Kieznah, bildungsfern?

Einschulung Der Angst vor „Brennpunktschulen“ kann man gemeinsam begegnen. Ein Weckruf
Kieznah, bildungsfern?
Hoppla, Helikopter-Eltern: Für Kinder ist es sogar gut, wenn sie Erfahrungen in unterschiedlichen sozialen Milieus sammeln

Foto: Theodor Barth/laif

Für die Kleinen nur das Beste! Wie immer um diese Jahreszeit zeigt sich dieser Tage die hässliche Seite dieses Gemeinplatzes: Das Rennen um die „guten Schulen“ beginnt. Ende September beginnen in Berlin die Anmeldungen für das Schuljahr 2022/23, die anderen Länder folgen. In der Hauptstadt, wo derzeit die rasante Gentrifizierung oft für „sozial gemischte“ Viertel sorgt, soll fast jedes dritte Kind nach Gusto der Eltern lieber nicht auf die ihm zugeordnete Einzugsschule gehen. Doch zeigt sich hier nur zugespitzt, was auch anderswo geschieht.

Natürlich sagt man dem Nachwuchs, dass alle Kinder gleich sind – dass diese doch hauptsächlich mit Kindern der eigenen biodeutschen bildungsbürgerlichen Schicht spielen, nun ja: ergibt sich halt so. Wenn aber die Einschulung näher rückt und die Kuschel-Kita vorbei ist, wird es unschön, weil konkret: Ist nicht die Grundschulwahl wegweisend für das Leben?

Viele Eltern glauben das und wollen jetzt nichts falsch machen. Dabei betonen Fachleute immer wieder, dass vor allem die elterliche Unterstützung für den Grundschulerfolg wichtig ist – und nicht die Zusammensetzung der Klasse. Dennoch beginnt an diesem Punkt bei vielen die Panik, mal verdruckst und mal eher offen. Man „informiert“ sich, in Berlin ganz einfach online beim Senat, dessen Schulporträts auch die soziale Zusammensetzung der Kinder aufschlüsseln. Stichwort „Brennpunktschule“: Wer an der Einzugsschule zweifelt und weiß, wie das geht, hat rasch einen Wechsel beantragt.

Vor allem betrifft das „Szeneviertel“, wo die Studierenden von einst jetzt Familie haben. Gerade die bauchlinke akademische Mittelschicht, die das multikulturelle Großstadtflair genießt, legt nun plötzlich andere Standards an. Aber auch in gediegeneren Bezirken lauert der „Brennpunkt“ gefühlt überall. Und wenn es nicht gleich klappt mit dem Verwaltungsakt, der den Nachwuchs von denen fernhält, die man „bildungsfern“ schimpft, um nichts Schlimmeres zu sagen, wird geklagt. 3.000 Euro kostet der Gerichtsweg an die beliebtere staatliche Schule, so viel wie ein Privatschuljahr für eine Mittelschichtfamilie. Dass an den begehrten Adressen die Klassen größer sind, weil mehr Kinder eingeklagt werden, als die Schulen wollen? Egal. Der Nachwuchs ist in Sicherheit.

Gute und böse zweite Sprache

In Berlin dreht sich der Tanz um eine Chiffre, deren Abschaffung in jüngeren Jahren immer wieder gefordert wurde: NDH, kurz für „sprachlich nicht deutscher Herkunft“. Die Prozente pro Schule sind in der Hauptstadt öffentlich, die Deutung obliegt der sozialen Fantasie: Die Zweisprachigkeit von Kindern mit britischen oder spanischen Eltern wird oft gern gesehen, als zusätzliche weltbürgerliche Kompetenz. Aber Kinder, die neben Deutsch auch Arabisch oder Türkisch sprechen, werden ganz anders wahrgenommen. Warum eigentlich? Viele Eltern assoziieren mit diesen eine „ganz andere Kultur“ der Erziehung und Wertevermittlung. In ihren Vorurteilen herrscht in migrantischen, kinderreichen Familien stets ein autoritärerer Ton, Erziehung werde vernachlässigt – und überdies sollen vorgestrige Geschlechterrollen vorherrschen. Will man dem die eigenen Kinder wirklich aussetzen? In einer Fernsehdokumentation des RBB sagte unlängst eine Mutter, die sich für eine Privatschule entschied, sie wolle mit ihrem Kind doch kein Sozialexperiment durchführen.

