicht. Die sieben Produktionen waren in den jeweils gezeigten ersten Episoden so inszenatorisch innovativ wie thematisch divers. Herausragend etwa der verschachtelt und dicht erzählte Politthriller Iosi, el espía arrepentido des argentinischen Regisseurs Daniel Burman. Der Berlinale-Veteran, 2004 für El abrazo partido mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet, widmet sich in seiner ersten Serie anhand eines in die jüdische Gemeinde von Buenos Aires eingeschleusten Doppelagenten den Anschlägen auf die israelische Botschaft 1992 und das AMIA-Gebäude 1994, die bis heute nicht aufgeklärt sind, und damit dem Antisemitismus in der Gesellschaft bis in höchste Polizeikreise. Die Amazon-Produktion ist nicht die einzige namhafte Autoren-Serie. In The Shift inszeniert die dänische Filmemacherin Lone Scherfig (Italienisch für Anfänger) die Entbindungsstation eines Krankenhauses als Universum elementarer Erfahrungen und großer Gefühle, indem sie mit einem großartigen Ensemble die Grenzen des Genres elegant austestet. „Nordic Light“ nennt Scherfig das, anspielend auf die düsteren Genreproduktionen, für die Skandinavien sonst bekannt ist. Mit Erwartungen bricht auch die schwedische Comedyserie Lust, die sich sehr lustvoll und unverschämt lustig mit weiblicher Sexualität jenseits von Mitte vierzig auseinandersetzt.

Deutlich düsterer ist die britische Mystery-Serie The Rising, ab März auf Sky zu sehen, über ein getötetes Teenagermädchen, das plötzlich wieder erwacht und sich auf die Suche nach dem Mörder macht und dabei auf allerlei Lügen und Geheimnisse im familiären Umfeld stößt. Eine sehr reale, dabei faszinierend ambivalente Protagonistin steht im Zentrum des tschechischen Vierteilers Suspicion über eine introvertierte Krankenschwester, die im Verdacht steht, für den Tod einer Patientin verantwortlich zu sein. Und ein perfides Spiel mit der pandemisch eingeschränkten Reiselust des Publikums liefert die isländische Crime-Produktion Black Sands über ein abgelegenes Kaff, in dem Touristinnen Opfer von Gewalttaten werden. Auch hier eröffnet das Fenster eine Perspektive in eine fremde Welt, die mit der Postkartenidylle wenig gemein hat.

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