Auf die Plätze

Protest Das Kollektiv CrimethInc erzählt vom anarchistischen Kampf
Auf die Plätze
Tag und Nacht wird sie bei dir sein, die Jacke, mit der du deine ganze Systemablehnung zeigst

Foto: Johannes Simon/Getty Images

Als während Donald Trumps Inauguration in Washingtons Downtown Gruppen schwarz vermummter Anarchisten antraten, um mit militanten Aktionen zu stören, nahm das in der medialen Berichterstattung großen Raum ein. Wie schon 1999 in Seattle erzeugt der Schwarze Block ungeheure mediale Resonanz. Wobei die journalistische Beschäftigung mit diesem Phänomen für gewöhnlich recht oberflächlich bleibt.

Mit dem anonymen CrimethInc-Kollektiv, das seit Mitte der 1990er Jahre eine ganze Reihe Bücher und Zines zum Thema Anarchismus und linksradikale Bewegungspolitik herausbringt, existiert allerdings eine amerikanische Gruppe, deren Texte nicht nur dort, sondern weltweit rezipiert werden. CrimethInc mischt sich auch in aktuelle Bewegungen weltweit ein, nicht selten in Form offener Briefe, etwa an die Occupy-Bewegung 2011, an den Schwarzen Block in Ägypten 2013 und unlängst mit einer ausführlichen Analyse der Ereignisse in Hamburg während des G20-Gipfels.

Tierliebe Straight Edger

Die Akteure des Kollektivs stammen aus dem Nordwesten der USA. CrimethInc ist benannt nach den Gedankenverbrechen aus George Orwells 1984, rekrutiert sich aus der Hardcore-Punkbewegung, dem radikalen Tierrechtsaktivismus, der Straight-Edge-Bewegung und war natürlich auch 1999 in Seattle dabei. Waren die ersten Texte von CrimethInc vor 20 Jahren noch von einem subkulturellen Aussteigeranarchismus geprägt, bieten spätere Texte, wie etwa das auch im New Yorker Occupy-Camp viel diskutierte Buch Work, durchaus anspruchsvolle, mitunter popkulturell angehauchte Analysen des zeitgenössischen Kapitalismus und der neoliberalen Arbeitswelt. Nun setzt sich das Kollektiv in From Democracy to Freedom kritisch mit dem Thema Demokratie auseinander.

Die im Buch formulierte anarchistische Kritik am demokratischen Parlamentarismus ist nun freilich keine Überraschung. Entsprechend äußern die militanten Grassroots-Aktivisten ihr gehöriges Misstrauen gegenüber den aus den Bewegungen erfolgreich hervorgegangenen Parteiprojekten von der griechischen Regierungspartei Syriza und der ihr aufgezwungenen Sparpolitik bin hin zur spanischen Partei Podemos und zu den zahlreichen aus der linksradikalen Bewegung hervorgegangenen Wahllisten, die in Spanien 2015 erdrutschartige kommunale Wahlerfolge erzielen konnten. Aber CrimethInc positioniert sich auch deutlich gegen jene basisdemokratischen Elemente der Generalversammlung, die geradezu sinnstiftend waren für Occupy, 15-M (sogenannte Indignados), die Syntagma-Besetzung in Griechenland 2011 und die Protestwellen in Slowenien 2012 sowie in Bosnien 2014.

In dem Band kommen auch Aktivisten aus Barcelona, New York, Oakland, Athen, Ljubljana und Sarajevo zu Wort. Nicht jeder dieser Beiträge überzeugt in seiner Argumentation, mitunter wirkt vor allem der in anarchistischen Texten regelmäßig auftauchende und kaum klar definierte Begriff „Freiheit“ floskelhaft.

Aber die Texte rücken der sozialen und politischen Protestwirklichkeit kritisch zu Leibe, und einige Abschnitte zeigen auf eindrucksvolle Weise das Funktionieren bzw. Nicht-Funktionieren basisdemokratischer Praktiken bei Occupy und anderen Platzbesetzungen der globalen Protestwellen ab 2011. Denn die radikalen Aktivisten aus dem anarchistischen und autonomen Spektrum, deren Aktionen nicht selten erst mediale Wirkung und wahrnehmbare politische Brisanz der Bewegungen erzeugt haben, wurden regelmäßig ausgegrenzt. Dabei kamen die Platzbesetzungen zum Teil erst auf ihr Drängen zustande.

Ein Lied davon singen kann ein spanischer Aktivist in seinem Reportage-artigen und mitunter recht flott geschriebenen Text, der an konkreten Beispielen die Mechanismen der Generalversammlung aufzeigt, und wie diese von Verbänden oder verbandsartigen Strukturen, wie etwa „Democracia Real Ya“, geschickt instrumentalisiert wurden, um radikalere Positionen auszubremsen. Manchmal wurde da über lächerliche Dinge gestritten, wie etwa darüber, ob man während einer Demo ein Graffito sprühen darf oder nicht. Am Abend während der großen Versammlung gestellte Anträge wanderten dann oft in Unterkommissionen, wo sie stecken blieben.

Rechtsradikale Nachmacher

Aber auch auf einen anderen kritischen Aspekt gehen die Autoren in ihren Texten ein, nämlich dass sich auch die politische Rechte in den letzten Jahren, egal ob in Athen, in Ljubljana oder in der Kiew, dieser direktdemokratischen Elemente für ihre Ziele bediente. Das Modell der Platzbesetzungen und der öffentlichen Versammlung scheint auch für Neofaschisten attraktiv, die ja derzeit den Parlamentarismus für ihre politischen Ziele und eine gesellschaftliche Diskursverschiebung auch effektiver nutzen als Linke.

Neben politischen Analysen ist auch viel vom Alltag auf den Plätzen zu lesen in diesem reich bebilderten und wie ein Zine aufgezogenen Buch. Auf den besetzten Plätzen traten auch immer wieder Spannungen auf: So etwa in einem Protestcamp in Oakland, wo dank anarchistischer Mehrheit die Küche als sozialer Ort einen ebenso großen Stellenwert erhielt wie die Generalversammlung.

From Democracy to Freedom bietet einen guten Überblick, welche Bedeutung anarchistische Aktivisten in diesen unterschiedlichen, über den Globus verteilten Bewegungen hatten. Ob die Zeit der Platzbesetzungen wirklich schon vorbei ist oder wie etwa in Frankreich 2016 mit Nuit Debout quasi über Nacht wieder präsent werden kann, bleibt abzuwarten. Bis dahin bietet From Democracy to Freedom interessantes Anschauungsmaterial über die anarchistischen Debatten, die nicht nur in den USA fester Bestandteil der Politik der Straße sind.

Info

From Democracy to Freedom. Der Unterschied zwischen Regierung und Selbstbestimmung CrimethInc bm-Crew (Übers.), Unrast 2018, 216 S., 14 €

06:00 19.12.2018
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