Eltern auf Hochglanz

Gleichberechtigung Junge Elternzeitschriften liefern (werdenden) Müttern und Vätern vielseitige Identitätskonzepte. Und können sich doch nicht von anachronistischen Rollenbildern lösen
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Eltern auf Hochglanz
Wie aus dem Bilderbuch: Vater Katze Kind
Foto: Andreas Rentz/AFP/Getty Images

Eigentlich könnte alles so schön und so selbstverständlich einfach sein: Frauen und Männer haben die gleichen beruflichen wie privaten Entwicklungsperspektiven und dürfen gleichberechtigt und glücklich nebeneinanderher leben. Dass allerdings doch nicht alles so einfach ist, können wir an ungezählten zeitgenössischen Beispielen im öffentlichen Diskurs ablesen: gender pay gap, Frauenquote, #regrettingmotherhood, Erziehungsurlaub, Herdprämie, #Aufschrei sowie die Kölner Neujahrsnacht sind nur wenige Beispiele einer Liste, die sich problemlos noch lange fortführen ließe.

Geschlechterkontroversen und -diskussionen über das Sein oder Nichtsein von Männlein und Weiblein sind integraler Dauerbrenner im medialen Alltag. Und obwohl sich Personen des öffentlichen Lebens in bestechender Regelmäßigkeit durch die verbalen Äußerungen von anachronistischen Geschlechtsrollenstereotypen ins mediale Abseits manövrieren, bedienen sie doch damit auch gleichzeitig die Ressentiments ihrer traditionellen Milieus.

Gut gemeint erscheinen da die Versuche von neuen Zeitschriftenformaten, zumindest in puncto Elternschaft für etwas mehr Gerechtigkeit zu sorgen: Die Zeitschrift Brigitte launchte 2011 mit MOM ein Magazin „mit starken Nerven“ für Mütter. Dass auch Männer die dringend benötigen, zeigte im vergangenen Jahr das Männermagazin Men’s Health, welches bislang eher durch Tipps zum Bauchmuskeltraining als durch Bauchweh bei Kindern erkennen auffiel, und veröffentlichte mit Dad ein Ratgeberheft für Väter. Dies ist Anlass genug, um der Frage nachzugehen, ob der Welt damit wirklich ein Gefallen erwiesen wurde.

Um es gleich vorwegzunehmen, die Antwort lautet: Naja, es geht. Denn da gut gemeint bekanntlich das Gegenteil von gut ist, erscheinen beide Zeitschriften im direkten Vergleich höchstens mäßig innovativ.

Vor allem die MOM fällt in der jüngsten Ausgabe durch inhaltliche und kategoriale Redundanzen zur Mutterzeitschrift Brigitte besonders auf: Modefotografien mit schlanken Models (die jetzt auch noch Mütter sind), die neuesten Must-Have-Accessoires, ein Beauty-Spezial zum Thema Pfingstrose und eine Schicksalsstory – das alles kommt einem hinlänglich bekannt vor. Und da es ja auch eine Zeitschrift für Mütter sein soll, spielen auch Themen rund ums Muttersein eine große Rolle: die Bewältigung der Wäscheberge im Haushalt, die visuellen Gratifikationen von Sandwich-Sushi gegenüber konventionellem Pausenbrot sowie praktische Nähtipps, um aus alten Jeans neue Babykleidung zu zaubern sind traurige Beispiele dafür, dass den heteronormativen Geschlechtsrollenbildern der stereotypen Frauenzeitschriften einfach noch ein paar Klischees zum Muttersein hinzugefügt worden sind.

Dabei sind auch durchaus positive Ansätze erkennbar: Ein recht ausführlicher Artikel vergleicht beispielsweise zahlreiche Erfahrungsberichte von Frauen, welche die Vereinbarkeit von Familie und Beruf meistern und bietet damit Raum für Identifikation und offeriert gleichzeitig ein paar Lösungsvorschläge. Bedauerlich ist allerdings, dass überwiegend die negativen Seiten der Doppelbelastung geschildert und somit in der Konsequenz positive Anreizsysteme medial kaum repräsentiert werden. Darüber hinaus konterkariert ein weiterer Artikel über eine Mutter, die ihr Kind im Bällebad bei IKEA abgibt, um in aller Ruhe mit ihrer Freundin über einer Flasche Sekt zu plaudern, die weit verbreiteten stereotypen medialen Darstellungen von der perfekten Mutter und deutet darauf hin, dass Schein und Sein auch schon mal recht weit auseinanderliegen können und auch dürfen.

