Der Kafka aus Mexiko

Lateinamerika Pünktlich zum 80. Geburtstag kann man mit dem Wagenbach-Verlag den großen Autor Sergio Pitol entdecken
Ausgabe 12/2013

Carlos Fuentes ist natürlich bekannter. Dabei wurde Sergio Pitol schon vor gut zehn Jahren vom Wagenbach-Verlag für den deutschen Markt entdeckt, die meisten seiner Titel sind aber nur noch antiquarisch erhältlich. Pünktlich zum 80. Geburtstag kommt nun mit Drosseln begraben ein von Sergio Pitol selbst zusammengestellter Erzählband heraus, er eignet sich gut als Einstieg ins Werk dieses Autors, der in der spanischsprachigen Welt gerne als Kandidat für den Literatur-Nobelpreis gehandelt wird.

In ihren komplexen Windungen erinnert Pitols Prosa an die Erzählungen von Jorge Luis Borges, in der philosophischen Substanz und der stilistischen Minimalisierung wiederum an Kafka. Pitol entwirft Figuren in Grenzsituationen, die mit ihren eigenen Dämonen und einer feindlichen Umgebung ringen. Das kann der wahnsinnige Sohn eines Gutsbesitzers im ländlichen Mexiko ebenso sein wie ein Schriftsteller, der in Rom an einem Caféhaustisch sitzt und versucht, aus seinen Jugenderinnerungen einen Roman zu machen. Das Schreiben an sich ist immer wieder Thema in Pitols Erzählungen, das Scheitern am Text ebenso wie die Imagination und die Fantasie des Künstlers. Dabei kommen aber keine verklausulierten philosophischen Weisheiten heraus, sondern messerscharfe Psychogramme seiner Figuren, die meist mit irgendeiner Art von Entwurzelung zurechtkommen müssen. Nicht selten ist es das selbst gewählte Exil im fernen Europa.

Pitol, der ursprünglich Jura studiert hat, veröffentlichte mit Mitte 20 seinen ersten Roman. Die Mehrzahl seiner literarischen Texte hat er von den sechziger bis in die achtziger Jahre geschrieben, so auch die im aktuellen Band versammelten Erzählungen. Seit fast 20 Jahren beschäftigt er sich vor allem mit Essays und Reiseliteratur; aus diesem Teil seines Werks erschienen auf Deutsch lediglich seine Autobiografie und ein Buch über Russland. Auf die zeitgenössische mexikanische Literatur, auf Autoren wie Jorge Volpi und Ignacio Padilla hat er dagegen einen enormen Einfluss. In Zeit der Asche legte Volpi, der bekannteste und exponierteste Vertreter der siebenköpfigen „generacion del crack“, 2009 noch einen postmodernen Großroman vor, dessen Handlung mit der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl einsetzt und durch die Geschichte des ausgehenden 20. Jahrhunderts mäandert, mit Fokus auf Russland.

Europa und vor allem auch Osteuropa dienten schon Sergio Pitol als Kulisse und Gegenstand, der vor allem deswegen als Ikone einer literarischen Neuausrichtung für die junge Autorengeneration so interessant war. Von Anfang der Sechziger an war Pitol als Kulturattaché für den diplomatischen Dienst Mexikos unterwegs. Neben Paris waren auch Moskau, Warschau, Budapest und Prag Stationen seiner Tätigkeit. Dazu kam eine rege Reisetätigkeit, die ihn immer wieder nach Rom, Peking, Istanbul und Barcelona führte. So taucht die katalanische Mittelmeermetropole auch in dem aktuellen Erzählband immer wieder auf, wobei Pitol das Barcelona der fünfziger und sechziger Jahre in Szene setzt – ein interessanter Kontrast zur hippen europäischen Kulturstadt, als die sich die katalanische Metropole heute gibt. Jorge Volpi war übrigens ebenfalls als Kulturattaché im diplomatischen Dienst in Paris tätig, bevor er zum mexikanischen Bestsellerautor wurde, dessen Bücher mittlerweile in 25 Sprachen übersetzt wurden.

Dass Sergio Pitol von einer derartigen Berühmtheit außerhalb Mexikos immer noch ein wenig entfernt ist, hat sicher etwas mit seinem anspruchsvollen literarischen Stil zu tun. Lässt sich der Leser allerdings auf diese genial durchkomponierte Prosa ein, hat seine Literatur einen hohen Suchtfaktor.

Drosseln begraben Sergio Pitol Wagenbach 2013, 160 S., 19,90 €

Florian Schmid ist freier Kritiker mit dem Schwerpunkt lateinamerikanische Literatur

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