Kapitallismus

Fiction In seinem Bestseller „Der Marsianer“ erzählt Andy Weir ganz neu von der Besiedlung des Mars. Wird der Planet nun im Sinne einer neoliberalen Landnahme kolonisiert?
Florian Schmid | Ausgabe 48/2014 3

Die Raumfahrtpläne in Richtung Mars werden immer konkreter. Im Jahr 2018 soll unter dem Namen „Mars Inspiration“ ein bemannter Flug starten, den Planeten umrunden und zur Erde zurückfliegen. „Mars One“, das Projekt eines holländischen Medienunternehmens, will dann im Jahr 2025 vier Menschen dort dauerhaft absetzen, weitere sollen folgen. Diese Kolonisten werden in Containern leben, und das Spektakel wird, damit es überhaupt finanziert werden kann, in einer Fernsehshow live übertragen. Und auch die NASA und die ESA planen frühestens für die 2030er Jahre bemannte Marsflüge. Es versteht sich von selbst: Damit wird ein ganz neues Kapitel aufgeschlagen.

In Filmen und Büchern allerdings wurden solche Reisen zu dem 228 Millionen Kilometer entfernten, erdähnlichen Nachbarplaneten und dessen Kolonisierung schon unzählige Male durchgespielt. Dabei begegnen die Erdenbewohner auf dem Mars immer wieder Wesen, die dem Menschen in seiner Entwicklung weit voraus zu sein scheinen. Das reicht von der sozialistischen Utopie Alexander Bogdanovs in Der rote Planet (1908) über urwüchsige, mit telepathischen Fähigkeiten ausgestattete Ureinwohner in Philip K. Dicks Marsianischer Zeitsturz (1964) bis zu einer Millionen Jahre alten superintelligenten High-Tech-Zivilisation als Schöpfer der Menschheit in Brian De Palmas Blockbuster Mission to Mars (2000).

Eine Robinsonade …

Der neueste Wurf ist nun Andy Weirs Roman Der Marsianer. Als Self-Publishing-Buch, das für nur 99 Cent bei Amazon gekauft werden konnte, wurde es von der Sci-Fi-Gemeinde zu einem Bestseller gemacht, als verlegtes Hardcover schaffte Weir es dann sogar auf die New York Times-Bestsellerliste; nun ist das Buch bei Heyne auch auf Deutsch erhältlich. Und im Herbst 2015 kommt Der Marsianer dann auch gleich ins Kino; verfilmt von keinem Geringeren als Ridley Scott und mit Matt Damon in der Hauptrolle als verloren gegangener Astronaut Mark Watney.

Der Marsianer, also der Roman, unterscheidet sich deutlich von den Vorgängern in seinem Genre; er braucht keine Außerirdischen mehr, um ein Schauplatz utopischer Möglichkeiten oder ein Ort dystopischer Bedrohungen zu sein. Vielmehr wird der Mars-Mythos erst einmal gründlich entzaubert und in ein vertrautes narratives Schema übertragen. Das Buch erzählt eine Robinsonade. In einer nicht genauer bestimmten Zukunft wird der Astronaut Mark Watney auf dem roten Planeten zurückgelassen, wo er auf Rettung wartet. Seinen Überlebenskampf hält der Botaniker und Ingenieur in einem Tagebuch fest. Detailliert erfährt der Leser, wie Watney mit den Plastikplanen der NASA ein Zelt baut, Wasserstoff in Treibstoff umwandelt und umgekehrt, zum früheren Einsatzort der Pathfinder-Mission fährt, um dort die Kommunikationsanlage auszubuddeln und schließlich Tausende Kilometer durch die Marswüste zum Landeplatz der nächsten bemannten Marsmission fährt.

Die technische Beherrschung grundlegender chemischer und physikalischer Vorgänge, die Kartografierung des Mars und eine Verwertung noch des letzten Bauteils, um es mit genialischer Schläue in den Überlebenskampf einzubauen, bilden den Hauptteil der Handlung. Das erinnert an die postmoderne Blockbuster-Robinsonade Cast Away, in der Tom Hanks unter der tropischen Sonne Holz mit Schlittschuhen zurechtschnitzt. Und an jene Schlüsselszene in Apollo 13, in der den Technikern in Houston ein Haufen Kabel, Rohre und anderer Kleinkram auf den Tisch gekippt wird mit der Anweisung, eine Lösung für das Sauerstoffversorgungsproblem der Astronauten zu finden. Nichts wird vergeudet, alles immer wieder neu verwertet.

