Betroffenheitsrhetorik - Die große Geste

Mord in Offenbach Die Studentin Tugce ist tot – die Reaktion darauf ist scheinheilige Betroffenheitsrhetorik, welche die handfesten Probleme im Land zielstrebig verwässert.
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Es stinken zum Himmel: Der ständige Aktionismus in diesem Land, die ständige Betroffenheitsrhetorik und das scheinheilge Verwässern von Problemen. Eine junge Frau ist tot und nun wird tausendmal betont, wie jung, weiblich und muslimisch sie war, aber trotzdem so couragiert, ohne Burka und sogar gebildet, weil Lehramtsstudentin. Als wolle man das jahrelange skandalöse Wegschauen in punkto NSU und das kürzliche HoGeSa-Schlamassel nun mit einer Geste entschuldigen. Im Eilverfahren wird schon geprüft, welchen Verdienstkreuz-Klimbim man dem Sarg nun umhängen kann, was zum Großen Zapfenstreich gespielt werden soll und wie groß der Kranz sein soll, den man staatsseitig, gut platziert, vor die Moschee legen lässt. Die Ekelhaftigkeit dieses positiven Rassismus ist wohl kaum zu übertreffen. Endlich hat man wieder eine Gelegenheit, das große Bedauern über Fremdenfeindlichkeit in unserem Land zu demonstrieren, nachdem man Jahrzehnte lang Rechtsradikalismus verharmlost hat. Und dabei weiß man noch nicht mal, ob es sich hierbei um eine rassistisch motivierte Tat, oder nur um einen rundum dämlichen Schläger handelt. Die in der U-Bahn Totgetrampelten, vor ein paar Jahren, waren hingegen keine Staatstrauer wert. Eher ein paar hysterische Bild-Schlagzeilen und Maischberger-Diskussionen. Was man allerdings konnte, war die Totalüberwachung ein Stück mehr zu legitimieren. Und überhaupt muss man inständig und ständig beten, dass um Herrgottswillen nichts passiert. Denn jedes mal, wenn etwas die Nation erschüttert, weiß man es geschickt zu nutzen, um deren Rechte einzuschränken. Nach dem Amoklauf von Winnenden hat man einfach das Waffengesetz ein bisschen angezogen, anstatt nach den Fehlern und Betreuungsmissständen in Schulen zu handeln. Nach dem Fall Edathy hat man die Konsumenten von Kinderpornos strenger verfolgt und alles als Schlagwort Kinderporno definiert, was nicht erwachsen und angezogen ist, anstatt einen Vorschlag zur effektiveren Verhaftung der Täter und Händler zu formulieren. Nach dem Motto: "Was sie nicht dürfen, können sie nicht". Man zieht sich moralisch aus der Affäre, indem man symbolhaft verbietet, entschuldigt und zur Schau stellt, anstatt präventiv zu handeln. Sämtlichen Opfern ist damit nicht geholfen, nicht einmal nachträglich. Im Gegenteil: Die Angehörigen von Tugce sind jetzt in der traurigen Verlegenheit, einem Bundespräsidenten zu Dank verpflichtet zu sein.

00:05 04.12.2014
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Geschrieben von

Flamingo

Jahrgang 90. Berlin. Kunsthistoriker. Musiker. Freund beissender Kritik.
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