Monster aus der Tiefe

1974 Vor 40 Jahren schreibt Peter Benchley den Roman „Der weiße Hai“. Die Verfilmung durch Regisseur Steven Spielberg wird zwar zum Blockbuster, der Vorlage aber nicht gerecht
Florian Schmid | Ausgabe 11/2014 3

Peter Benchley, Spross einer New Yorker Schriftstellersippe, hat nach seinem Studium in Harvard erst für das Magazin Newsweek und die Washington Post gearbeitet, dann stieg er kurzzeitig zum Redenschreibervon Präsident Lyndon B. Johnson (im Amt 1963–1968) und damit des demokratischen Establishments auf.

Als Benchley Jahre später die durch Steven Spielbergs Verfilmung zum popkulturellen Mythos gewordene Geschichte vom „weißen Hai“ aufschreibt, werden damit auch Jugenderlebnisse reflektiert. Auf der Insel Nantucket – Benchley verbringt dort wie viele aus der New Yorker Upper Class die Sommerferien – hat ihn einst eine geradezu obsessive Begeisterung für Haie erfasst. Im Gegensatz zum Spielfilm von 1975 widmet sich Benchley in seinem Roman aber nicht allein diesem Phänomen, sondern verarbeitet zugleich in gesellschaftskritischer Weise die Zeitgeschichte der Siebziger. Es geht um Klassenunterschiede, Liebe und Eifersucht, mafiöse Immobilienspekulation und die Krise des Fordismus. Wäre das Buch eins zu eins verfilmt worden, hätte der Streifen sicher auf einem unabhängigen Festival bestens abgeschnitten. Zum stilbildenden Blockbuster der Popindustrie aber hätte es nicht gereicht.

Zur Handlung: Im erfundenen Badeort Amity lassen es sich die reichen Leute von der Ostküste während des Sommers gut gehen. Das findet ein jähes Ende, als ein riesengroßer weißer Hai auftaucht, der erst eine Frau, dann einen kleinen Jungen, schließlich einen Fischer in Stücke reißt. Für die Sicherheit des Urlaubsparadieses soll Polizeichef Brody sorgen, der in Spielbergs Verfilmung von Roy Schneider gespielt wird. Brody hat zwar auch im Film Probleme, sich mit einer Sperrung der Strände durchzusetzen – nur ist im Buch der Zusammenstoß mit dem Bürgermeister, der für die Mafia billiges Ackerland gekauft hat und bei fallenden Immobilienpreisen Geld, womöglich sein Leben, verliert, der zentrale Konflikt. Die Jagd nach dem Monster nimmt weit weniger Raum ein. Was nichts daran ändert, dass der menschenfressende Riesenhai das zentrale Motiv des Buches ist. Im Grunde genommen wirkt die aus der Tiefe nach oben stoßende Bestie wie die Allegorie eines plötzlichen existenziellen Notstands, von dem sich auch die US-Gesellschaft zu jener Zeit heimgesucht fühlt. Die erste Ölkrise und die Erschütterung des Bretton-Woods-Systems mit dem Dollar als Leitwährung markieren den Beginn der Krise des Fordismus. Dementsprechend ist auch im Refugium Amity ständig von der schweren Rezession die Rede, die durch das Auftauchen des Hais noch verschärft wird. Sämtliche Händler und Vermieter von Ferienhäusern bangen um ihre Existenz. Auch der quasi verlorene Vietnamkrieg – 1973 ziehen die US-Truppen ab – wird in Benchleys Roman eingeblendet. Brodys Ortspolizisten sind in der Mehrzahl Kriegsheimkehrer. Auch Ausläufer der 68er-Bewegung sorgen als Drogenkonsumenten und jugendliche Randalierer für ein zusätzliches Hintergrundrauschen der Krise, die der alles und jeden verschlingende Hai so richtig auf die Spitze treibt.

Ein weiterer Handlungsstrang, der im Film überhaupt nicht vorkommt, ist die Dreiecksgeschichte zwischen Polizeichef Brody, seiner Ehefrau Ellen und dem Meeresbiologen Hooper, der später bei der Jagd auf den Hai mit von der Partie ist. Brody, der sich – von weit unten kommend – nach oben gearbeitet hat, ist mit einer ehemaligen Sommerfrischlerin aus New Yorks besseren Kreisen verheiratet. Die empfindet ihre Ehe immer dann als sozialen Abstieg, wenn die gut betuchten Sommergäste anreisen und Ex-Freundinnen erscheinen, die inzwischen mit wohlsituierten Anwälten oder Ärzten verheiratet sind. Der Meeresbiologe und Upper-Class-Abkömmling Hooper entpuppt sich prompt als Bruder von Ellens Jugendliebe. Beide lassen es auf eine erotische Affäre ankommen, die detailliert geschildert wird. Später auf dem Boot und während der Jagd auf das Untier entsteht der Eindruck, der vor Eifersucht kochende Brody könnte sich dazu hinreißen lassen, Nebenbuhler Hooper etwas anzutun.

