Bis zum bitteren Ende

Austerität Ein kluger Band über Gesundheitspolitik erklärt, wie Sparprogramme töten – und Proteste Leben retten können
Florian Schmid | Ausgabe 25/2014 3
Bis zum bitteren Ende
Kollaps: In Griechenland wurden Hunderte Polikliniken der gesetzlichen Krankenversicherung geschlossen

foto: aris messinis/afp/getty images

Im Februar dieses Jahres schlugen Gesundheitsexperten aus Oxford und Cambridge Alarm. Griechenlands Gesundheitssystem befinde sich aufgrund der drastischen Sparpolitik am Rande eines Kollapses. Einige ihrer schlimmsten Befunde: Die Säuglingssterblichkeit stieg dort seit Beginn der Krise 2008 um 43 Prozent. Auch die Zahl der HIV- und TBC-Infektionen wuchs, und nicht alle Diabetiker können mehr umfassend mit Medikamenten versorgt werden. 800.000 Griechen, wird geschätzt, verfügen heute über keinen Krankenversicherungsschutz. Auch Depressionen haben massiv zugenommen. Die Selbstmordrate ist in Griechenland zwischen 2007 und 2011 um 45 Prozent gestiegen.

Als Tragödie bezeichneten die Autoren der Studie die Gesundheitspolitik Griechenlands, das gemäß den Vorgaben der Troika vor allem im Sozial- und Gesundheitsbereich spart. Einer der Mitverfasser der Untersuchung, David Stuckler von der Universität Oxford, hat jetzt ein Buch über die Folgen solcher Austeritätsmaßnahmen geschrieben, gemeinsam mit dem Arzt Sanjay Basu von der Universität Stanford. Der Titel spricht für sich: Sparprogramme töten.

Gegenbeispiel Island

Stuckler und Basu untersuchen verschiedene historische Abschnitte des 20. und 21. Jahrhunderts. Die große Depression der 30er Jahre und Roosevelts Sozialpolitik nehmen sie ebenso in den Fokus wie den Zusammenbruch der Sowjetunion, die Asienkrise der 90er und eben die jüngste Wirtschafts- und Finanzkrise. Dabei schneiden sie Island und Griechenland scharf gegeneinander, als komplett gegensätzliche Beispiele für den Umgang mit Sparprogrammen. Denn während Griechenland die Forderungen der Troika umsetzt, entschlossen sich die Isländer nach der Staatspleite 2010 in einem Referendum, die Auflagen des IWF nicht umzusetzen. Mit dem Effekt, dass es in Island keine so negativen Auswirkungen auf die Gesundheit der Bevölkerung gab wie aktuell in Griechenland der Fall.

Nicht jede ökonomische Krise muss zu einer schlechteren Gesundheitsversorgung führen, folgt man den Autoren. Stringent gehen sie der Frage nach, ob eine Schocktherapie – wie sie etwa die IWF-Strukturanpassungsprogramme vorsehen – eine Wirtschaft in Umbruchzeiten tatsächlich stabilisieren kann. Oder eben nicht. Als extremes Beispiel führen sie Russland nach dem Zusammenbruch des Realsozialismus an. Die Mortalitätsrate stieg dort Anfang der 90er bei 25 bis 39 Jahre alten Russen um 90 Prozent. Neben Suiziden war es vor allem der Missbrauch industriell hergestellten Alkohols, der viele junge Männer das Leben kostete. Laut Stuckler und Basu standen diese frühen Tode statistisch in klarem Zusammenhang mit der hohen Erwerbslosigkeit. China kennt ähnliche Schwierigkeiten – hat aber auf einen rasenmäherhaften, schockartigen Umbau seiner Wirtschaft verzichtet. Eine Steigerung der Mortalitätsrate liege dort nicht vor.

