„Ich will keine Karikaturen schaffen“

Ulrich Seidl In „Rimini“ wirft der Regisseur wieder einen besonderen Blick aufs Hässliche, Abstruse, aber allzu Menschliche. Gespräch mit einem, der wieder einmal das Publikum spaltet

Anstelle von Sonne, Meer und Strand leere Hotelbunker, zugesperrte Bars, Nebelschwaden und sogar Schnee – das ist die Szenerie, in der Ulrich Seidls neuer Film Rimini spielt, den er auf der Berlinale im Wettbewerb vorstellte. Aber wovon Seidl mit einem abgehalfterten Schlagersänger im Zentrum erzählt, geht einmal mehr über Tristesse und Melancholie hinaus.

der Freitag: Herr Seidl, Ihr neuer Film „Rimini“ spaltet das Berlinale-Publikum. Viele finden Ihren Blick auf den Alltag eines alternden Schlagersängers im winterlich-verwaisten Badeort Rimini deprimierend, andere kommen geradezu gutgelaunt aus dem Kino. Absicht, oder?

Ulrich Seidl: Ich möchte gar nicht, dass der Zuschauer mit einer ganz bestimmten Stimmung das Kino verlässt, ich habe keine Message und ich möchte auch nicht bezwecken, dass etwas Bestimmtes mit dem Zuschauer passiert. Der Film bietet ein ganzes Spektrum an möglichen Reaktionen. Dieses Facettenreiche und Ambivalente interessiert mich.

Was stand am Anfang von „Rimini“: der Ort oder tatsächlich die Geschichte des Schlagersängers?

Die Geschichte um den Schlagersänger Richie Bravo geht sehr lange zurück und ist verbandelt mit Michael Thomas, dem Schauspieler. In meiner Vorstellung kann nur er das spielen. Mit ihm entstand auch die Idee, so eine Figur zu kreieren. Und ich hatte auch schon lange im Kopf, etwas an der Adria in dieser nebeligen Winterzeit spielen zu lassen. Das Drehbuch handelte anfangs von zwei Brüdern, die Geschichte des jüngeren, gespielt von Georg Friedrich, spielt in Rumänien. Am Ende haben wir uns entschieden, daraus zwei Filme zu machen. Der zweite ist bereits im Schnitt und soll auch noch dieses Jahr herauskommen.

Die Bilder, die Sie da in Rimini finden, könnte man als von ausgesuchter Hässlichkeit beschreiben oder als Ausdruck melancholischer Schönheit.

Für mich ist der Ort höchst inspirierend. Ich habe so viele tolle Schauplätze vorgefunden, die konnte ich gar nicht alle verwenden. Jedes Hotel eine abstruse Angelegenheit, diese Schachtelarchitektur, es gibt dort keinerlei Scheu, das wäre in Österreich oder Deutschland unvorstellbar. Alleine diese Disco, wo gibt es so etwas noch? Das hat mich unheimlich fasziniert. Und dann diese sogenannte Tristesse, dieser Nebel, die Leere, die zugesperrten Bars, das ist für mich eine Art Schönheit, in der ich mich auch wohlfühle. Vielleicht ist es melancholisch, aber ich finde es auf jeden Fall interessanter und inspirierender als den Sommer, wenn die Strände voll sind, die Liegestühle und Sonnenschirme aufgestellt sind und jeder sein Platzerl hat.

Zur Person

Foto: Future Image/Imago Images

Ulrich Seidl, 1952 in Wien geboren, machte sich in den 1990er-Jahren mit Dokumentarfilmen wie Tierische Liebe einen Namen, in denen er hässliche, abseitige Milieus ausleuchtete. Seit Hundstage (2000) dreht er auch Spielfilme, ist dem Interesse am Randständigen aber weiter treu

Das sommerliche Getümmel als der wahre Horror?

Aber das ist der Sehnsuchtsort. Davon singt ja Richie. Sonne, Meer, Glück, all das ist dort verankert.

Dieser Richie ist ein abgehalfterter Schlagersänger, der vor Rentnerbusgruppen auftritt und sich als Gigolo etwas dazuverdient. Wie schaffen Sie es, dass Ihre Figuren nie vorgeführt werden?

Weil ich sie ernst nehme, und weil ich mich mit ihnen zum Teil auch identifiziere. Ich will keine Karikaturen schaffen, sondern Figuren, die für jeden Zuschauer auch Menschen sind.

Haben Sie diese Figur zusammen mit dem Hauptdarsteller Michael Thomas entwickelt?

Als ich ihn kennengelernt habe, im Zuge von Import Export, da war er noch ein Schauspieler, der sehr eitel war, was seinen Körper anbelangt. Viele Jahre später, nachdem wir uns beide gut kannten, war er dann bereit, dass er diese Rolle spielt mit einem Körper, der schon etwas aus den Fugen geraten ist. Das bedarf eines Vertrauens, das wir im Laufe der Jahre füreinander bekommen haben. Es ist die Rolle seines Lebens, da bin ich mir sicher. Alles, was geschrieben ist, ist ihm sehr nahe, und er weiß, wovon er da spielt und spricht, vom Alkohol über Spielsucht, dem Zugang zu Frauen, bis zur Sexualität.

Gab es da Grenzen?

Nicht vorweg. Es gibt ein klares Drehbuch, und dann wird aber viel auch improvisiert. Sobald man anfängt, konkret Schauplätze zu finden, verändern sich Dinge, auch dann, wenn man dreht und die Ergebnisse sieht. Insofern entwickeln sich bei den Dreharbeiten Dinge oft anders, als man sie geschrieben und gedacht hat. Und ich glaube, auch oft viel reichhaltiger.

Auch die Schlager haben etwas Ambivalentes. Sie können kitschig und lächerlich klingen, und dann gibt es Momente, da singt Richie und es berührt richtig.

Das ist das Wichtige. Es würde nicht funktionieren, wenn es das nicht täte. Aber es berührt, weil er glaubt, was er da singt. Das ist das Faszinierende an der Figur, weil er mit einer solchen Ehrlichkeit diese Träume und Sehnsucht und Melancholie zum Ausdruck bringt. Wenn er im leeren Saal von Winnetou singt, kommen einem die Tränen. Bis auf zwei Stücke von Udo Jürgens sind alle Lieder für den Film geschrieben.

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