Aliens, das war einmal

Weltall Das Extraterrestrische reizt uns schon immer, inzwischen hat der Kapitalismus seine Aktien drin
Florian Schmid | Ausgabe 18/2016
Aliens, das war einmal
Die Venus (klein) vor der Sonne (groß)
Bild: Ian Waldie/Getty Images

Ridley Scotts Der Marsianer begeisterte 2015 nicht nur eingefleischte Sci-Fi-Leute, während die NASA gerade einen Architekturwettbewerb für den Mars veranstaltet hatte, dessen Ergebnisse in einer Ausstellung in New York zu bewundern waren. Lange Zeit Projektionsfläche für sozialistische Experimente – von Alexey Tolstois Aelita und Alexander Bogdanows Der Rote Planet bis hin zu Arnold Schwarzenegger, der in Total Recall beim antikolonialen Aufstand mitmischt – erleben der Mars und unser Sonnensystem heute ihre kapitalistische Inwertsetzung. Ende 2015 unterzeichnete Präsident Obama ein Gesetz, dem zufolge jede künftige Rohstoffgewinnung im Weltraum beim amerikanischen Verkehrs- und Verteidigungsministerium und der NASA angemeldet werden muss. Luxemburgs Finanzminister erklärte neulich, sein Land zum Drehkreuz der europäischen Raumfahrt und Ressourcengewinnung im Weltall zu machen. Jean-Jacques Dordain, bis vergangenen Sommer Chef der ESA und jetzt Berater für Luxemburgs Weltraumpläne, hält Milliardengewinne für möglich.

Grünhäutige Menschen

Geheimnisvolle Aliens oder verhaltene Imperialismuskritik wie in Philip K. Dicks Marsianischer Zeitsturz oder Ray Bradburys Mars-Chroniken wirken da etwas outdated. Ist der Weltraum schon ganz in kapitalistischer Hand? Nicht ganz. Letzte linksradikal-gallische Dörfer existieren noch. So werden in einigen Romanen die herrschaftskritische Revolution und antikapitalistische Wirklichkeit extraterrestrisch in Szene gesetzt. Am prominentesten passiert das in der neu aufgelegten, lange vergriffenen Mars-Trilogie von Kim Stanley Robinson. Auf wahnsinnigen 2.500 Seiten wird hier ein Besiedlungsepos erzählt. 100 Menschen starten 2026 zum Mars. Sie bauen futuristische Siedlungen, die den Habitaten des eingangs erwähnten NASA-Architekturwettbewerbs nicht unähnlich sind. Es folgen weitere Auswanderungswellen von der übervölkerten und ökologisch schließlich havarierenden Erde. Auch der Rohstoffabbau durch internationale Konzerne spielt eine wichtige Rolle. Es formiert sich eine marsianische Revolution, die Kapitalisten von der Erde werden in dieser weltweit rezipierten Bestsellertrilogie aus den 1990er Jahren mit Waffengewalt vertrieben. Kim Stanley Robinson, der sich selbst als Ökosozialisten bezeichnet, zeigt neben den alternativen Wirtschaftsmodellen auch die politischen Aushandlungsprozesse der Revoluzzer-Fraktionen. Wie mit der Ressource Mars in einem ökologischen Sinn umzugehen ist, wird in dem Roman kontrovers diskutiert. Am Ende ist der Mars technisch, sozial und politisch der ideale Planet im Sonnensystem, das System Erde kollabiert.