Der Hai-Jäger Quint, der zusammen mit Brody und Hooper die Bestie zur Strecke bringen will und dabei umkommt, wird im Film mit einer Zweiter-Weltkrieg-Vergangenheit ausgestattet. Das heißt, die Jagd wird hollywoodpatriotisch mit dem Sinken des von einem japanischen U-Boot torpedierten US-Kriegsschiffs Indianapolis am 30. Juli 1945 assoziiert. Es bleibt nicht die einzige „Anreicherung“ der literarischen Vorlage.

Im Buch wird der smarte Meeresbiologe vom Hai gefressen, im Film überlebt er. Wo Benchley in einer existenziellen Notlage den Konkurrenzkampf eskalieren lässt, setzt Spielberg eine pflichterfüllende Männerfreundschaft in Szene. In seinem Film sollen Klassengegensätze keine Rolle spielen. Auch tritt Brodys Frau nur kurz in Erscheinung. Und eine Beziehung mit dem Meeresbiologen gibt es schon gar nicht. Ich will kein Beziehungs- oder Sozialdrama, darf man die Devise des Regisseurs deuten. Stattdessen stehen die ausbrechende kollektive Panik und die konzertierte Jagd auf das Ungeheuer im Vordergrund. Was im Roman ringsherum geschieht, interessiert weder die Hollywoodproduzenten noch Spielberg. Dabei fungierte Peter Benchley anfangs als Co-Autor des Drehbuchs.

Wie unglücklich er dann aber mit der Umsetzung ist, zeigt ein Brief an die Produzenten, in dem der Verfasser von seiner Angst spricht, „dass die Zuschauer den Film lächerlich finden“ und als „irrwitzige Farce“ abtun könnten. Das sei dann vor allem dem „Konzept vom bösartigen Hai“ anzulasten, den es im Buch so gar nicht gebe. Tatsächlich ist der weiße Hai in Benchleys Manuskript ein auf äußere Reize reagierendes Tier, das keinerlei moralische oder ethische Zuweisungen erhält. Auch tötet der Hai nicht aus Lust oder zum Zeitvertreib. Spielbergs Darstellung entwerte „eines der zentralen Horror-Elemente der Story“, denn „in der Normalität des Tötens liegt das enorme Schreckenspotenzial“, schreibt Benchley besorgt.

Damit aber soll er sich nicht durchsetzen. Spielbergs Umgang mit der literarischen Vorlage ist zweifellos großzügig, jedoch nicht dazu angetan, ein Meisterwerk zu verhindern, mit dem der damalige Nachwuchsregisseur dank der genialen düsteren Musik von John Williams ein spannungsgeladenes Drama über tief sitzende Ängste und die Brutalität des Todes vorlegt. Der Roman wird im Film entkernt und dadurch eine minimalistische Erzählung ermöglicht, deren enorme Wucht eine Generation von Kinogängern prägt und eine Flut von Monsterfilmen auslösen wird. Der Regisseur Ridley Scott soll Jahre später den Produzenten in Hollywood seine Filmidee von Alien als „weißer Hai im Weltraum“ schmackhaft gemacht haben. Immerhin hat Spielberg einen großen kommerziellen Erfolg verbuchen können: Mit einem Sieben-Millionen-Dollar-Budget generiert er Einnahmen von 470 Millionen. Zum Vergleich: Der Star-Trek-Film von 2009 bringt 390 Millionen, kostet aber 150 Millionen.

Die Geschichte vom weißen Hai spült übrigens auch reichlich Geld in die Kassen von Edgartown, wo Spielberg gedreht hat. Der Ort wird zur Pilgerstätte für Menschen, die insgeheim einen mörderischen Hai in Aktion sehen wollen. Dieser Sensationsgier nimmt sich auch Benchley in seinem Roman an, indem er Schaulustige beschreibt, die in der Hoffnung am Strand stehen, mit ansehen zu können, wie jemand vom Ungeheuer in Stücke gerissen wird. Die Lust an der Angst wird durch Spielbergs Blockbuster letzten Endes fester Bestandteil von Hollywoods Filmindustrie. Dass der gesellschaftspolitische Hintergrund dieses Gefühls etwas mit ökonomischen Einbrüchen zu tun hat, lässt sich schwer bestreiten. Insofern besitzt die ursprüngliche Romanerzählung über den weißen Hai weiterhin Aktualität.

Florian Schmid , der erstmals für diese Seite schreibt, ist Historiker und Literaturkritiker

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06:00 19.03.2014
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