„Berücksichtigen Sie auch den Wert, den Mark Watneys verlängerte Mission hat. Dieser überlange Aufenthalt auf dem Mars und sein Kampf ums Überleben schenken uns mehr Wissen über den Planeten als das gesamte bisherige Ares-Programm zusammen“, erklärt die NASA-Pressesprecherin im Roman in einer CNN-Sondersendung. Andy Weir erzählt auch von den Ereignissen auf der Erde, wo ein gigantischer Stab mit der Rettung des Astronauten beschäftigt ist. Dieser Vorgang erzeugt nicht nur ein ebenso ungeheuerliches wie gut vorstellbares globales Medienecho und auf ganz kurzem Dienstweg eine Kooperation chinesischer und amerikanischer Raumfahrtprogramme. Andy Weir schildert zudem, wie eine ganz neue globale Erzählung entsteht und vom Trafalgar Square bis zum Tiananmen-Platz, von den Chicagoer Bars bis hin zum NASA-Kontrollzentrum die Menschen die Einschaltquoten in schwindelerregende Höhen treiben und gebannt die letzten Minuten der Rettungsaktion verfolgen. Der jenseitige Schiffbruch in outer space schweißt auf eine neue, bisher unbekannte Art zusammen. Leider wird auf den letzten beiden Seiten dieses spannende, trocken erzählte und faktenorientierte Buch plötzlich pathetisch und reduziert den historischen Vorgang auf „Urinstinkte“ und eine „grundlegend menschliche Qualität“ des Helfens.

Dabei werden die Menschen vor den Bildschirmen nicht nur Zeugen einer Rettungsaktion, sondern auch eines Gründungsakts. Denn Mark Watneys improvisierter Überlebenskampf, der auf der Anwendung von Chemie- und Physikwissen aus dem Schulunterricht und auf ganz banalem Kartoffelanbau beruht, wird zur Keimzelle menschlicher Zivilisation auf dem Mars. „Wenn man irgendwo Nahrung anbaut, dann hat man offiziell ein Stück Land kolonisiert. Also habe ich genau genommen den Mars kolonisiert“, schreibt er in sein Tagebuch. So lapidar dieser Akt der Landnahme auch zu sein scheint, so symbolträchtig ist er. Der Vorstoß des westlich-aufgeklärten Individuums in den nicht kartografierten Raum – ob auf eine Südseeinsel oder in den Kongo – ist die grundlegende Figur kolonialer Landnahme, wie er immer wieder im Abenteuerroman erzählt und in der Realität ausgeführt wurde. Aber wer sagt denn, dass eine solche Landnahme auf die Erde beschränkt bleiben muss?

… in aktuellen Krisenzeiten

Ein Roman wie Der Marsianer oder jene „Mars One“-Fernsehshow führt natürlich zu einer Eroberung und Verwertung des Mars. Dadurch wird in der realitätsnah banalisierten und entzauberten Mars-Erzählung zugleich eine neue Art der Faszination erzeugt: die koloniale Inbesitznahme durch ein Individuum, mit dem sich jeder und jede identifizieren kann.

Die Mars-Fiktion wird bei Andy Weir zum Ausdruck eines Willens, noch die unwirtlichste Natur, die man sich vorstellen kann, zu beherrschen. So wie Daniel Defoes Robinson Crusoe den Anspruch auf die koloniale Beherrschung der letzten Winkel der Erde ausdrückte, exemplifiziert Andy Weirs Der Marsianer die spätkapitalistische Entzauberung der unendlichen Weiten des Alls.

Damit steht auch der Aneignung des Weltraums im Sinne einer kapitalistischen Einhegung nichts mehr im Wege. Ob dabei letztlich auch die derzeitige wirtschaftliche, um nicht zu sagen systemische Krise des Kapitalismus durch eine spekulative Projektion auf zukünftige Werte überwunden werden soll, ist eine nicht zu unterschätzende Frage. Laut dem derzeit wohl interessantesten marxistischen Theoretiker David Harvey versteht es der Kapitalismus, Krisen dadurch zu überwinden, dass er neue Felder findet, die er seiner Verwertungslogik einverleiben kann.

Ganz ähnlich sah das auch Rosa Luxemburg, die eine ständige Fortsetzung dessen behauptete, was Marx als „ursprüngliche Akkumulation“ bezeichnete und was für Harvey „kapitalistische Landnahmen“ sind. Ob der Griff in den Weltraum die derzeitige Krise in die Zukunft oder gleich in die unendlichen Weiten des Alls verschiebt, bleibt dahingestellt. Andy Weirs Der Marsianer zeigt zumindest schon einmal, wie die dazugehörige fiktionale Mars-Erzählung aussieht.

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06:00 01.12.2014
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Ausgabe 48/2020

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