Bruno am Abgrund

Roman Jonathan Lethems neuer Held hat Krebs – und einen Pflasterstein aus Berlin
Bruno am Abgrund
Manchmal sind Lösungen nur einen Steinwurf entfernt, andere Probleme entpuppen sich als unheilbar

Foto: Olaf Wagner/IMAGO

Von Jonathan Lethems jüngsten Büchern waren nicht alle begeistert. Vor einigen Jahren galt der 1964 geborene, in Brooklyn lebende Autor noch als Shooting-Star der amerikanischen Gegenwartsliteratur. An seine literarischen Erfolge Festung der Einsamkeit (2006) und Chronic City (2009) kann er aber gerade anscheinend nicht anknüpfen. Oder doch? Mit Anatomie eines Spielers kommt jetzt sogar ein liegen gebliebener Roman (im Original schon 2015 erschienen) auf Deutsch heraus. Für hiesige Leser dürfte das Buch schon deshalb interessant sein, weil Lethem darin einen Berlin-Aufenthalt verarbeitet, verbrachte er doch 2014 als Gast der American Academy einige Monate an der Spree, wo er im Gartenhaus der Stiftungs-Villa am Wannsee wohnte.

Im Zentrum des Romans steht ein Backgammon-Profi namens Bruno Alexander, der in Berlin ein hochkarätiges Spiel um viel Geld verliert, in der Notaufnahme der Charité landet, nachdem er ohnmächtig am Spieltisch zusammengebrochen ist, und bei dem man einen Tumor im Kopf diagnostiziert, an dem er sterben wird, außer er lässt sich von einem Wunderchirurgen in San Francisco operieren.

Aus zwielichtigen Spielcasinos in Singapur geht es ins recht beschaulich geschilderte Berlin, und weiter ins kalifornische Berkeley, Brunos alte Heimat, wo eine Mischung aus üblichem Hipstertum, gealterter Freak-Kultur und politischen Kämpfen um Gentrifizierung die Atmosphäre prägt. Der elegante Bruno beschreibt das so: „Berkeley wirkte wie von der Sonne platt gemacht, schien nur noch aus aufeinandergestapelten Betonplatten und kulturellem Wiederkäuen zu bestehen.“ Nicht ohne Grund floh er vor Jahren aus dem „Vaterland mit seinen Schikanen, Psychosen und Geschmacklosigkeiten“.

Rasant gerät Bruno in Auseinandersetzungen zwischen den großen Burger-Ketten und den kleinen, „linken“ Imbissbuden, verbündet sich bald mit den Revoluzzern. Macht er sich demnächst den alten Schulfreund zum Gegner, der ihm aber den Flug bezahlt hat und die lebensrettende Operation? Stolarsky ist ein Selfmade-Man, reich geworden mit abstoßenden Geschäftsmodellen, außerdem der „Darth Vader“ der Immobilienbranche, so jedenfalls beschreibt ihn Tira, seine Freundin, zu der sich Bruno hingezogen fühlt. Und da ist auch noch das Berliner Callgirl ...

So kommt eins zum anderen und so absurd witzig und in tollen Bildern kann das nur ein Jonathan Lethem zusammenrühren. Das Büro des Hippie-Chirurgen ist zum Beispiel in einem Gebäude, das „einer Schachtel Frühstücksflocken“ ähnelt. Und manchmal erinnert die comichafte Darstellung motivisch und stilistisch auch an Thomas Pynchon, nicht zuletzt, weil Lethem seitenlange Beschreibungen einer Gesichts-OP (bei Jimi-Hendrix-Musik) wie in Pynchons Roman V einbaut. Ganz typisch für Lethem ist auch die wohldosierte Prise Fantastik in einer sonst ganz realistischen Geschichte. Bruno glaubt an Telepathie. Bei seiner OP will er trotz Narkose dabei gewesen sein.

Mit Bruno lässt Jonathan Lethem einen Helden am Abgrund durch eine globalisierte Welt laufen. Bruno ist pleite, heimatlos, einsam, ohne Perspektive und vor allem schwer krank. Ein Stück weit ist dieser Roman auch die Geschichte einer Krankheit, die ziemlich ernste Züge annimmt, vom Krankenhaus erzählt, von Ärzten, von komplizierten Behandlungen und von Ängsten. Wobei sich die Krankheitsgeschichte verblüffend gut in die ironische Geschichte einfügt. Am Ende findet Bruno Alexander, der mehr etwas von Cary Grant als James Bond hat, wie Stolarsky findet, der in Berlin noch einen Pflasterstein einsteckt, den er Wochen später in das Fenster einer kalifornischen Villa wirft, zu sich selbst.

Info

Anatomie eines Spielers Jonathan Lethem Ulrich Blumenbach (Übers.), Tropen bei Klett-Cotta 2021, 432 S., 25 €

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06:00 19.09.2021
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Ausgabe 37/2021

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