Der Dreck am eigenen Stecken

Polit-Pharisäer unterwegs »Daniel Cohn-Bendit, andere Intellektuelle und Ex-Politiker rufen zu einer Demonstration gegen „lupenreinen Massenmord“ in Aleppo auf«. – Ca. 500 folgten ihnen.
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Cem Özdemir, Vorsitzender von Bündnis 90/ Die Grünen, erklärte SPIEGEL ONLINE am 15. Oktober 2016: „Wegschauen dürfen wir nicht. Die Massaker von Srebrenica und Grosny wiederholen sich in Aleppo“… „Ich bin kein Radikalpazifist. Ich finde es nach wie vor falsch, dass sich Deutschland bei der Libyen-Intervention enthalten hat und habe dem Militäreinsatz in Afghanistan zugestimmt.“

Und Norbert Röttgen, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Deutschen Bundestages, belehrte die Zuschauer der TV- Sendung „Anne Will“ vom 9. Oktober 2016: "Putin testet aus, wie weit er gehen kann", deshalb müsse man jetzt die Kriegsverbrechen beim Namen nennen. – Gemeint sind nicht die eigenen.

Sie alle übersehen geflissentlich eines: nämlich den Dreck am eigenen Stecken. Sie präsentieren sich als nicht zu übertreffende Heuchler entsprechender eigener verbrecherischer Handlungen.

Denn der Krieg bereits ist das Verbrechen, nicht erst die Kriegsverbrechen sind es!!!

Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen: Der Bundespräsident und Theologe Joachim Gauck agitiert die Bevölkerung für Krieg als Ultima Ratio und antwortet jenen 67 Pfarrern, die ihn in einem offenen Brief dafür kritisiert haben, ohne Einsatz bewaffneter Kräfte z. B. sei keine Befreiung von der Hitlerdiktatur möglich gewesen wäre. Sowohl der Papst als auch die evangelische Kirche in Deutschland hätten in entsprechenden Äußerungen Krieg als Mittel der Friedenssicherung oder als letztes Mittel anerkannt, um Krieg und Völkermord zu beenden.

So etwas sagt er, obgleich die „westliche Wertegemeinschaft“ seit dem Niedergang der Sowjetunion, also seit mehr als 20 Jahren z. T. völkerrechtswidrig in unterschiedlichen „Coalitions Of The Willing“ in Staaten einfällt, ganze Regionen zerstört, Menschen zu Hunderttausenden tötet und millionenfaches Flüchtlingselend schafft.

An dieser Stelle und im Angesicht der ungeheuren Geschichtsklitterung, die Daniel Cohn-Bendit & Co. nebst Cem Özdemir und Norbert Röttgen betreiben, erscheint es mir notwendig, noch einmal den Katalog westlicher Verbrechen zusammengefasst zu präsentieren. – Ich weiß, einigen Diskutanten in dieser dFC wird danach vor lauter Wut der Schaum vor dem Mund stehen:

Gegen Ende des 20. Jahrhunderts erfolgte eine Serie von Jugoslawienkriegen, die mit dem Zerfall des Staates verbunden waren. Vom 24. März bis zum 10. Juni 1999 führte die NATO völkerrechtswidrig unter Einsatz von über 1.000 Kampfflugzeugen eine der massivsten Luftkriegsoperationen der Militärgeschichte durch.

Man geht von einer Gesamtzahl an Todesopfern durch die Bombardierung Serbiens von 3.500 aus; etwa 10.000 Menschen sollen verletzt worden sein.

Es waren skandalöser Weise der SPD-Mann und Bundeskanzler Gerhard Schröder sowie der grüne Joschka Fischer – von 1998 bis 2005 Bundesminister des Auswärtigen Amtes und Stellvertreter des Bundeskanzlers der Bundesrepublik Deutschland –, die 1999 maßgeblich die deutsche Beteiligung am völkerrechtswidrigen Kosovokrieg betrieben, wodurch erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg wieder deutsche Soldaten an einem Krieg beteiligt waren.

Ein Novum, das unrühmlicher nicht sein könnte. –

Sie beide organisierten den deutschen Tabubruch und wurden so zu Wegbereitern zukünftiger völkerrechtswidriger Angriffskriege unterschiedlicher „Coalitions Of The Willing“ der westlichen Wertegemeinschaft!

Der Krieg in Afghanistan seit 2001, der mit der US-geführten Intervention im Herbst 2001 eingeleitet wurde – eine Folge der Entscheidung der Bush-Administration, Nine/Eleven zu einem „NATO-Bündnisfall“ für einen Angriff Afghanistans zu erklären –, fand unter Beteiligung auch der Bundesrepublik Deutschland statt. Soviel man weiß, haben die US-Amerikaner am Hindukusch in dreizehn Jahren für die Vernichtung von Menschen und deren Lebensraum knapp eine Billion Dollar ausgeben.

Auch Deutschland hat tote Afghanen zu verantworten. Die mit Abstand größte Zahl von Opfern durch einen Einsatz der ISAF war Folge einer Bombardierung durch US-Flugzeuge am 4. September 2009, die von Deutschen angefordert worden war. Der heutige Brigadegeneral und damalige Oberst der Bundeswehr Georg Klein war Befehlshaber dieses Luftangriffs bei Kunduz. Nach NATO-Einschätzung wurden dabei bis zu 142 Menschen, darunter auch Kinder, getötet oder verletzt.

