Dystopie voran

Science-Fiction Das Ausmalen künftiger Katastrophen ist populärer als das Fantasieren von Lösungen
Dystopie voran
Die Mensch-Tier-Wesen in der Serie „Sweet Tooth“ tun sich zur „Animal Army“ zusammen – wie heute „Extinction Rebellion“?

Foto: Netflix

Sozial-ökologische Utopien fristen in der Science-Fiction ein eher kümmerliches Dasein. In dem vor allem auch im Film- und Serienbereich boomenden Genre herrschen eindeutig Dystopien vor. Wobei die Themen Umwelt und Klima in der SF eine immer größere Rolle spielen. Schon 2004 inszenierte Roland Emmerich in The Day after Tomorrow den Klimakollaps fürs Massenpublikum. Den jüngsten, sehr eindrücklichen dystopischen Moment dieser Art bietet George Clooneys Film Midnight Sky (2020), als eine zur Erde zurückkehrende Raumschiffbesatzung ihren ökologisch havarierten Heimatplaneten aus dem Weltraum als faulige braune, von Wirbelstürmen überzogene Pfütze sieht und der legendäre, in der SF unzählige Male variierte Satz des Kosmonauten Juri Gagarin konterkariert wird: „Ich sehe die Erde! Sie ist wunderschön!“

Auch in der Literatur überwiegen Dystopien. In Katie Flynns gerade erschienenem Roman Companions – Der letzte Morgen versteckt sich Kalifornien hinter einer riesigen Schutzmauer vor dem steigenden Meeresspiegel, während die legendären Redwood-Bäume (Fanale der kalifornischen Umweltbewegung der vergangenen Jahrzehnte) an ihren Wurzeln abfaulen. In William Gibsons Peripherie-Trilogie (demnächst als Serie bei Amazon) ist der Klimakollaps Teil einer globalen Havarie zusammen mit Pandemien und Kriegen. Und Tom Hillenbrand fährt in Qube (2020) eine ganze holografische Technologie auf, um Umweltschäden einfach unsichtbar werden zu lassen.

Dokumente der Gegenwart

„Science-Fiction ist Zukunftsarchäologie, hat ein linker Philosoph (gemeint ist Fredric Jameson) einmal gesagt. Mittlerweile ist sie beinahe die beste Dokumentation unserer Gegenwart“, konstatiert der ehemalige griechische Finanzminister Yanis Varoufakis in seinem Mitte September erscheinenden Roman Ein anderes Jetzt. Während der fortschreitende Klimakollaps in Form von Überschwemmungen und gigantischen Bränden die Nachrichten beherrscht, arbeitet die SF heute vor allem die dystopische Gegenwart ab, in der die Klimakatastrophe zwar besungen wird, aber keine utopischen Gegenentwürfe formuliert werden, wenngleich Yanis Varoufakis schon mal versucht, in Sachen Antikapitalismus ein Fenster aufzustoßen. Während also in dem einen oder anderen linken Parteiprogramm oder Basistext und auch auf Postwachstums-Kongressen der Utopie-Begriff ein munteres Revival erlebt, ist in der SF davon wenig zu merken.

In den 1970ern war das anders. In Folge der 68er-Bewegung bekamen Utopien einen Schub, auch in Sachen Ökologie. 1974 scheiterte Ernest Callenbach zwar erst mal damit, einen Verleger für seinen Roman Ökotopia zu finden, sodass er ihn im Selbstverlag herausbringen musste. Die utopische Fiktion, in der Nordkalifornien, Washington und Oregon 1980 unabhängig von den USA werden und eine eigene ökologische und soziale Gesellschaft errichten, wurde aber zum internationalen Renner und auch von den deutschen Grünen in ihrer Gründungsphase heiß diskutiert.

Wenngleich Callenbach für die damals global entstehende Umweltbewegung einen fiktional-utopischen Fluchtpunkt entwarf, wurde das Buch von linker Seite auch scharf kritisiert, da Bioregionalismus, die Abkehr von „schmutziger“ Energie und Autoverkehr mit einer freiwilligen Segregation weißer und schwarzer Bevölkerung einhergeht, die unter rassismuskritischen Gesichtspunkten sehr befremdlich wirkt. Außerdem bietet Callenbachs Roman keinen wirklichen Bruch mit bestehenden Verhältnissen.

Anders ist das ein gutes Jahrzehnt später in Kim Stanley Robinsons Mars-Trilogie (1992 – 96). Erzählt wird von einer Revolution auf dem Mars, in der sich die Kolonisten von der Erde unabhängig erklären und zu einer dezentralen ökosozialistischen Wirtschaftsform übergehen. Nachhaltigkeit im Umgang mit planetaren Ressourcen ist zentrales Thema der Trilogie. Das Terraforming der Marsatmosphäre – ein wiederkehrendes Motiv in der SF – wird unter Kolonisten und Revolutionären kontrovers diskutiert und führt zu regelrechten Zerwürfnissen. Terraforming bedeutet einen massiven Eingriff in die Ökosphäre des Planeten: Durch das Ausbringen von CO₂ und das Abschmelzen von Wasserreservoiren wird er erwärmt, um die Luft für Menschen atembar und den Boden für die Lebensmittelerzeugung nutzbar zu machen.

