„Ich bin da respektlos“

Interview Die Filmemacherin Emma Seligman – jung, queer und jüdisch – spricht über ihr Debüt „Shiva Baby“
„Ich bin da respektlos“
Danielle (Rachel Sennott) bei der Trauerfeier – der Film spielt auf engstem Raum an einem Tag

Foto: Mubi

Die Studentin Danielle (Rachel Sennott) eilt vom Treffen mit „Sugar Daddy“ Max (Danny Deferrari) direkt zu einer Schiva, einer jüdischen Trauerfeier. Dort trifft sie nicht nur überraschend auf die Gattin ihres Liebhabers samt Baby, sondern muss sich auch den zudringlichen Fragen von Eltern und Verwandten stellen ... Die Kanadierin Emma Seligman hat für ihr Regiedebüt auf Situationen ihrer eigenen Familie zurückgegriffen und eine smarte Komödie als Spießrutenlauf voller Peinlichkeiten geschaffen. Per Video aus Los Angeles zugeschaltet, spricht Seligman über morbiden Humor, Repräsentation und den Zauber des Fremdschämens.

der Freitag: Frau Seligman, eine Totenwache ist eine sehr sensible, aufgeladene Situation, besonders für eine Komödie ...

Emma Seligman: Gab es Grenzen, die ich nicht überschreiten wollte? Nicht wirklich. Mein Blick auf den jüdischen Alltag ist sehr respektlos, ich wollte im Gegenteil all das thematisieren, woran ich mich selbst immer wieder reibe. Natürlich wollte ich keine Stereotypen reproduzieren, aber ich suchte in jeder Szene nach einem neuen Fettnäpfchen, einer anderen Peinlichkeit, die ich auskosten kann. Ich habe mich nicht zurückgenommen, im Gegenteil.

Warum ausgerechnet eine Schiva?

Jüdischer Humor ist oft sehr morbide, und weil ich aus Kanada stamme, ist meiner noch etwas düsterer als in den USA üblich. Je ungemütlicher und trauriger, desto besser. Humor hat viel mit Schmerz zu tun. Shiva Baby war zunächst ein Kurzfilmprojekt an der Filmhochschule in New York; ich wollte von einer Welt erzählen, die ich gut kannte, mit Figuren, für die mir Dialoge leichtfielen. Es war überhaupt das erste Mal, dass ich Szenen mit Dialog drehte. Also wählte ich dafür die Zusammenkunft einer jüdischen Familie, weil ich selbst damit aufgewachsen bin und mir diese Situationen persönlich sehr vertraut sind. Und ich habe damals mit Begeisterung die Amazon-Serie Transparent von Joey Soloway gesehen und mochte die Art, wie dort von peinlichen und unangenehmen Situationen in einer jüdischen Großfamilie erzählt wird, mit all den Spannungen, merkwürdigen sexuellen Schwingungen und auch dem Schrecken, den eine solche Familie über ihre Mitglieder bringt.

Die Handlung spielt an einem einzigen Tag in einem Haus. Warum diese Beschränkung?

Es fiel mir anfangs sehr schwer, das auf Spielfilmlänge zu erzählen. Aber mir war es wichtig, dass man mit Danielle dort auf dieser jüdischen Totenwache feststeckt, unter den Augen aller Verwandten und Bekannten. Gleichzeitig wollte ich es nicht zu slapstickartig machen und das Drehbuch war mir in der ersten Fassung auch zu albern geraten. Es klang mehr nach Sterben für Anfänger mit einem verrückten Typen, dem komische Dinge passieren. Den richtigen Ton zu finden war sicher die größte Herausforderung.

Es ist eine Gratwanderung zwischen peinlich-komischen Momenten und einer permanenten Anspannung, die aus dem sozialen Druck entsteht und bald klaustrophobische Züge annimmt. Wie haben Sie diese Balance gefunden?

Das hat sich organisch mit der Zeit entwickelt. Ich wusste von Anfang an, dass es eine Komödie wird und ich habe mir darüber nie Sorgen gemacht. Vieles, wovon ich erzähle, habe ich selbst erlebt und wusste einfach, dass diese Situationen witzig sind. Mich trieb etwas anderes um. In den letzten zehn Jahren gab es zum einen tolle Komödien mit schrägen weiblichen Hauptfiguren, von Frauen geschrieben und inszeniert, und eine ganze Reihe von romantischen Filmen mit jüdischen Charakteren wie Kissing Jessica oder Keeping the Faith. Ich hatte Angst, da in so eine Nische zu rutschen und alte Klischees zu bedienen. Dann sah ich mir Filme an, die an einem einzigen Tag und Ort spielen, und mich reizte, wie sie mit Elementen aus Psychodrama und Thrillern arbeiteten. Für die Bildgestaltung und wie wir Danielle und die Schiva-Gäste auf engstem Raum inszenieren, haben wir uns davon inspirieren lassen.

