Der vergangene Aufstand

Hype Garth Risk Hallberg legt mit „City on Fire“ einen brillanten Großstadtroman vor, dem dann aber doch die politische Kante fehlt
Florian Schmid | Ausgabe 14/2016
Der vergangene Aufstand
Unter solchen Lichtverhältnissen prosperiert das anarchische städtische Leben

Foto: Allan Tannenbaum/Getty Images

In der US-amerikanischen Gegenwartsliteratur erfreut sich ein Stromausfall im New York der 70er Jahre derzeit größter Beliebtheit. Schon vergangenes Jahr beschrieb Rachel Kushner in ihrem Roman Flammenwerfer die aufstandsartigen Ereignisse in der Nacht vom 13. zum 14. Juli 1977, als in ganz Manhattan für mehr als 24 Stunden der Strom ausfiel, Tausende Geschäfte geplündert und unzählige Brände gelegt wurden. Der 38-jährige Garth Risk Hallberg setzt dem „1977 Blackout“ nun mit seinem über 1.000 Seiten dicken Roman City on Fire ein regelrechtes Denkmal. Damit kommt die Faszination für den „Aufstand“, der vor einigen Jahren das hiesige Feuilleton im Zuge des französischen linksradikalen Theorie-Manifests Der kommende Aufstand beschäftigte, auch in der Belletristik an. Aber ist es mehr als nur Faszination für ein Sujet, das schließlich dann auch – als flächendeckende Werbung mit dem Schlüsselbegriff „Aufstand“ in XL-Größe – den dritten Teil der Science-Fiction-Serie Tribute von Panem begleitete?

Tausend Brände

Jedenfalls bekam der in Louisiana geborene Garth Risk Hallberg schon mal einen rekordverdächtigen Vorschuss. Auf den gut 1.000 Seiten entwirft er ein komplexes literarisches Panorama der Stadt New York im Krisenjahr 1977. Damals drohte die Insolvenz – etwas, das seit der Finanzkrise Kommunen in den USA notorisch heimsucht. Garniert wird das in City on Fire mit viel Punk, jeder Menge Graffiti, Drogen, heruntergekommenen Stadtvierteln und auf den letzten 200 Seiten dann mit dem großen Aufstand. „Heute Nacht holen wir uns diese Stadt zurück“, ruft jemand, während der sich über die ganze Stadt ausbreitenden Riots, bei denen es mehr als 500 verletzte Polizisten und 4.500 Festnahmen gab, als im großen Stil ganze Geschäftszeilen geplündert und mehr als 1.000 Brände gelegt wurden.

Im Zentrum des ausufernden Personals von City on Fire steht eine Gruppe Punks, die in einem Abbruchhaus in Hell’s Kitchen leben, in einer Band spielen und dem massiven Leerstand vor allem in der Bronx mit Molotowcocktails zu Leibe rücken und Feuer legen, um den sozialen Ausnahmezustand, in dem sich weite Teile der heruntergekommenen Stadt befinden, noch auszuweiten. Neben dem 17-jährigen Charlie, der sich aus dem kleinbürgerlichen Haus seiner Eltern auf Long Island davonstiehlt, um Gramsci und Marx zu lesen, Punkmusik zu hören und Drogen zu konsumieren, ist der Mittdreißiger William die Frontsau der Punkformation. Der heroinabhängige, schwule Künstler stammt aus der Ostküstenaristokratie. Seiner Familie steht gerade ein Prozess wegen Insiderhandel ins Haus. Williams schwarzer Lover ist ein erfolgloser Schriftsteller, der in einer katholischen Mädchenschule als Lehrer arbeitet. Dann gibt es da noch einen Sizilianer, der New Yorks Silvester-Feuerwerke ausrichtet, bis er von einer neuen Firma und der Computerisierung verdrängt wird. Seine Tochter wird in der Silvesternacht lebensgefährlich verletzt und liegt den ganzen Roman über im Koma. In dem Fall ermitteln ein von Kinderlähmung gezeichneter Polizist, der am Tag des Blackouts in den Ruhestand gehen will, und ein alkoholabhängiger Journalist, der krampfhaft versucht, die sein Leben bestimmende Popkultur literarisch aufzuarbeiten.

