Vor der drückenden Hitze Manhattans hat sich Irene (Tessa Thompson) in den Teesalon eines Nobelhotels geflüchtet, wo die Gäste, allesamt angelsächsisch bleich, nicht wahrnehmen, dass sich unter Irenes weißem Spitzenhut das Gesicht einer Afroamerikanerin versteckt. Sie sitzt allein an einem Tisch, angespannt Haltung bewahrend an einem Ort, an dem Nichtweiße unerwünscht sind. Wir sind im New York der 1920er Jahre.
Verstohlen beobachtet Irene die Gäste um sich herum, ein junges verliebtes Paar, zwei ältere Damen. Dann verharrt ihr Blick auf einem Tisch gegenüber, an dem eine blonde Frau sitzt. Die starrt unvermittelt zurück, steht schließlich auf und geht auf sie zu. Irene gerät in Panik, will weg, doch die Frau kommt ihr zuvor. Sie nennt Irene bei ihrem Kosenamen aus Jugendtagen, Reenie. Als die Frau schließlich auflacht, erkennt Irene daran ihre ehemalige Schulfreundin Clare (Ruth Negga). Und ist irritiert, wie selbstsicher sich die Freundin in diesen, ihresgleichen ausschließenden Kreisen bewegt. Denn auch Clare ist Afroamerikanerin, was mit ihrem hellen Teint und den platinblonden Haaren aber niemandem aufzufallen scheint. Irenes Irritation nimmt weiter zu, als sich Clares weißer Ehemann John (Alexander Skarsgard), ein Geschäftsmann aus Chicago, stolz als lupenreiner Rassist präsentiert. Eine Tatsache, die Clare weglächelt, sie hat sich in diesem falschen Leben eingerichtet, niemand ahnt etwas von ihrer Herkunft. Doch glücklich ist sie nicht.
Denn die Wiederbegegnung mit Irene befeuert Clares Sehnsucht nach schwarzer Kultur und Identität, den Wurzeln, die sie kappte, um sozial aufzusteigen. Eines Tages steht sie plötzlich vor der Tür des schmucken Brownstown-Einfamilienhauses in Brooklyn, in dem Irene mit ihrem Mann Brian (André Holland), einem erfolgreichen Arzt und den zwei Söhnen lebt. Sie gehören zu New Yorks afroamerikanischer bürgerlicher Mittelschicht; Irene gibt hier die kultivierte Salondame, die durch ihre Freundschaft mit dem weißen, offiziell heterosexuellen Schriftsteller Hugh Wentworth (Bill Camp) Zutritt in die künstlerischen Zirkel der Stadt erhält.
Auch diese Fassade strengt an
Den Rassismus ihrer Umgebung versucht sie auszublenden; die stattfindenden Lynchmorde sollen ihren Jungs gegenüber nicht erwähnt werden. Doch auch diese Fassade strengt an: Irene ist oft erschöpft und niedergeschlagen. Und die scheinbar unbekümmerte Art Clares, die sich wie ein Chamäleon jeder Situation anpasst, macht Irene auch Angst.
Clare, Irene, Hugh – sie alle spielen Rollen in dem Soziotop, das Rebecca Hall in ihrem beeindruckenden Regiedebüt Passing auffächert. Sie geben sich als etwas oder jemand anderes aus, mal offensichtlicher, mal versteckter. Jede Pose ist ein Bedeutungsträger, jedes Kleidungsstück ein Schutzschild, das wahre Ich verhüllend oder Ausdruck einer gewünschten Identität, eines Image.
Das Wort „Passing“ ist ein Begriff aus der Soziologie, er bezeichnet ein Phänomen, bei dem die soziale Identität eines Menschen von Außenstehenden nicht erkannt wird, weil sie oder er als Teil der gesellschaftlichen Mehrheit „durchgeht“. Das gilt für People of Colour ebenso wie für trans* Menschen und Homosexuelle.
Passing ist auch der Titel des Romans, den die afroamerikanische Schriftstellerin Nella Larsen, eine der führenden Schriftstellerinnen der Harlem Renaissance, 1929 veröffentlichte und den Begriff damit geläufig machte. Die britische Schauspielerin Rebecca Hall (Vicky Cristina Barcelona) hat sich für ihr Regiedebüt für einen auf den ersten Blick ungewöhnlichen Stoff entschieden. Dabei setzt sie sich schon länger mit der Praxis des Passing auseinander, bedingt durch die eigene Biografie: Halls Großvater mütterlicherseits führte als hellhäutiger Afroamerikaner ebenfalls einen Großteil seines Lebens als „weiß“ gelesener Mann. Auf den Spuren seines Lebens stieß Hall auf Larsens Roman, den sie nun in formal strengen Schwarz-Weiß-Bildern adaptierte. Die monochromen Kontraste auf der Bildebene beleuchten die moralischen Grauzonen zweier Lebensentwürfe, während das gewählte klassische 4:3-Format zugleich Intimität und Enge suggeriert. Zusammen mit dem spanischen Kameramann Eduard Grau, der zuvor Filme wie Tom Fords A Single Man fotografierte, schafft Hall eine Atmosphäre von merkwürdig distanzierter Ruhe, als würde permanent die Luft angehalten, um nicht aufzufallen. So überträgt sie die Mimikry der Protagonisten auch aufs Formale. Ästhetisch erscheint Passing in Bildkomposition und dem melodramatischen Fokus auf Gesichter in Großaufnahme selbst wie ein Produkt dieser Ära.
Seitenwechsel lautet nun der deutsche Titel bei Netflix, wo der Film nach seiner Sundance-Premiere im Januar 2021 seit Kurzem zu sehen ist. Der übersetzte Titel raubt dem Original das Ambivalente, zwischen den Welten Schwirrende. Sei’s drum. Passing ist eine kluge Auseinandersetzung mit sozialen Normen, Rassismus und der Frage, was uns biologisch bedingt und wie sehr uns Kultur prägt. Was macht dieses Passing mit einem Menschen? Wie sehr sind wir unserer Herkunft verpflichtet? Oder gibt es ein individuelles Recht, seine Identität frei zu wählen? Der Film hat darauf am Ende eine, zumindest im historischen Kontext, schlüssige Antwort. Und wirft damit auch einen Schatten des Zweifels auf den Fortschritt im Jahr 2021.
Passing Rebecca Hall USA 2021, 98 Minuten, Netflix
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