Die Zombies sind los

Literatur Das Autorenkollektiv Wu Ming schreibt Geschichte von unten. Diesmal: die Französische Revolution
Die Zombies sind los
Der Zug der Frauen nach Versailles. Gravur aus dem Pariser Musée Carnavalet

Foto: UIG/Imago Images

Das Autorenkollektiv Wu Ming erzählt seit zwei Jahrzehnten in seinen historischen Abenteuerromanen „Geschichte von unten“. Mit den Bauernkriegen, der Amerikanischen Revolution, dem italienischen Kommunismus im 20. Jahrhundert, dem Vietnamkrieg und aktueller Bewegungsgeschichte gibt es schon einen ganzen Corpus linker Geschichtserzählungen von Wu Ming. Jetzt widmen sich die vier Postautonomen aus Bologna auf gut 700 Seiten der Französischen Revolution.

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Die Armee der Schlafwandler beginnt mit der Hinrichtung von Ludwig XVI. 1793 und spannt den Bogen vom jakobinischen Terror bis zum Beginn der Konterrevolution. Mit heruntergekommenen Schauspielern, kämpfenden Arbeitern, ums Überleben ringenden Handwerkern, Bettlern und vor allem Frauen, die sich ebenso an Plünderungen wie an politischen Diskussionen im von Männern dominierten Konvent beteiligen, lebt diese Geschichte des revolutionären Frankreich von historischen Akteuren, die sonst nur Staffage bleiben. Große Männer wie Robespierre und Danton haben immerhin Gastauftritte.

Wie immer arbeiten Wu Ming mit historischen Quellen. Im letzten Teil des Buches, das wie ein Theaterstück in fünf Akten angelegt ist, geben die Autoren detailliert Auskunft, woher sie die in den Text eingewobenen urbanen Legenden aus dem späten 18. Jahrhundert haben. Die titelgebende „Armee“ geht auf angeblich wie schmerzunempfindliche Automaten kämpfende Royalisten zurück, die in jenen Jahren auf den Pariser Straßen die Restauration von unten in die subalternen Viertel prügelten. Und auch ein sagenumwobener Held des städtischen Mobs taucht auf. Scaramouche soll mit Maske und Cape über die Dächer von Paris geflitzt sein und preistreibende Händler verprügelt haben. Im Roman verbirgt sich hinter diesem Volkshelden ein abgehalfterter Schauspieler, der dann auch gegen die royalistischen Schläger der „jeunesse dorée“ kämpft. Deren angebliche Unverwundbarkeit und Schmerzunempfindlichkeit wird im Roman mit damals neuen Hypnosetechniken des in Mode gekommenen Mesmerismus erklärt.

Außerdem kämpft, quasi hinter den Linien, ein Arzt, der im Auftrag der Revolutionsregierung die royalistische Provinz bereist, um angeblichen Wundern auf die Spur zu kommen. Sein Gegenspieler, ein Mesmerist, der auch am misslungenen Befreiungsversuch des Königs teilhat, baut derweil in einer psychiatrischen Klinik seine Armee gegen die Revolution auf.

Wu Ming ziehen alle Register: Neben Dialogen wie im Theater und Versatzstücken der Commedia dell’Arte stehen Mitschriften von Parlamentsdebatten, Gesetzestexte, Auszüge aus medizinischen Quellen und detaillierte Beschreibungen Pariser Stadtviertel und der französischen Provinz. Die zombieartigen Schläger der Konterrevolution, die sich hypnotisiert in Straßenschlachten werfen, geben dem Roman darüber hinaus beinahe eine Note von magischem Realismus.

Gleichzeitig sind diese unter Hypnose gesetzten Schläger, die stumpf für die Konterrevolution marschieren, eine ebenso treffende wie albtraumhafte Metapher für die Neue Rechte. Vielleicht ist Die Armee der Schlafwandler deshalb in Italien, wo sich gegen Salvini & Co. zivilgesellschaftliche Bewegungen formieren, Wu Mings bislang erfolgreichstes Buch. Deren Romane haben nämlich auch immer aktuelle Bezüge. So konnte ihr Debüt Q, Ende der 1990er noch unter dem Pseudonym Luther Blisset veröffentlicht, von vielen Linken als literarischer Beitrag zur Antiglobalisierungsbewegung gelesen werden. Die Armee der Schlafwandler, als Allegorie auf Neue Rechte und Populismus verstanden, ist somit ein brandaktuelles Buch.

Info

Die Armee der Schlafwandler Wu Ming Assoziation A 2020, 704 S., 28 €

06:00 22.05.2020
Geschrieben von

Ausgabe 22/2020

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