Im Hinterland

Trump-Flucht Ohne Plot irrt Jonathan Lethem durch die Mojave-Wüste

Er wird gerne als einer der amerikanischen Nachwuchsautoren gehandelt, dabei hat der 1964 in Brooklyn geborene Jonathan Lethem mittlerweile auch schon 54 Jahre auf dem Buckel. Als Lethem 2015 für einige Monate nach Berlin kam, wurde er vom hiesigen Feuilleton gefeiert. Damals war mit Garten der Dissidenten quasi zum Nachklapp der Occupy-Bewegung sein Generationenroman über die amerikanische Linke erschienen. Überhaupt scheint der aus dem Noir-Krimi und der Trash-Science-Fiction kommende Autor, der dreist genug war, schon im Alter von knapp vierzig seine eigene (übrigens sehr lesenswerte) Autobiografie vorzulegen, ein Händchen dafür zu haben, gesellschaftspolitische Stoffe mit popkultureller Verve umzusetzen. Entsprechend sind Festung der Einsamkeit (2006) über Rassismus und Hip-Hop in Brooklyn ebenso wie seine literarische Auseinandersetzung mit der New Yorker Gentrifizierung in Chronic City (2009) schlicht geniale literarische Würfe. Dass spätere Romane nicht wirklich an diese Erfolge heranreichen, wird in den USA recht ungnädig kommentiert. Lethems vorletzter, sein zehnter Roman A Gamblers Anatomy wurde erst gar nicht ins Deutsche übersetzt. Dass Der wilde Detektiv auf Deutsch erscheint, dürfte auch damit zu tun haben, dass es darin ganz nebenbei, jedoch als stets präsentes, mächtiges Hintergrundrauschen, um das Amerika seit Donald Trump geht.

Phoebe vermisst New York

Im Mittelpunkt des Romans steht die toughe Phoebe Siegler, Anfang dreißig, die aus Frust über Trumps Wahl zum Präsidenten ihren Radiojob hinschmeißt und ins ferne Kalifornien reist, um dort die ausgebüxte Tochter einer Freundin aus dem New Yorker Bildungsbürgertum zu suchen. „Mein Hass war erstaunlich. Ich machte meiner Stadt Vorwürfe, das Monster im Turm hervorgebracht zu haben und jetzt nicht mehr besiegen zu können. Meine Fluchtroute hatte ich schon festgelegt.“

Im Hinterland von Kalifornien angekommen, vermisst Phoebe bald heftig ihr urbanes New York. Dann begegnet sie dem irgendwie postmodernen Cowboy Charles Heist, der als Privatschnüffler entlaufene Jugendliche sucht. Mit Heist tourt Phoebe wie in einem waschechten Roadmovie durch die kalifornische Großstadtperipherie und die Mojave-Wüste, wo sich jede Menge ausgeflippter Aussteiger-Communitys in Trailerparks, unter riesigen Brückenunterführungen oder verlassenen Siedlungen niedergelassen haben. Auf ihrer Fahrt ins Ungewisse entwickelt sich eine (ziemlich erwartbare) leidenschaftliche Affäre zwischen den beiden, die aber vor allem vom unstillbaren sexuellen Hunger wie dem emotionalen Frust enttäuschter Thirtysomethings geprägt ist. Immerhin schaffen sie es, den ausgerissenen Teenager einzufangen und zurück nach Brooklyn zu verfrachten.

So weit die vordergründige Handlung der Detektivgeschichte. Was Jonathan Lethem aber eigentlich in diesem gut dreihundert Seiten langen Roman erzählt, ist die Verblüffung und Ratlosigkeit einer linksliberalen Großstadtamerikanerin angesichts der brutalen sozialen Hackordnung ausgerechnet unter diesen Hippies. Da gibt es zwei rivalisierende und wie Yin und Yang einander ergänzende Gruppen: die Kaninchen und die Bären. Erstere bereiten überaus leckere Kräuter- und Kakteenburritos zu und leben friedlich in verlassenen Häuschen, Hütten und Zelten im sonnengeschwängerten Nirgendwo der Mojave-Wüste. Die Bären dagegen rekrutieren sich aus ehemaligen brutalen Rockergangs, die konsequent ihr autoritäres und gewaltförmiges Sozialverhalten pflegen. Zwischen diese Fronten geraten Phoebe und Charles Heist, wobei Letzterer, wie sich herausstellt, selbst einmal ein Kaninchen war und zum Bären wurde, bevor er doch noch die Kurve kriegte und die postapokalyptisch anmutende Hippie-Welt verließ, um sich als Privatdetektiv in der Peripherie von L. A. niederzulassen.

Schließlich kommt es in einer Wüstennacht mit strahlendem Sternenhimmel zum großen und sehr blutigen Showdown zwischen dem Bären-Alpha-Tierchen und Charles Heist, sehr zum Entsetzen von Phoebe.

In dieser hin und her mäandernden Geschichte lässt sich fast schon zu leicht eine Allegorie auf die amerikanische Gesellschaft und deren Zerrissenheit ablesen, wie sie vor allem seit dem Aufstieg der neuen Rechten und Trumps Wahlsieg alle naselang prognostiziert wird. Diese Anordnung ist in Jonathan Lethems Roman freilich nicht ganz so platt, sondern Teil eines komplexen literarischen Universums mit unendlich vielen Querverweisen auf das Leben in New York, Trumps Wahl und den Frust des berüchtigten linksliberalen Amerika. So schafft es Phoebes in Brooklyn lebende Freundin aus der Medienbranche wegen ihres Ekels nicht einmal mehr, in der Nähe des Trump-Towers U-Bahn zu fahren. Nun ja, meine Güte!

Warten aufs nächste Buch

Lethems Der wilde Detektiv kann jedoch mit einigen großartigen Szenen aufwarten, etwa als Phoebe nach komplizierten Verirrungen ihren von den Bären gefangen genommenen Charles Heist in einem in der Wüste aufgestellten Riesenrad in der obersten Gondel eingesperrt findet und befreien kann. Aber dieser Geschichte in der Hippiewelt der Mojawe-Wüste, die eher an den Achtziger-Jahre-Blockbuster Mad Max als an das landläufig bekannte Kalifornien denken lässt, fehlt ein konziser Plot, wie ihn Jonathan Lethem in seinen Romanen dem Leser zwar eh nie aufdrängt, aber doch immer irgendwo im Hintergrund arbeiten lässt. Diese Stringenz fehlt hier. Da mag man das Buch und die darin schlummernde verrückte Geschichte so oft hin und her wenden, wie man will. Ein wenig wirkt der Roman, als würde Jonathan Lethem gerade an einer ganz anderen, größeren Arbeit sitzen und hier nur eine durchgeknallte motivische Stoffsammlung raushauen. Vielleicht hat auch einfach nur sein Verlag gedrängelt. Man sollte abwarten, was noch kommt. Denn das kann es noch nicht gewesen sein, was der großartige Schriftsteller Jonathan Lethem zu sagen hat.

Info

Der wilde Detektiv Jonathan Lethem Ulrich Blumenbach (Übers.), Tropen bei Klett-Cotta, 335 S., 22 €

06:00 06.03.2019
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