Der Code des Lebens

Science-Fiction In der Serie „Devs“ geht es um Determinismus: Ist alles durch einen Algorithmus vorbestimmt?

Alex Garland hat ein Händchen dafür, die schwergängigen philosophischen Debatten unserer Zeit als fesselnde Science-Fiction in Szene zu setzen. Nachdem der britische Regisseur sich 2015 in seinem hochgelobten Debüt Ex Machina mit künstlicher Intelligenz auseinandersetzte, 2018 in der kongenialen Literaturverfilmung Auslöschung der postmodernen Auflösung der Natur widmete, ist er nun beim komplexen Thema des Determinismus angekommen. Klingt erst mal reichlich trocken, wird von ihm aber in der Miniserie Devs, einem in der kalifornischen Tech-Industrie spielenden Science-Fiction-Thriller in acht spannungsgeladenen Folgen grandios umgesetzt.

Das titelgebende Akronym Devs steht für „Developments“. So heißt die Entwicklungsabteilung des fiktiven kalifornischen Unternehmens Amaya nördlich von San Francisco, ein Campus-artiger Bau inmitten eines idyllischen Redwood-Waldes. In die noch tiefer im Wald gelegene und äußerst begehrte Devs-Abteilung aufzusteigen, das gelingt dem jungen Wissenschaftler Sergei (Karl Glusman), der damit einen Riesenkarrieresprung macht. Aber wie sich bald herausstellt, ist Sergei nicht nur ein begnadeter Tech-Nerd – sondern (Spoiler-Alert!) betreibt außerdem Industriespionage, klaut Technologie-Geheimnisse und wird vom Sicherheitschef der Tech-Firma erwischt und kurzerhand ermordet.

Von diesem Moment an wird Lily, Sergeis Lebensgefährtin (Sonoya Mizuno), die ebenfalls bei Amaya arbeitet und durch den Tod ihres Lovers völlig aus der Bahn geworfen wird, zur eigentlichen Hauptperson. Denn die taffe junge Frau kommt der Firma beim Versuch, den Mord an Sergei zu vertuschen, in die Quere. Aber wie soll sie sich allein gegen eine so mächtige Firma wehren? Ihr Ex-Freund, ebenfalls ein Tech-Nerd, steht ihr zwar helfend zur Seite, aber große Aussichten auf Erfolg haben die beiden nicht. Warum musste Sergei sterben? Und welches Geheimnis steckt in der Entwicklungsabteilung Devs, in der er gearbeitet hat?

Computer als Religionsersatz

Alex Garland inszeniert diesen Thriller in der Tech-Szene so kammerspielartig wie auch seine bisherigen, eher langsamen, mitunter geradezu elegischen Filme, in denen die Figuren oft erst einmal nachdenken, bevor sie den Mund aufmachen. Wortwitz besitzen die Dialoge gelegentlich trotzdem. Aus langen Kameraeinstellungen, einer großartig eingesetzten Musik, die von schicksalsschwer klingenden Chorälen bis hin zu pointiert eingesetzten Pop- und Rocksongs reicht, und panoramaartigen, fast magischen Bildern der Bay Area komponiert Alex Garland eine hochatmosphärische Serie, die den actionorientierten Science-Fiction-Mainstream ziemlich blass aussehen lässt.

Dabei knüpft Devs mit seiner Handlung an durchaus gängige Motive des Genres an, denn es geht neben der Frage, wie viel Entscheidungsfreiheit dem Individuum eigentlich bleibt oder wie vorherbestimmt alles ist, um Zeitreisen. Wenngleich es in Devs keine banalen Maschinen oder ominöse Portale für Reisen durch die Zeit gibt, sondern lediglich einen Quantencomputer, der über einen Screen Blicke in die Geschichte zulässt. Dieser Supercomputer ist eine golden schimmernde Kammer, ein faradayscher Käfig, ein fast schon religiöser, kultischer Ort, der von einer neuen Zeit zu künden scheint. Wobei in Garlands Film dieser Hypertechnologie-Schrein ein Stück weit auch wie eine Karikatur auf die Tech-Industrie wirkt, die sich in Kalifornien ja gerne als Religionsersatz feiert und mit dem Transhumanismus eine ausdifferenzierte, politisch weit nach rechts außen offene Ideologie entwickelt hat.

Ob es Forrest (Nick Offerman), dem Chef von Amaya, einem langhaarigen legendären Tech-Guru und Milliardär, nur darum geht, seine verstorbene Tochter wiederzusehen – das Logo der Firma ist eine 40 Meter hohe Statue des kleinen Mädchens –, oder ob im Devs-Labor durch eine alles verändernde Technologie gleich eine ganz neue Welt entworfen wird, diese Frage schwebt als großes Geheimnis über der Serie, in der die Protagonisten dann trotzdem mit reichlich Bodenhaftung versuchen, ihre Probleme zu lösen.

Dabei werden in Devs ganz ähnliche Probleme aufgeworfen wie in anderen Zeitreisegeschichten, die derzeit boomen, etwa in der Netflix-Serie Dark oder in dem wenig beachteten Film See you yesterday. Wie handlungsmächtig sind Individuen oder auch solidarisch miteinander agierende Menschen? Wie unabänderlich sind gesellschaftliche Zwänge? Im Fall von Devs hat das auch mit der nackten Gewalt zu tun, die von der millionenschweren Tech-Industrie ausgeübt wird. Privatwirtschaftliche Firmen, die sich über alles hinwegsetzen und versuchen, Kontrolle auszuüben, sind ein fester Stehsatz in allen Filmen von Alex Garland. Insofern ist Devs dann auch eine durchaus politische Serie, die aber nicht allzu platt als Kritik an einer bösen Industrie missverstanden werden sollte. Denn wissenschaftliche und technologische Entwicklung wird hier auch als ein soziales, die Gesellschaft veränderndes Spannungsverhältnis verstanden, in dem entsprechend den Machtverhältnissen zwischen den Protagonisten um verschiedene Positionen gerungen wird.

So ist Garlands Serie aus unterschiedlichen Gründen sehenswert, nicht nur wegen des wissenschaftsfiktionalen Plots, der, wie es sich für gute Science-Fiction gehört, auch eine didaktische Qualität rund um das Thema Quantencomputer besitzt. Auch die Inszenierung der Stadt und Umgebung von San Francisco ist außergewöhnlich: Die Tech-Nerds wohnen in schicken Apartments mit dem obligatorischen Obdachlosen vor der Tür. Dennoch erscheint die Stadtlandschaft anders als sonst – nicht der übliche bunte Post-Hippie-Schick, sondern seltsam leer und verträumt und manchmal in geheimnisvollen Nebelschwaden versinkend.

Devs Alex Garland USA 2019, acht Folgen, erhältlich auf Sky und MagentaTV

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06:00 05.09.2020
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Ausgabe 15/2021

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