Die radikale Sozialdemokratie von übermorgen

Die Buchmacher Paul Mason soll ein würdiger Nachfolger für Karl Marx sein. Wird sein neues Buch dem gerecht?
Florian Schmid | Ausgabe 17/2016 2

Seit Beginn der Finanzkrise gibt es viele Bücher, die den Neoliberalismus als nicht funktionsfähigen Kapitalismus anprangern. Der jüngste, vermeintlich große Wurf der Neoliberalismusschelte kommt aus England, dem Mutterland des Kapitalismus. Paul Mason, 56, TV-Journalist, Sachbuchautor, zum radikalen Sozialdemokraten geläuterter Ex-Trotzkist und laut Guardian „ein würdiger Nachfolger für Marx“ will in Postkapitalismus – Grundrisse einer kommenden Ökonomie erklären, wie das Ende des Kapitalismus aussehen könnte. Zumindest verspricht er das in der Einleitung dieses Buches, dessen Untertitel arg an die Grundrisse von Karl Marx erinnert, im Original aber nur wie das Modul eines trendigen Managementseminars heißt: „A Guide to Our Future“.

So ganz wird das Versprechen leider nicht eingehalten. Wobei Mason spannend über Wirtschaftsgeschichte und Ökonomiekritik schreibt und auch mal auf Klassiker der sozialistischen Science-Fiction zurückgreift, um so seine Ideen zu erklären. Die Grundannahme teilt Mason mit vielen linken Kapitalismuskritikern, nämlich dass der Kapitalismus einen historischen Anfang hatte und es folgerichtig auch ein Ende geben muss. Nur ist er der Ansicht, dass der für seine Wandlungsfähigkeit bekannte Kapitalismus kurz vor dem Ende seiner Anpassungsfähigkeit steht.

Dass es in der Entwicklung dieses Wirtschafts- und Gesellschaftssystems so etwas wie Zyklen gibt, ist unter Politologen und Ökonomen unstrittig. Eine grobe Einteilung nahm in den 1920ern Nikolai Kondratjew vor, bei Linken ebenso beliebt wie an der Wall Street. Sein Konzept wurde adaptiert, unter anderem von Schumpeter. Beide nehmen breiten Raum in Masons Argumentation ein. Demnach gab es seit Ende des 18. Jahrhunderts vier jeweils etwa fünf Jahrzehnte dauernde Zyklen mit Dampfmaschine, Eisenbahn, Schwerindustrie und Massenkonsum. Ein fünfter Zyklus würde uns laut Mason bevorstehen, aber der kommt nicht. Das ganze System klemmt, was mit einer grundlegenden Verschiebung durch die Möglichkeiten der Digitalisierung zu tun hat.

Digitalisierte Netzwerke lassen Produktionskosten drastisch sinken und sogar gegen null gehen. Die Folge: Überfluss statt Verknappung. Mason sieht darin einen systemischen Widerspruch zum Kapitalismus. Eine selbst organisierte peer-to-peer-Produktion werde den Markt erweitern und grundlegend verändern. Dazu wünscht sich der radikale Sozialdemokrat, wie er sich selbst nennt, verstaatlichte Zentral-banken, einen öffentlich gesteuer-ten Energiesektor, das bedingungslose Grundeinkommen und jede Menge digitaler Allmenden von unten. Das Internet versteht er als riesige soziale Maschine, in der jeder mitproduzieren kann. Konkreter wird es leider nicht.

Der Großteil des Buches ist eine lesenswerte Übersicht linker ökonomiekritischer Ansätze mit einem Fokus auf Marx’ „Maschinenfragment“. Einiges in Postkapitalismus erinnert dann auch an Empire von Negri und Hardt, dem Klassiker der Antiglobalisierungsbewegung, aber auch an Jeremy Rifkins These von der Null-Grenzkosten-Gesellschaft. Ebenso weiß Mason einiges zu den Revolten von 1968 bis Occupy zu erzählen und sie historisch einzuordnen, inklusive Anekdoten über seine proletarische Großmutter. So vielversprechend Masons Vorhersage klingt, darf doch bezweifelt werden, dass in der Digitalisierung als dem letzten technologischen Innovations-schub des Kapitalismus auch gleich das Potenzial zu seiner Abschaffung steckt.

Info

Postkapitalismus – Grundrisse einer kommenden Ökonomie Paul Mason Stephan Gebauer (Übers.), Suhrkamp 2016, 430 S., 26,95 €

06:00 11.05.2016
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