Handwerklich ist das alles exzellent umgesetzt. Garth Risk Hallberg weiß wirklich großartig zu erzählen, kann verschiedene stilistische Register ziehen, die Personen werden dramaturgisch gut entwickelt, die eigentliche Hauptfigur New York City wird geradezu kongenial literarisch in Szene gesetzt und die verschiedenen Erzählstränge fügen sich großartig ineinander.

Aber gleichzeitig fehlt diesem gut recherchierten und literarisch aufwendig umgesetzten Roman so etwas wie eine richtige politische Kante. Klar, es geht um die Revolte: die aufrührerischen 1970er Jahre, das Phänomen Punk, das anarchische städtische Leben und den Aufstand als Moment spontaner kollektiver Handlungsmacht. Aber dieser bunte Strauß revolutionärer Möglichkeiten wird nicht als kollektives politisches Begehren, sondern vielmehr als abzuarbeitendes literarisches Sujet behandelt. Die politischen Diskussionen, die in dem Roman geführt werden, driften meist in eine diffuse, um nicht zu sagen platte Vorstellung von Anarchismus ab. Die Punker-Gang als Brandstifter fackelt, wie sich dann herausstellt, im Auftrag von Williams Stiefbruder Innenstadtbrachen ab, damit eine Gegend von der Stadt zur „Verfallszone“ erklärt wird und Immobilienpreise manipuliert werden können. Das könnte so auch im Drehbuch einer Degeto-Schmonzette stehen. Für den ultimativen Großroman über den revolutionären Gestus der 1970er Jahre reicht das nicht.

Dabei geht es Garth Risk Hallberg, wie er in einem Interview erklärt hat, darum, in eine Zeit zu führen, in der die Menschen auf breiter Basis Alternativen zur Transformation der Gesellschaft ausloteten und die Städte noch nicht so geleckt, aufgeräumt und durchökonomisiert waren. Damit trifft er einen Nerv unserer Zeit. Denn eine Sehnsucht nach einer radikalen Veränderung und einem selbstbestimmten städtischen Leben ist derzeit bei gar nicht so wenigen vor allem jungen Menschen spürbar.

Doch lieber „Flammenwerfer“

Ihnen aber ist dann doch lieber Jonathan Lethems Garten der Dissidenten zu empfehlen, auch in Lethems Coming-of-Age-Roman Die Festung der Einsamkeit findet sich – ebenso wie in Don Delillos Underworld – Substanzielleres zur Geschichte der Graffiti in New York. Und die erwähnte Rachel Kushner stellt in ihrem Roman Flammenwerfer die Ereignisse in New York der italienischen Autonomia-Bewegung gegenüber, die 1977 ihren Höhepunkt erlebte.

Auch Kushner schreibt über großstädtische Subjekte jenseits expliziter politischer Verortungen. Dabei waren verbindliche politische Organisierungen für die 1970er Jahre auch in den USA prägend. Da stellt sich die Frage, ob den heute erfolgreichen US-Autoren (außer Lethem) die Verbindung zur Geschichte der amerikanischen Linken schlicht verloren gegangen ist. Klar: Der verbreiteten Sehnsucht nach dem Aufstand, der wie ein Gespenst auf unseren Fernsehschirmen erscheint und Metropolen wie Rio de Janeiro, Istanbul oder London im Ausnahmezustand zeigt, fehlt eine konkrete politische Erdung. Für Hallbergs Roman gilt jedoch, dass er weniger eine kritische, politisch bewusste, künstlerische Bearbeitung als vielmehr ein Ausdruck dieser diffusen Sehnsucht ist.

Info

City on Fire Garth Risk Hallberg Tobias Schnettler (Übers.) S. Fischer 2016, 1.080 S., 25 €

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06:00 20.04.2016
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