Vom bodenständigen Ökosozialismus eines Kim Stanley Robinson, der anlässlich eines Klimagipfels im amerikanischen Feuilleton schon mal zum Thema Nachhaltigkeit interviewt wird, ist Mark von Schlegells Roman Venusia weit entfernt. Statt auf dem Mars ist die Handlung dieses im englischen Original bereits 2005 erschienenen Romans auf unserem Nachbarplaneten Venus angesiedelt. Auch hier ist die Zivilisation auf der Erde im Chaos untergegangen. Auf der Venus leben einige zehntausend Menschen bei ständig schrumpfender Bevölkerung. Die grünhäutigen Menschen liegen am Strand, saufen Mangosaft und geben sich der körperlichen Liebe hin. Alle müssen regelmäßig psychotrope Blumen essen, da sie sonst verrückt werden und halluzinieren. Die tägliche Ration Blumen nicht zu essen, ist ein Verbrechen, das mit Hinrichtung oder zerebralem Neustart sanktioniert wird. Das auf Zuckerbrot und Peitsche basierende Herrschaftssystem wird plötzlich durch den Antiquitätenhändler Rogers Collectibles bedroht, als der ein antikes Buch über Geschichte und Gesellschaft des Planeten findet. Denn jegliche Beschäftigung mit Geschichte ist strengstens verboten. Stattdessen sollen alle in der Gegenwart leben und brav ihre Blumen essen. Zusammen mit einer attraktiven Journalistin, seiner Psychiaterin und einem zwergenhaften desertierten Sicherheitsbeamten kämpft Rogers Collectibles gegen das Herrschaftssystem von Venusia. „Rüste dich für den Aufstand! Für das, was du immer geplant und doch willentlich vergessen hast …“, heißt es in der grellen popkulturellen Satire auf das Funktionieren von Ideologie.

Bereits 2008 erschien im Merve-Verlag ein Essay von Schlegells mit dem Titel Realometer. Darin hinterfragt der ehemalige Student von Jacques Derrida den Objektivismus der Aufklärung. In Venusia wird seine philosophische Skepsis am Diktum der Wirklichkeit in rasante Literatur umgewandelt. Da taucht dann ein Rieseninsekt auf und erklärt die Geschichte der menschlichen Spezies. Von Schlegells Helden laufen durch das kollektive Unbewusste namens „Neuroscape“. Sie verändern durch ihre Gedanken ganze Landschaften. Gelbe Himmel spannen sich da über farbige Berge, es gibt Echsen-Armeen mit Maschinengewehren, es gibt interstellare Zeitreisen. Venusia ist ein durchgeknalltes literarisches Juwel, der erste Teil der Trilogie ist jetzt bei Matthes und Seitz erschienen.

Aberwitzig, ideologisch, leer

Einen erfolgreichen Aufstand gegen die koloniale Unterdrückung durch die Erde haben auch die Venusbewohner in Dietmar Daths vergangenes Jahr erschienenem Roman Venus siegt durchgeführt. Die dortige postrevolutionäre Gesellschaft will das Zusammenleben von Menschen und kybernetischen Organismen neu und besser organisieren, aber machthungrige Kader machen aus dem emanzipatorischen Projekt eine repressive Farce. In Daths kritischer Abrechnung mit dem Realsozialismus im Sci-Fi-Format kommt es schließlich zu einer faschistischen Konterrevolution. In einem brutalen hypermodernen Krieg geht das gescheiterte sozialistische Experiment unter.

So dystopisch Daths Roman auch ist, findet sich in ihm, wie in von Schlegells Pop-Inferno und in Robinsons Revolutionsepos, ein utopischer Riss, der einen Blick in eine andere Welt jenseits gewalttätiger Unterdrückung und profitorientierter Inwertsetzung gewährt. Während Robinson fast im Stil klassischer sozialistischer Science-Fiction schreibt, lässt Schlegell seine aberwitzigen Figuren per Selbstermächtigung das tief ins Bewusstsein eingegrabene ideologische Kommando ins Leere laufen. Bei Dath sind es die in freier Assoziation lebenden Hybride, die mit Klingen-Flügeln am Rücken durch die Luft segeln. Noch sind die unendlichen Weiten also nicht an den Kapitalismus verloren. In der Literatur schlummern die Utopien weiter.

Info

Venusia Mark von Schlegell Simon Elson (Übers.), Matthes und Seitz 2016, 238 S., 19,90 €

Roter Mars – Die Mars-Trilogie Kim Stanley Robinson Winfried Petri (Übers.), Heyne 2015, 816 S., 14,99 €

Venus siegt Dietmar Dath Hablizel 2015, 300 S., 9,99 € (E-Book)

06:00 18.05.2016
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