Am Ende steht eine interplanetare, im Überfluss lebende Hightech-Gesellschaft mit kostenloser Gesundheitsversorgung und einem Bildungssystem für alle, die eine Besiedlung weiterer Planeten des Sonnensystems vornimmt. Dieses Motiv des Auswanderns auf andere Planeten ist in den vergangenen Jahren, in denen wieder vermehrt in Raumfahrt (zum noch in Planung befindlichen ökonomischen Ressourcenabbau, aber auch wissenschafts- und rüstungstechnologisch) investiert wird und Träume vom Mars-Flug zum populärwissenschaftlichen Sehnsuchtshorizont gehören, vermehrt anzutreffen.

Auswandern ins All

In Christopher Nolans Blockbuster Interstellar (2014) wird die ökologische Katastrophe auf der Erde durch die Unmöglichkeit agrarischen Anbaus, die Erosion der Böden und Luftverschmutzung sehr drastisch ausgemalt. Die Lösung bietet schließlich die Auswanderung ins All, wo auf Raumstationen als sozialökologische Alternative die amerikanische Kleinstadtidylle mit Holzhäusern, bestellbaren Feldern und Baseball spielenden Kindern nachgebaut wird. Das funktioniert letztlich mithilfe des Flugs durch ein Schwarzes Loch und der Besiedelung eines Planeten durch gerade einmal zwei Menschen und eine Art Brutkammer. Deren Nachfahren übermitteln später durch Zeit und Raum das dafür nötige technologische Know-how.

Eine ganz ähnliche Auflösung deutet der eingangs erwähnte Film Midnight Sky an. An dessen Ende fliegt das Raumschiff mit der schwangeren Kommandantin Sully (Felicity Jones) zurück zum fiktiven Jupitermond K23, zu dessen Erforschung die Crew vor Jahren aufgebrochen war und der eine Atmosphäre hat, in der Menschen leben können.

Der weit entfernte, naturbelassene Planet als Projektionsfläche einer anderen Ökologie und eines anderen sozialen Zusammenlebens mit der Natur findet sich auch im finanziell erfolgreichsten SF-Film aller Zeiten. In James Camerons Avatar (2009) sind es die Menschen von der Erde, deren brutale, ressourcenvernichtende Praxis auf dem Planeten das ökologische Gleichgewicht bedroht. Der sehr paternalistisch daherkommende Schulterschluss eines Marines mit der indigenen Bevölkerung beendet schließlich die turbokapitalistische Ausbeutung und Vertreibung.

Wobei der (nicht offiziell als literarische Vorlage geltende) Roman Das Wort für Welt ist Wald (1973), für den die Grande Dame der linken amerikanischen SF, Ursula LeGuin 1973 den Hugo-Award und den National Book Award erhielt, genau das Gegenteil von James Camerons bellizistischem Geballer ist, das aber einfach zu einer zünftigen Hollywood-Inszenierung dieser Preisklasse zu gehören scheint. LeGuin verarbeitete nämlich mehr den amerikanischen Imperialismus und Vietnamkrieg in dem Buch, in dem definitiv kein Marine den positiven Helden gibt, während Avatar eine etwas zu platt geratene und kulturalistische, aber in ihrer Breitenwirkung wahrscheinlich nicht zu unterschätzende Öko-Kritik am industriellen Raubbau von Naturressourcen formuliert.

Mit einer interessanten und ein Stück weit durchaus utopieträchtigen Kritik am räuberischem Ressourcenabbau wartet auch die seit Juni ausgestrahlte Netflix-Serie Sweet Tooth auf, die sogar das nach Corona immer mehr in die SF einsickernde Motiv der Pandemie aufnimmt. Die etwas zu niedlich geratene Verfilmung des gleichnamigen Kult-Comics aus den nuller Jahren erzählt von einer Zukunft, in der eine Pandemie die Welt in ein postapokalyptisches Chaos verwandelt hat. Es werden keine Menschen mehr geboren, sondern nur noch Hybridwesen, die teils menschlich und teils tierisch sind. Die Pandemie wird als fester Bestandteil einer ressourcenvernichtenden Praxis gegenüber der Umwelt verstanden. Gegen die letzten Statthalter einer alten Ordnung, die die Hybridwesen fängt und als Ressource zur Herstellung eines Vakzins benutzt und dabei tötet, kämpft eine selbstorganisierte Bewegung junger Menschen, die die Hybriden als Zeichen einer neuen Ära versteht.

Auch wenn diese „Animal Army“ keineswegs nur positiv daherkommt, schlägt in dieser Fiktion doch bereits das Protestpotential von Fridays for Future und Extinction Rebellion durch, das hier eine popkulturelle Mythisierung erlebt. Ob die Kulturindustrie in den nächsten Jahren noch mehr dieser Umweltrebellen in Szene setzen wird und mit ihnen dann auch die sozial-ökologischen Gegenentwürfe durchgespielt werden, bleibt abzuwarten.

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06:00 11.08.2021
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Ausgabe 30/2021

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