Stuckler und Basu werten in erster Linie Statistiken aus. Dennoch präsentieren sie keine platten Ergebnisse trockener Zahlenkolonnen, sondern bilden komplexe gesellschaftliche Prozesse ab und interpretieren sie. Einige Kapitel sind spannend wie Krimis, etwa wenn es um den Zusammenhang zwischen der US-Immobilienpleite, vor sich hin gammelnden Swimmingpools in zwangsgeräumten Häusern und dem plötzlich epidemisch auftretenden Nil-Virus geht. Die Schwimmbecken führten zu einer massiven Zunahme der Insekten, die das Virus übertragen.

Gegenbeispiel Malaysia

Die Analyse von Stuckler und Basu gilt aber vor allem den großen historischen Linien der Gesundheitspolitik. Waren die sozial- und gesundheitspolitischen Komponenten von Roosevelts New Deal allein für den Rückgang bestimmter Infektionskrankheiten verantwortlich? Oder spielte damals auch der „epidemiologische Übergang“ in eine moderne hygienische Gesellschaft eine Rolle? In früheren Generationen starben viele Menschen schon in jungen Jahren, zum Beispiel an Tuberkulose. Inzwischen werden sie älter – erkranken dann aber an Diabetes oder Krebs.

Was die Autoren immer wieder betonen: Investitionen in Gesundheitssysteme sind keineswegs eine Verschwendung öffentlicher Gelder. Vielmehr kurbeln sie die Wirtschaft an und bringen Menschen in Arbeit. Das zeigt sich auch in Malaysia, das als einziges Land der Region in der Asienkrise Mitte der 90er nicht den Sparprogrammen des IWF folgte, auch weil es dort massive Proteste gab. Stattdessen wurde, ähnlich wie in Island, weiter in das Sozial- und Gesundheitssystem investiert. Malaysias Wirtschaft erholte sich schneller als die der anderen asiatischen Krisenländer, etwa Südkorea, die die IWF-Vogaben umsetzten.

In Griechenland hingegen wird nun also an den Stellschrauben gedreht. Stuckler und Basu nennen das Land „das Versuchskaninchen der Verfechter eines Sparkurses in Europa“. Die Gesundheitskosten sind dort auf sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) reduziert worden, ein im europäischen Vergleich drastisch niedriger Anteil. Elf Prozent des BIPs wendet etwa Deutschland für diesen Bereich auf. Bis zu 35.000 Stellen wurden in griechischen Krankenhäusern schon gestrichen, bei steigenden Patientenzahlen. Auch die Zahl der Drogenabhängigen nahm zu, allein in den Jahren 2010 und 2011 um 20 Prozent. Doch die Programme für den Nadelaustausch wurden gestrichen, mit der Folge, dass auch die Zahl der HIV-Infektionen steigt. Genau hier zeigt der Staat in Zeiten radikaler Deregulierung der Finanzmärkte dann auch seine autoritäre Seite: Wegen der Zunahme an HIV-Infektionen können seit 2012 Tests auf Geschlechtskrankheiten auch ohne Einwilligung vorgenommen werden.

Unterdessen bilden sich in Griechenland selbstorganisierte Solidarökonomien heraus, auch im Gesundheitsbereich. Médecins du Monde, eine Hilfsorganisation, die vor allem im globalen Süden aktiv ist, betreibt dort jetzt Straßenkliniken. Auch davon erzählt das Buch: Vom sogenannten Druck der Straße – und wie wirkungsmächtig er sein kann. Ob es die Bürgerproteste in Island und das folgende Referendum waren, der Hungermarsch der Ford-Arbeiter im US-Bundesstaat Michigan im März 1932, der zu Roosevelts Wahl und Sozialpolitik führte, oder die Gegenwehr der Menschen in Malaysia: Politischer Druck kann verhindern, dass Sparprogramme töten.

Sparprogramme töten. Die Ökonomisierung der Gesundheit, David Stuckler, Sanjay Basu, Wagenbach 2014, 224 S., 19,90 €

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06:00 02.07.2014
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