Überprüft werden diese Vorurteile nicht. Man „weiß“, dass Schulen mit hohem NDH-Anteil stets ein niedriges Niveau hätten und sich der Lehrkörper dort nur autoritär durchsetzen könne. Schulen mit einem NDH-Anteil von 70 Prozent seien „zu homogen“. Aber das ist eine Schimäre: Gerade hinter hohen NDH-Prozenten steckt oft eine überaus heterogene Schülerschaft mit Eltern aus Warschau, New York, Damaskus, der Türkei, Italien, Kroatien, Griechenland oder Tunesien. Es ist gerade jene Angst vor zu wenig Mischung, die an den „besseren“ Schulen biodeutsche und bildungsbürgerliche Einheitsmilieus erschafft.

Die für Eltern durchaus wichtige Frage nach der richtigen Schule für das eigene Kind hat sich auch unserer Kleinfamilie gestellt, die seit einigen Jahren zwischen Falafel-Buden, Vintage-Läden und Szene-Bars in Hipster-Neukölln lebt, wo die Serie 4 Blocks gedreht wurde. Wir haben uns informiert – und für die zugeordnete Brennpunktschule entschieden. Und siehe da: Rasch erwies die sich als nicht halb so schlimm, wie der Spielplatz-Gossip wusste: Weder brüllen dort Old-School-Pauker herum, noch gibt es Schulhof-Kloppereien. Selbstverständlich ist Deutsch die übliche Verkehrssprache und in der Elternvetretung sitzen weder Clan-Mitglieder noch militante Islamisten. Der Kunstschwerpunkt der Schule, deren Name „informierte“ Eltern noch immer erschreckt, sorgt für eine fantastische Ausstattung mit Ton-, Holz- und sogar Siebdruckwerkstatt.

Schon während des ersten Jahres meisterte unsere Tochter den kurzen Schulweg allein. Auf dem Spielplatz und auf der Straße kennt sie fast alle Kinder. Sie erlebt einen großen Schub an Selbstständigkeit. Und wir Eltern können die Zeit, die wir nicht auf langen Wegen zur vermeintlich besseren Bildungsstätte quer durch die Stadt verbringen, in die Schule investieren: Eltern-Gremien-Arbeit, der Schulgarten, den wir mit angelegt haben, oder ein Töpferkurs am Nachmittag. Wo viele Kinder wenig familiäre Unterstützung haben, müssen Schulen Enormes leisten. Es mangelt an Geld und Personal. Aber engagierte Eltern können im Kleinen durchaus etwas bewegen.

Es lohnt, sich die schlecht beleumundete Einzugsschule zumindest einmal gründlich anzusehen. Oft ist sie besser als ihr Ruf. Wer sich allein nicht traut, kann sich mit anderen vernetzen. Zweifelnde Eltern sind nicht selten: Viele betreiben die Suche nach einer „guten Schule“ mit dem schlechten Gewissen, nolens volens der rassistischen und klassistischen Spaltung Vorschub zu leisten. Wenn sie zeigen, dass es ihnen nicht darum geht, die eigenen vor den anderen Kindern zu „schützen“, sondern sich für alle starkzumachen, treffen solche Initiativen auch auf Unterstützung.

Natürlich ist nicht jeder ein Rassist, der sein Kind nicht auf die Einzugsschule schicken will. Aber die große Anzahl individueller Entscheidungen gegen die Einzugsschule erzeugt und reproduziert die soziale und rassistische Segregation im Bildungsbereich, für die unser Land berüchtigt ist. Sicher ist es anstrengender, sich so in einen Kiez zu integrieren, als nur ergriffen post-migrantische Literatur zu goutieren. Aber Kinder, so ein anderer viel strapazierter Gemeinplatz, sind nun mal die Zukunft. Wollen wir wirklich, dass die Verhältnisse, die mit segregierten Schulen beginnen, sich in alle Ewigkeit fortsetzen?

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06:00 02.10.2021
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Ausgabe 42/2021

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