In der Zeitschrift Dad fällt hingegen gleich positiv auf, dass kein Outsourcing von Inhalten aus der Men’s Health betrieben wurde, sondern sich alle Artikel mit den Facetten des Vaterseins auseinandersetzen. Beiträge wie „Papa, Mama, Kind: Wie Familie auch geht“ thematisieren alternative Familienkonzepte jenseits der heteronormativen Geschlechtermatrix und beweisen durch einen Beitrag über gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaften mit Kindern ungeahnte Innovationsfreudigkeit. Überdies geben auch hier ausführliche Erfahrungsberichte mit Checkliste und rechtlichen Hilfestellungen Auskunft darüber, wie die Eltern- und Teilzeit gelingen kann.

Die positiven Schilderungen über den gelungenen Spagat zwischen Beruf und Familie könnten vor allem konservative männliche Leser für eine gleichberechtigte Partizipation an Kindererziehung, Familie und Haushalt gewinnen. Auffällig allerdings ist die Kategorie „Dadlines“, welche vermeintlich wissenschaftliche Erkenntnisse rund um das Thema Vater, Mutter, Kind in Kurzberichtform präsentiert und dabei leider auch auf überkommene Biologismen als Erklärungsansatz zurückgreift (so bspw. die Erkenntnis, dass die Anwesenheit von gutaussehenden Söhnen die Attraktivität der Väter beim weiblichen Geschlecht erhöht).

Ohnehin wird auch in anderen Artikeln auf Expert_innen aus der Wissenschaft zurückgegriffen, was dazu führt, dass viele genuin emotional besetzte Topoi im Gegensatz zur MOM unnötigerweise versachlicht werden. Allein diese Tatsache lässt viel Raum für Spekulationen, inwiefern sich Identität und Identifikation bei Vätern im Spannungsfeld zwischen Beruf, Men’s-Health-Macho und Familienvater konfiguriert. Darüber hinaus sind Themen im Kontext von Haushalt ein weites, unbesetztes Feld. Kontrastiert wird diese thematische Leere mit einer regen Auskunftsfreudigkeit hinsichtlich einer aktivitätszentrierten Freizeitgestaltung im Freien. So stellt unter anderem ein „Sommer-Special: 24 coole Kniffe für Kerle & Knirpse“ den Mann von A wie „Arschbombe zünden“ bis Z wie „Zwille bauen“ als erlebnisorientierten Bezwinger der Natur dar, der mit der Bezwingung der familiären Wäscheberge im Haushaltsgebirge eher wenig zu tun hat.

Insgesamt liefern die beiden Zeitschriften rudimentäre bis ausbaufähige Ansätze dafür, wie Menschen unabhängig ihres Geschlechts ein berufliches wie auch privat erfüllendes Leben mit Kindern führen könn(t)en. Es läge vor allem an der überwiegend weiblich besetzten Redaktion der MOM, Frauen von stereotypen Rollenbildern loszulösen und gleichberechtigte Handlungsoptionen und Lebenskonzepte aufzuzeigen. Leider sind in beiden Zeitschriften Geschlechtsidentitäten zu sehr mit tätigkeitsspezifischen Handlungsräumen verknüpft: So wird der Mann im Jahr 2016 immer noch als rational agierender, aktivitätsorientierter Held in der Außenwelt dargestellt, wohingegen die Frau die emotionale Behüterin der Familie repräsentiert. Diese traurigen Konstanten verweisen darauf, wie viel Überzeugungs- und Entwicklungsarbeit noch zu leisten ist und rechtfertigen gleichzeitig die mannigfaltigen medialen Kontroversen über Geschlechter.

15:28 07.06.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Flo Diener

Doktorand Kommunikationswissenschaft. Forschungsgebiete: Gender Media Studies, Stereotypenforschung, soziologische Kommunikationstheorien
Flo Diener

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