2003 begann der Irakkrieg, der bis Ende 2011 mindestens 110.000 getötete Zivilisten forderte. Die Amerikaner organisierten nach einem inszenierten Lügenauftritt mit Colin Luther Powell im Weltsicherheitsrat der Vereinten Nationen am 5. Februar 2003 unter Beteiligung von nahezu 50 westlichen Staaten völlig gegen Völkerrecht eine „Coalition Of The Willing“ und fielen in den Irak ein. Der UN-Sicherheitsrat hatte seine Einwilligung für einen solchen Überfall gerade zuvor abgelehnt. Zahlreiche Staaten dieser Koalition wollen heute an ihre Schandtat nicht mehr erinnert werden. Mit dabei auch folgende EU-Staaten: Bulgarien, Dänemark, Großbritannien, Italien, Lettland, Litauen, Niederlande, Polen, Portugal, Rumänien, Slowakei, Slowenien, Spanien, Tschechische Republik, Ungarn.

Und wieder sind sie völkerrechtswidrig unterwegs, haben den Bürgerkrieg in Syrien internationalisiert und hoch dramatisiert. Mit von der Partie in der „internationalen Allianz gegen die Terrormiliz IS“ die EU-Staaten: Belgien, Bulgarien, Dänemark, Deutschland, Estland, Finnland, Frankreich, Griechenland, Großbritannien, Irland, Italien, Kroatien, Lettland, Litauen, Luxemburg, Malta, Niederlande, Österreich, Polen, Portugal, Rumänien, Schweden, Serbien, Slowakei, Slowenien, Spanien, Tschechien, Ungarn, Zypern.

Man geht gegenwärtig von 250.000 bis 400.000 Toten aus und von 10 Millionen syrischen Kriegsflüchtlingen, davon 4,6 Millionen, die nach Europa wollen, und das in der kurzen Zeit seit 2011.

In der Zwischenzeit ist der gesamte Nahe Osten in Schutt und Asche gelegt, und die Karawane des Todes zieht weiter Richtung Nord-Afrika. Doch es gibt viele Ignoranten, die das alles nicht wahrhaben wollen.

Das zur Erinnerung, um noch einmal auf die Dimensionen des unsäglichen Leids aufmerksam zu machen, das das westliche supranationale Angriffsbündnis angerichtet hat.

In all der Zeit ist Russland diesem Angriffsbündnis nicht in die Quere gekommen, war mit sich selbst beschäftigt. Seine Außenpolitik hatte keinen nennenswerten Einfluss auf das westliche Bündnis.

Und was entnehmen wir dieser Tage den Medien: Mit der umkämpften syrischen Stadt Aleppo befasst sich heute eine internationale Konferenz in Paris. Die USA, Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien und Kanada fordern die Vereinten Nationen in ungewöhnlich scharfer Form auf, eine Bestrafung von Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen in Syrien durchzusetzen.

Ausgerechnet die USA: Seit ca. fünfzehn Jahren führen die Vereinigten Staaten ihren juristisch und ethisch verwerflichen Drohnen-Krieg, auch von Ramstein aus. Wie mittlerweile bekannt ist, wird die "Kill List" vom US-Präsidenten und Friedensnobelpreisträger Barack Obama höchstpersönlich wöchentlich, an jedem Dienstag, unterzeichnet und abgesegnet. – Morden unter Ausschluss parlamentarischer und/oder juristischer Autorisierung. Drohnentötung quasi als Steigerungsform des verkommenen und weltweit verachteten Guantanamo-Prinzips.

Obamas Waffe der Wahl: Er verwandte sie zudem auch für gezielte Tötungen in Ländern, mit denen sich die USA nicht im Krieg befinden, wie Pakistan oder Somalia. Andere Ziele von US-Operationen in Afrika sind etwa Boko Haram in Nigeria, Ansar al-Dine in Mali oder die Lord's Resistance Army von Joseph Kony in Uganda.

Im August 2011 legte das Bureau of Investigative Journalism (BIJ) einen Bericht über die Angriffe in Pakistan vor, für den etwa 2000 Medienberichte ausgewertet wurden. Demnach wurden seit 2004 mindestens 291 Einsätze durchgeführt bei denen zwischen 2292 und 2863 Menschen starben, darunter unbeteiligte Bürger und Kinder.

Was ich hier anklage, ist die skandalöse Einseitigkeit und bewusste Geschichtsklitterung dieser westlichen Politiker, die in ihrer Mehrzahl die schmutzigen Kriege seit 1999 mit zu verantworten, gar angezettelt haben.

Denn das ist ja wohl das Ziel der USA: Welteroberung ohne Krieg auf eigenem Territorium. Dafür haben sie seit ihrer Gründung im Jahr 1776 gesorgt. In 240 Jahren ihres Bestehens befinden sie sich 223 Jahre lang in exterritorialen Kriegen. Sie haben die 200 Nationen mit ca. 1.000 Militärbasen überzogen, davon alleine 17 in Deutschland, ca. 45 in ganz Europa. – Ob da Atomwaffen auch eine Rolle spielen?

Schamloser geht es nicht mehr!

13:19 11.12.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Flegel

Manches, was vom Tisch gefegt wird, findet sich unter dem Teppich wieder.
Flegel

Kommentare 21

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