Der kommende Aufstand

Dystopie In Frankreich hat Alain Damasios düstere Zukunftsvision „Die Flüchtigen“ Kultstatus. Zeit, dass auch wir sie entdecken
Herrschaftskritische Bewegungen erkämpfen sich Selbstorganisierte Zonen (SOZs), der Staat schlägt zurück
Herrschaftskritische Bewegungen erkämpfen sich Selbstorganisierte Zonen (SOZs), der Staat schlägt zurück

Foto: Feng Li/Getty Images

Straßenschlachten sind immer wiederkehrende und bedeutende Motive der zeitgenössischen Literatur. Dass Alain Damasios Roman Die Flüchtigen, der das Sujet des Aufstands mit einer erzählerischen Wucht und literarischen Virtuosität wie kaum jemand zuvor in Szene setzt, nun ausgerechnet aus Frankreich kommt, verwundert aber keineswegs. Während hierzulande kapitalismuskritische Bewegungen kaum von sich reden machen, strömten in Paris und anderen französischen Städten in den vergangenen Jahren regelmäßig schwarze Blöcke und Gelbwesten randalierend durch die Innenstädte. Die Regierung holte sogar die seit 1968 eingemotteten Wasserwerfer zur Aufstandsbekämpfung wieder aus den Depots. Es wirkte mitunter, als wäre das 2007 in Frankreich erschienene Büchlein Der kommende Aufstand des Unsichtbaren Komitees, das auch international für Furore gesorgt hatte, ein Stück weit Wirklichkeit geworden. Literarisch wurden die französischen Proteste schon von Jerome Leroy in seinem Roman Die Verdunkelten (2018) bearbeitet. In Frankreich gefeiert, wurde Alain Damasios fast 840 Seiten starker Roman hier noch nicht wirklich entdeckt. Fantastische Literatur fristet in Deutschland mitunter ein Nischendasein, vor allem, wenn sie formal anspruchsvoll ist. Denn Damasio produziert keine eindimensionale Sci-Fi-Prosa.

Damasio liefert das detailliert ausgemalte spätkapitalistische Horrorszenario einer digitalisierten Konsum- und Kontrollgesellschaft im Jahr 2040. Der gesamte öffentliche Raum ist kommerzialisiert, die Bewohner dürfen ihn je nach Status nur stark reglementiert nutzen. Die Flüchtigen inszeniert aber auch das in der Science-Fiction derzeit so wichtige Motiv der Mensch-Tier-Mischwesen, das für ein Massenpublikum in der Netflix-Serie Sweet Tooth wie auch für ein Nischenpublikum zuletzt in Dietmar Daths Roman Gentzen oder: Betrunken aufräumen auftauchte. Wobei im Zentrum von Damasios ausuferndem Werk eine intime und dramatische Familiengeschichte steht. Die in der Stadt Orange lebenden Lorca und Sahar Varese haben ihre vierjährige Tochter Tishka verloren, die eines Morgens plötzlich verschwunden ist. Wurde sie entführt? Haben die titelgebenden Flüchtigen sie mitgenommen oder hat die Vierjährige sich ihnen angeschlossen? Denn einer urbanen Legende zufolge soll es Wesen geben, die außerhalb der gängigen menschlichen Wahrnehmung existieren, in der Größe von Wieseln oder Hunden.

Kryptische Zeichen auf der Kinderzimmerwand lassen auf etwas Derartiges schließen, weswegen sich Lorca Varese einer Armee-Einheit anschließt, die auf die Jagd dieser Wesen spezialisiert ist, in der Hoffnung, so seine Tochter wiederzufinden. Eigentlich ist Lorca erklärter Feind von Staat und Kapital und hat sein Auskommen als Berater und Mediator für selbstorganisierte Kommunen, von denen es in dieser zukünftigen Welt trotz oder gerade wegen der radikalen Kommerzialisierung des öffentlichen Raumes gar nicht wenige gibt. Seine Frau Sahar ist Lehrerin und gibt Seminare über die Geschichte herrschaftskritischer Bewegungen wie der Traverse, die ursprünglich aus Architekten bestand und mittlerweile groß angelegte Besetzungen organisiert, um SOZs (Selbst Organisierte Zonen) zu erkämpfen. Daneben gibt es auch noch „das Firmament“, eine Bewegung von sich akrobatisch durch die Städte arbeitenden Traceuren, die Hausdächer besetzt und deren Aktivistinnen sich in luftiger Höhe über den durch Kommerzialisierung radikal eingeschränkten öffentlichen Raum bewegen. Und im Rhone-Delta gibt es selbst organisierte Kommunen, die auf kleinen besetzten Inseln leben. Wobei viele dieser Freiräume immer wieder von privaten Milizionären oder der staatlichen Polizei mit Drohnen, Betäubungsgas und nervenlähmenden Schockgeschossen bedroht, angegriffen, geräumt, aber dann auch einfach wieder besetzt werden.

