Reizüberströmung

Streams Längst stellt die Berlinale auch Serien vor: Es gibt Schätze zu entdecken. Manch einer funkelt erst auf der Leinwand so richtig

Was für ein Auftakt. Auf dem Rasen vor dem Haus liegt ein gelber Luftballon in der Sommersonne. Der Nachbar hebt ihn auf, geht durch die offen stehende Haustür, ruft und bekommt keine Antwort. Er durchquert Zimmer mit Party-Deko und leeren Flaschen, geht hinaus in den Garten, wo auf einem Tisch mit Essensresten aus einem Radio eine bombastische Schnulze schallt, und er, die ganze Sequenz ohne einen Schnitt, an den Campingstühlen vorbei schließlich am Pool ankommt und erstarrt: Im dunkelrotem Wasser schwimmen vier nackte Leichen. Dazu in knallgelben, runden Siebziger-Jahre-Lettern der Titel: C’est comme ça que je t’aime.

Die franko-kanadische Serie, benannt nach dem Chanson von Mike Brant aus den frühen Siebzigern, auf Deutsch etwa „So liebe ich dich“, der das Geschehen immer wieder voll Pathos ironisch untermalt, erzählt in Rückblenden von den Affären zweier Paare in dieser Vorstadthölle aus angesoffenen Grillpartys und Handjobs im Planschbecken. Dass die Sache nicht gut ausgehen wird, ist von Anfang an klar, als die vier ihre Kinder für drei Wochen ins Ferienlager schicken und allein mit sich sind. Und es ist ein teuflisches Vergnügen, dabei zuzusehen.

Der Zehnteiler von François Létourneau und Jean-François Rivard ist eine von neun internationalen Serien, die auf der diesjährigen Berlinale zu sehen sind und damit eine erstaunliche Bandbreite an Geschichten und Genres abdecken. Diesen horizontalen Erzählformaten rollt das Filmfest vom 24. bis 27. Februar im ehrwürdigen Zoo Palast den roten Teppich aus. Eine der Serien, der dokumentarische Vierteiler Hillary über die gescheiterte US-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton, wird im Haus der Berliner Festspiele in Clintons Anwesenheit präsentiert.

Weit mehr als 500 Serien wurden alleine 2019 veröffentlicht, nur ein Teil davon ist allerdings für das deutsche Publikum auf den üblichen Plattformen und TV-Sendern verfügbar. Und so ist es kein Mangel, dass sich die „Berlinale Series“ hauptsächlich Produktionen ins Programm gehoben hat, die nicht von den großen Streamingdiensten, sondern klassischen Broadcastern wie dem kanadischen oder dänischen Fernsehen stammen und noch keinen deutschen Sender haben oder bald online zu sehen sein werden. Die Sektion, in ihrem sechsten Jahr und dem ersten unter der neuen Leitung von Julia Fidel, positioniert sich damit im andauernden Streamingkrieg klug abseits der Gräben der großen Anbieter.

Cannes kann das nicht

Mit einer eigenen Seriensektion stärkt die Berlinale nicht nur das Medium, sondern positioniert sich auch gegenüber den anderen großen Festivals Cannes und Venedig sehr deutlich. Eine Ansage zudem an die Branche, für die mit einem Konferenzprogramm und Marktscreenings eine Plattform zum Netzwerken geschaffen wurde. Eine Win-win-Situation für alle Beteiligten: Das Festival präsentiert sich als Ort der Neuentdeckungen und das Publikum profitiert davon, Werke in der Gemeinschaft eines großen Kinosaals und in Anwesenheit von den Machern zu erleben.

Aus Australien etwa kommt die von Cate Blanchett initiierte, hochkomplexe Politdramaserie Stateless, die in mehreren Erzählsträngen von Menschen auf der Flucht handelt und sehr authentisch den Alltag in den Lagern in der australischen Wüste schildert. Die Perspektive springt dabei zwischen einem Mann aus Afghanistan, der Frau und Kinder verloren hat, einer weißen Flugbegleiterin auf der verzweifelten Suche nach ihrer Identität, Staatsbeamten, die versuchen, sich in ihrer Arbeit möglichst menschenwürdig zu verhalten. Jeder versucht, irgendwie über die Runden zu kommen. Blanchett tut gut daran, keine der „echten“ Figuren zu spielen, ihr Auftreten wirkt gerade deshalb nicht als Fremdkörper innerhalb der Serienlogik, weil sie keine Sympathieträgerin ist, sondern eine manipulative, seelencoachende Sektenführerin verkörpert, die übergriffig teflonartigen Positivismus verbreitet.

Wie sehr sich die Serienlandschaft auch hierzulande wandelt, wird an der einzigen deutschsprachigen Produktion der Sektion deutlich. Der Achtteiler Freud, von ORF und Netflix gemeinsam produziert, ist eine sehr freie Neuinterpretation des Lebens und Schaffens von Sigmund Freud, der im Wien der 1880er Jahre mit Hypnose experimentiert und Verbrechen auf der Spur ist. Eine Art „Anti-Biopic“, wie Sektionsleiterin Julia Fidel es nennt, das wild Genres mixt, Historienepos mit Wiener Schmäh, Verschwörungsthriller mit politischen Anspielungen und Profiler-Krimi mit einem Schuss paranormaler Aktivitäten. Das gab es lange nicht in hiesigen Fernsehproduktionen, das wollte und konnte keiner, doch inzwischen ist man auch hier aus dem Dornröschenschlaf erwacht. Das ist nicht zuletzt dem Österreicher Marvin Kren zu verdanken, der im Kino Genrefans mit Horrorfilmen wie Rammbock und Blutgletscher begeisterte und zuletzt die erfolgreiche Neukölln-Gangsterclan-Serie 4 Blocks schuf. Auch Freud, mit Robert Finster, Ella Rumpf und Georg Friedrich hochkarätig besetzt, inszeniert Kren unkonventionell, düster und drastisch. Er scheut weder echten Wiener Dialekt, selbst wenn dafür Untertitel notwendig sind, noch davor zurück, den reaktionären Untertanengeist und Antisemitismus klar zu benennen, dem Sigmund Freud ausgesetzt war.

Längst haben auch andere renommierte Filmemacher die Freiheiten, die ihnen Serienformate bieten, zu nutzen gelernt. Das Festival hat etwa die BBC-Produktion Trigonometry über eine Dreiecksbeziehung im heutigen London eingeladen, bei der die griechische Autorenfilmerin Athina Rachel Tsangari (Attenberg) Regie führt, sowie die dystopische Miniserie Dispatches From Elsewhere von Jason Segel (How I Met Your Mother) und als krönenden Abschluss die erste Serie von La-La-Land-Regisseur Damien Chazelle. The Eddy handelt vom gleichnamigen Jazzclub in Paris, dessen Betreiber und Bandleader Elliott brutale Geldeintreiber im Nacken sitzen. Der mehrsprachig gedrehten Serie mit internationaler Besetzung, unter anderem André Holland (Moonlight), Joanna Kulig (Cold War) und Tahar Rahim (Ein Prophet), gelingt es, Musik in mitreißende Bewegtbilder zu übertragen, die in ihrer vollen Pracht – und das ist der eigentliche Wermutstropfen der Serien-Präsenz im Rahmen der Berlinale – nur auf der Leinwand zur Geltung kommen.

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06:00 26.02.2020
Geschrieben von

Thomas Abeltshauser

Freier Autor und Filmjournalist
Thomas Abeltshauser

Ausgabe 23/2021

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