Zur Person

Foto: Mubi

Emma Seligman, 1995 in Toronto geboren, studierte in New York Film; ihr Regiedebüt Shiva Baby feierte 2020 auf dem Toronto Filmfest Premiere. Zur Zeit lebt sie in Los Angeles und arbeitet an einem neuen Projekt mit Shiva Baby-Hauptdarstellerin Rachel Sennott. Shiva Baby ist ab dem 11. Juni auf Mubi zu sehen

Geht das nur durch exakte Choreografie? Oder haben Sie auch improvisiert?

Jede Figur und wie sie sich durch das Haus bewegt, war genau festgelegt. Unser Budget war minimal und wir hatten nur wenige Drehtage. Das hätte ohne präzise Planung mit meiner Kamerafrau Maria Rusche gar nicht funktioniert. An manchen Tagen konnten wir uns die Nebendarsteller und Komparsen nicht leisten und wir mussten Szenen so drehen, dass man nur einen engen Ausschnitt sieht und nicht auffällt, dass im Hintergrund niemand steht. Das hat trotzdem manche nicht davon abgehalten zu improvisieren, Polly Draper etwa als Danielles Mutter hat ganze Dialogpassagen neu erfunden, vor allem wenn sie Szenen mit Deborah Offner hatte, die ihre beste Freundin spielt. Ich wusste vorher nicht, dass die beiden wirklich alte Freundinnen sind, und sie hatten ihre ganz eigenen Ideen, die manchmal etwas unbändig waren.

Ist es heute einfacher, als jüdische, queere Filmemacherin eine Stimme zu finden und wahrgenommen zu werden?

Ich habe mir zum Glück keine Gedanken gemacht, ob mein Film „zu jüdisch“ oder „zu queer“ sein könnte. Vielleicht war das naiv, aber so hatte ich zumindest keine Hemmungen. Ich finde es sehr ermutigend, wie vielfältig die Filme der letzten Jahre geworden sind, The Farewell mit Awkafina etwa oder die Comedyserie Ramy, nur um zwei Beispiele mit Hauptfiguren aus unterschiedlichen Kulturen zu nennen, die man sonst selten sieht. Und es gibt ein Publikum dafür, sie sind erfolgreich! Da ändert sich gerade sehr viel.

Ist es auch eine Gratwanderung?

Absolut! Denn die Frage, wie eine Community repräsentiert wird, ist natürlich legitim und Menschen kommentieren das und reagieren darauf. Dürfen jüdische Figuren von nichtjüdischen Darstellern gespielt werden? Queere Figuren von Menschen, die sich nicht als queer identifizieren? Beruht ein Film auf kulturellen Eigenheiten oder reproduziert er damit Klischees? Da gehen die Meinungen stark auseinander, auch bei meinem Film, weil ich damit spiele, meine Hauptdarstellerin ist Italoamerikanerin, die blonde WASP-Ehefrau wiederum habe ich mit einer jüdischen Schauspielerin besetzt. Ich verfolge diese Debatten mit Interesse und habe nicht den Eindruck, mich einer „politischen Korrektheit“ beugen zu müssen.

Sie waren schon als Jugendliche sehr meinungsstark und hatten offenbar keine Scheu, Kritik zu äußern, etwa in den Filmrezensionen, die Sie als Teenager für die „Huffington Post“ schrieben.

Oje, die haben Sie ausgegraben? Ich hatte großes Glück, dass meine Eltern begeisterte Filmfans sind und mich schon früh damit angesteckt haben. Was mich endgültig verdorben hat, war wahrscheinlich, dass ich als Neunjährige in einer Kinderjury beim Toronto Filmfest war. Ich wollte da unbedingt rein und musste mich mit einer Filmkritik bewerben. Meine Wahl fiel auf eine Comedy mit Ice Cube, die ich unbedingt sehen wollte und dann hasste. Also schrieb ich einen Verriss und schickte ihn ans Festival. So kam ich in die Jury und ich habe gesehen, dass es sich lohnt, die eigene Meinung zu vertreten. Ich fing dann an, das Festival regelmäßig zu besuchen und einen eigenen kleinen Filmblog zu schreiben. Aber machen Sie sich keine Mühe, danach zu suchen! Den habe ich längst gelöscht.

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Ihre Freitag-Redaktion

06:00 11.06.2021
Geschrieben von

Thomas Abeltshauser

Freier Autor und Filmjournalist
Thomas Abeltshauser

Ausgabe 23/2021

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