Die Übersetzung: knifflig

Inmitten dieser nie abreißenden politischen Kämpfe versucht Lorca erst gegen den Widerstand seiner Frau, dann schließlich mit ihrer Unterstützung, seine Tochter zu finden. Dabei vermischen sich bald seine Arbeit als staatlicher Jäger der Flüchtigen, die dazugehörige Recherche nach Wissen über die geheimnisvollen Wesen, die unerkannt unter den Menschen leben, und die private Suche nach Tishka. Lorca trifft auf balinesische Esoteriker in einer abgelegenen Kommune, die angeblich mithilfe bestimmter Rituale mit den Flüchtigen kommunizieren. Er nimmt Kontakt auf zu einer wissenschaftlichen Zelle, die die geheimnisvollen Zeichen der Flüchtigen im öffentlichen Raum zu lesen versucht. Und er begegnet dem legendären Philosophen Tang, der sogar mit einem Flüchtigen befreundet ist. Ganz langsam kommen Lorca und Sahar den Geheimnissen auf die Spur und finden schließlich sogar ihre mittlerweile stark transformierte Tochter, die sie aber auf keinen Fall ansehen dürfen. Denn sobald die Flüchtigen gesehen werden, erstarren sie zu Stein oder keramifizieren, wie es heißt, und sterben. Sind diese Wesen, die sich der so auf Kontrolle versessenen Gesellschaft entziehen, womöglich länger als die Menschen da und wichtige Bestandteile der evolutionären Entwicklungen und Sprünge? Denn die Flüchtigen sind in der Lage alles, egal ob Organisches oder Anorganisches, zu assimilieren und verändern ständig ihre Form.

Diesen Vorgang der ständigen Veränderung, des Anpassens und Umwandelns setzt Alain Damasio auch sprachlich um. Die Flüchtigen wird aus vielen verschiedenen Perspektiven erzählt, die wie in einer schnellen Schnitttechnik einander abwechseln. Wobei jede Erzählerstimme durch ganz eigene Zeichen eine eigene optische Identität im Text erhält. Sobald Lorcas Kollegin Saskia, eine Expertin in Sachen Schallwellen und Tönen, etwas sagt, ist der komplette Text mit sogenannten Cedillen versehen, also Haken unter den Buchstaben, wie es sie im Französischen oder Portugiesischen gibt.

Noch kniffliger wird es bei den Flüchtigen, umgangssprachlich auch Fluchse genannt, die verschiedene Wörter kombinieren, verballhornen und eine ganz eigene Sprache und ein dazugehöriges Schriftbild entwickeln. Aber auch Menschen, die mit ihnen Kontakt haben, beginnen momentweise anders zu sprechen und Buchstaben zu verdrehen, da sie von ihnen in den Bann gezogen werden und sich ihre Verbindung zur Realität kurzfristig verändert. Einiges von dem, was Tochter Tishka von sich gibt, liest sich wie die Prosa eines Arno-Schmidt-Romans.

Wie kompliziert die Übertragung dieses Ausnahmetextes ins Deutsche gewesen ist, davon berichtet die Übersetzerin Milena Adam in einem eigenen, äußerst lesenswerten Online-Journal, das der Verlag auf seiner Seite verlinkt hat. Wobei der 1969 in Lyon geborene Alain Damasio, von dem erstmals ein Titel auf Deutsch erscheint und dessen Bücher sich in Frankreich nicht nur gut verkaufen, sondern regelrechten Kultstatus besitzen, ganz unterschiedliche Sprachregister in diesem Buch zieht. Hier wird reichlich geflucht, von einigen Figuren immer wieder umgangssprachliches Spanisch gesprochen, aber auch regelmäßig recht intellektuell über linke Theorie diskutiert, um dann wieder rasante Action zu bieten, wenn Besetzer auf einem Hochhausdach den Polizeihelikopter mit Tauen zum Absturz bringen und hinterher per improvisierter Drahtseilbahn zum nächsten Gebäude flüchten.

Alain Damasio backt in Die Flüchtigen keine kleinen Brötchen. Sein voluminöser Roman lotet auf beeindruckende Weise jene aufständischen Möglichkeitsräume aus, die schon das bereits erwähnte Manifest Der kommende Aufstand als Thesen so publikumswirksam unter die Menschen brachte. Die Flüchtigen ist hierzulande bisher von der Literaturkritik kaum beachtet worden. Dabei könnte dieser nicht immer ganz einfach zu lesende Roman zum literarischen Kanon einer ganzen Protestgeneration werden, wie einstmals Nanni Balestrinis Bücher für die Kämpfe der 1970er Jahre. Der viel beschworene Aufstand ist zumindest in der erzählenden Literatur mit großer Wucht angekommen.

Die Flüchtigen Alain Damasio Milena Adam (Übers.), Matthes und Seitz 2021, 838 S., 28 €

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