Das hat Stil

Science-Fiction In seinem jüngsten Roman steht Dietmar Dath als Dietmar Dath schüchtern am Rand des Geschehens
Florian Schmid | Ausgabe 02/2016 2
Das hat Stil
Und manchmal wirbelt das Unwahrscheinliche wie eine Luftsäule durch die Geschichte
Foto [m]: Science Photo Library/Imago

In Dietmar Daths neuem Roman sterben beim großen Showdown – so viel muss jetzt einfach gespoilert werden – viele Menschen bei einem Heavy-Metal-Konzert. Eine Reihe von Explosionen reißt die Berliner Konzertbesucher in den Tod. Sonst geht es in dem 500-seitigen ziemlich flott geschriebenen Roman um Religionen jeder Art, brutale Polizisten, verschwörerische Sicherheitsdienste, den Horror der Isolationshaft, verdächtigen Fundamentalismus, philosophische Fragen das Bewusstsein betreffend, linksradikale Feministinnen und um alte und neue Nazis. Dass der 1970 geborene Vielschreiber Dietmar Dath, im Hauptberuf FAZ-Feuilletonist mit Schwerpunkt Film (man sollte keinesfalls seine Star-Wars-Kritik verpassen!), von dem pro Jahr gefühlt mindestens drei Bücher erscheinen, damit motivisch (vor allem mit den Toten beim Heavy-Metal-Konzert) so nah an aktuellen Ereignissen dran ist, ließe sich als Zufall abtun.

Aber: Der 800-Seiten-Roman Feldevaye, Daths großer Wurf auf dem Gebiet Science-Fiction aus dem Jahr 2014, erinnerte motivisch an die Auseinandersetzung um die Krim. Als das Buch erschien, beherrschte dieser Konflikt die Schlagzeilen, sodass der Autor selbst damals bei der Buchpräsentation im Berliner Brechthaus den Kampf um den titelgebenden Planeten mit der Krimkrise verglich. Bei aller Fantastik als grundlegendes Gestaltungselement in Daths Schreiben, seine Bücher sind einfach brandaktuell.

Sekten, Pfarrer, Seilschaften

Der neue Roman Leider bin ich tot ist nicht in den Weiten der Zukunft oder auf entfernten Planeten angesiedelt, sondern im Hier und Jetzt. Das heißt, soweit die Figuren des umfangreichen Personals, das diesen Roman bevölkert, nicht gerade auf Zeitreisen unterwegs sind, um nach eigenem Gutdünken Geschichte und Gegenwart zu manipulieren.

Im Zentrum des Geschehens stehen drei Jugendfreunde, Abel, Wolf und Nasrin. Abels Eltern sind Millionäre, sein Vater ist Deutscher, die Mutter Perserin, er selbst hat gerade mit einem komplizierten Kunstfilm einen Publikumserfolg im Kino gelandet. Abels bester Freund Wolf ist Priester, nach einem Totschlag am Frankfurter Flughafen muss er ins Gefängnis und wird dort von seinem NPD-Vater solimäßig unterstützt. Dann ist da noch die tiefreligiöse Nasrin, Abels geheimnisvolle Schwester, die mit ihrem Freund zusammen unter Zuhilfenahme des Korans dem Bewusstsein des Wetters und anderer Phänomene auf die Spur kommen will. Abel hat außerdem eine Assistentin, die schöne Cyan Cerulean, auch genannt Ceecee, eine hippe, coole Person, die über außergewöhnliche Fähigkeiten verfügt und alle Beteiligten im Lauf des Romans das Fürchten lehrt.

Das zentrale Thema ist Religion. Wobei Dath ein breites Panorama an religiösen Ideen, Identitäten und Institutionen auffährt, um deren Faszination wie Irrsinn dramaturgisch einzusetzen. Als da wären: eine als Drückerkolonne organisierte evangelikale Sekte, ein bodenständiger deutscher Pfarrer, altehrwürdige katholische Seilschaften – die hintenherum jede Menge Geld für dubiose Kunstwerke lockermachen –, ein weiser japanischer Priester und natürlich ein überirdisches, vielleicht sogar göttliches Wesen, das auch der Teufel sein könnte und das allenthalben die Gestalt verändert. Im Roman heißt es dazu schön, dass diese Figur „die Wahrscheinlichkeit verbogen hat“, weshalb nun „so konzentrische Wellen des Unwahrscheinlichen, in einer Art Wirbel (…) wie eine Luftsäule“ durch die Geschichte rauschen.

Für die an Zauberei und religiöse Horrorgeschichten erinnernde Fantastik im Roman – einige Figuren können durch den Spiegel in andere Welten sehen und in Zeitlöcher schlüpfen – liefert Dietmar Dath natürlich eine wissenschaftliche Herleitung. Die wird aber so geschickt im Ungefähren gehalten, dass der Leser sich immer wieder die Frage stellen kann: „Geht es jetzt doch um etwas Übernatürliches? Voll schräg!“

Der Titel Leider bin ich tot ist ein Zitat der formwandelnden, in alle möglichen Figuren schlüpfenden Ceecee, die gut gelaunt an der Realität herumbiegt und große Fertigkeiten an den Tag legt, wenn es darum geht, andere Figuren zu foltern. Nicht lebende, tja, wie soll man sagen, Wesen, Dinge, Organismen, Entitäten haben eben doch ein Bewusstsein. Das jedenfalls behauptet der britische Philosoph Galen Strawson, den Dath in seinem Roman auftreten lässt. Galens These erinnert ein Stück weit an Bruno Latours Wir sind nie modern gewesen (1998), in dem eine Unterscheidung zwischen Subjekt und Objekt aufgehoben wird – in dem Sinn, dass etwa das Ozonloch genauso ein Wesen ist wie das eigene Fahrrad aus der Jugend und der Nachbar von nebenan.

Dietmar Dath verwendet dafür Begriffe wie Stromlinien, Teilchenbahnen und „Weltlinien“, wie es auch einmal heißt. Denn die sich in dem Roman überschlagenden Ereignisse werden von einigen Eingeweihten vorhergesehen und fast hellseherisch begleitet. Statistiken, Börsenwerte, das Wetter und Zeitlinien ergeben für diese Eingeweihten und die an Verschwörungen beteiligten Religionsexperten ein großes Bild der Welt und dessen, was geschieht und was geschehen wird.

Dath versteht sich wirklich darauf, diesen Mix aus Fantastik, Fantasy und Science-Fiction zu einem großen, spannenden und mitreißenden Roman zu komponieren. Religiöser Eifer, romantische Liebe, abgehackte Hände, eine Manie für Heavy Metal, bornierte Naziidioten, Diskussionen über Film, Kunst und Bewusstsein werden in einer rasanten Dramaturgie zu einem furiosen Finale geführt. Hier finden die losen Enden des Romans und die vielen Personen zueinander und werden in einem Berliner Bunker mit viel Sound durchgerührt. Dietmar Dath spielt übrigens auch mit und verkörpert sich sozusagen selbst. Eher schüchtern steht er am Rand des Geschehens herum und kritzelt Notizen in ein Moleskine-Büchlein. So viel Selbstironie hat Stil. Aber nicht nur deshalb sollte man diesen Roman lesen. Ein geiles Buch!

Info

Leider bin ich tot Dietmar Dath Suhrkamp 2016, 463 S., 16,99 €

06:00 27.01.2016
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