Linke Truppe

Sachbuch Spezial Die Volksmarinedivision war eine zentrale Kraft. Klaus Gietinger erinnert an sie
Linke Truppe
Die Aufnahmen dieser Beilage stammen aus dem Band „Wee Muckers. Youth of Belfast“ von Toby Binder. Mehr dazu im Kasten unten

Der Kieler Matrosenaufstand im November 1918 spielte bei den jüngsten historischen Jahrestagen rund um die 100-jährige Geschichte der deutschen Revolution keine zentrale Rolle. Der Matrosenaufstand an der Küste nimmt damit nicht den Platz in der Geschichte ein, der ihm eigentlich gebührt. Denn die kollektive Selbstermächtigung Tausender Marinesoldaten am Ende des Ersten Weltkriegs ist ein nicht zu unterschätzender Ausgangspunkt jener politisch und sozial tiefgreifenden Ereignisse, die schließlich zur Novemberrevolution, zum Ende des Kaiserreichs und zur Ausrufung der Republik führten.

Der Sozialwissenschaftler und Filmemacher Klaus Gietinger, Spezialist für die deutsche Revolutionszeit Anfang des 20. Jahrhunderts, widmet sich in seiner neuen Publikation Blaue Jungs mit roten Fahnen nicht nur den November-Ereignissen in Kiel, sondern auch der daraus entstandenen Volksmarinedivision (VMD), deren wechselvolle Geschichte einen faszinierenden Einblick in die revolutionären Umbrüche jener Monate gibt, aber auch aufzeigt, mit welch brutaler Repression konterrevolutionäre Freikorps im Auftrag und mit Billigung der sozialdemokratischen Regierung Ebert gegen die vermeintlich linksradikalen und den „Spartakisten“ nahestehenden Matrosen vorgingen.

Liest sich wie ein Krimi

Dabei waren die Marinesoldaten und Seeleute, die am 3. November 1918 die Feuer in den Kesseln der deutschen Kriegsschiffe löschten und so das Auslaufen der kaiserlichen Marine verhinderten, ebenso wenig allesamt linksradikal oder kommunistisch wie die Mitglieder der VMD, betont Gietinger in seinem quellenorientierten Buch, das sich stellenweise wie ein Krimi liest. Viele der Matrosen, die den Versuch der deutschen Admiralität verhinderten, am Ende des Krieges ohne kaiserlichen Befehl wie in einem Selbstmordkommando gegen die englische Flotte in die Schlacht zu ziehen, standen vielmehr der Sozialdemokratie nahe. Ihr ursprünglicher Protest, der auf den Schiffen auch schon im Sommer 1917, kurz nach den großen Streiks unter anderem in Berlin und Leipzig, erste Vorläufer hatte, richtete sich gegen brutalen Drill, die schlechte Versorgungslage und bildete mit dem Lahmlegen der Flotte am Kriegsende ein wichtiges Element im Kampf gegen den preußischen Militärgeist und seine mörderische Logik. Nach dem erfolgreichen Aufstand in Kiel, den die autoritäre Staatsräson und die Sozialdemokratie unter der Leitung von Gustav Noske schnell unter Kontrolle brachte, beteiligten sich viele Matrosen an den revolutionären Auseinandersetzungen in Berlin. Aus einem Teil dieser Matrosen wurde am 11. November 1918 schließlich die zeitweise mehr als 3.000 Mann umfassende VMD gegründet, die bis zu ihrer Zerschlagung von den Freikorps im März 1919 als eine Art Polizeitruppe in Berlin fungierte.

Gietinger spürt diesem „Mikrokosmos der bewaffneten Arbeiterbewegung“ nach, wie er ihn nennt, und verfolgt minutiös seine Entwicklung in den wenigen Monaten seiner Existenz. Galt die Truppe anfangs als herrschaftssichernd für die Ebert’sche Sozialdemokratie, so radikalisierten sich die Mitglieder der VMD während der Weihnachtskämpfe 1918 und auch in den darauffolgenden Monaten. Hatte die VMD Anfang Dezember noch die Redaktionsräume der linksradikal-revolutionären Roten Fahne durchsucht und sich gegen den Vollzugsrat des Arbeiter- und Soldatenrates Groß-Berlin auf die Seite der Putschisten und Sozialdemokraten gestellt, so bewachte sie Ende Dezember das Preußische Abgeordnetenhaus und sicherte quasimilitärisch die dortige Gründung der KPD ab.

Auseinandersetzungen mit der VMD hatten verschiedene Fraktionen vor allem der militärischen Kreise und des Adels auch wegen ihrer Stationierung im Berliner Stadtschloss, das sie trotz entsprechender Order nicht verlassen wollte. Gerüchten zufolge hatten Mitglieder der VMD im Schloss geplündert, ein Vorwurf, der, wie Gietinger anhand von Quellen zeigt, kaum haltbar ist. Überhaupt schlüsselt der Autor sehr gut auf, welche unterschiedlichen Gruppen aus ehemaliger Oberster Heeresleitung, entstehenden Freikorps und der immer weiter nach rechts driftenden SPD unter Ebert versuchten, auf die VMD Einfluss zu nehmen. Dadurch entsteht in dieser historischen Erzählung, die sich akribisch an den Quellen abarbeitet und der an einigen Stellen ein strukturgeschichtlicher Blickwinkel nicht geschadet hätte, ein ungemein spannendes Panorama der Ereignisse 1918/19 in Deutschland und vor allem in Berlin.

Aufgelöst wurde die VMD am 10. März 1919, einen Tag nach Gustav Noskes legendärem Schießbefehl. Diese Anordnung des damaligen SPD-Reichswehrministers, die wie ein Freifahrtschein für die Freikorps war und in den folgenden Tagen weit mehr als 1.000 Menschen das Leben kostete, bezeichnet der Historiker Mark Jones als das „Gründungsmassaker“ der Weimarer Republik.

Auch zahlreiche Mitglieder der VMD kamen zu Tode, soweit sie nicht fliehen konnten. „Bei der Auflösung der Volksmarinedivision vergruben wir unsere Waffen am Köllnischen Park zwischen Märkischem Museum und dem Marinehaus. Einzeln gingen wir auseinander“, vermerkt der Matrose Richard Schneider in seinen Erinnerungen. Klaus Gietinger gibt in seinem Buch diesen heute im Großen und Ganzen vergessenen Akteuren der Geschichte endlich wieder eine Stimme. Er zeigt eindrücklich, welche Verantwortung die Sozialdemokratie bei der Niederschlagung der Kämpfe in Berlin hatte, als sie die Freikorps gewähren ließ. Gerade dieser Blickwinkel kommt bei vielen historischen Erinnerungen anlässlich des 100. Jahrestages der Revolution deutlich zu kurz, wo die SPD gerne als stabilisierende Kraft der bürgerlichen Mitte präsentiert wird. Diese aber war sie keineswegs.

Info

Blaue Jungs mit roten Fahnen Klaus Gietinger Unrast 2019, 304 S., 18 €

Should I stay or should I go

Kommt der Brexit, wird auch Nordirland die Europäische Union verlassen müssen. Die offene Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland war eine grundlegende Bedingung des Friedensabkommens von 1998, nach mehr als 30 Jahren „Troubles“, blutigen Konflikten zwischen Katholiken und Protestanten. Die offene Grenze würde mit dem Brexit zur harten EU-Außengrenze, was den fragilen Friedensprozess im Land gefährden könnte. Der 1977 in Esslingen geborene Toby Binder fotografierte für Wee Muckers. Youth of Belfast (Kehrer 2019, 120 S., 35 €) Teenager aus protestantischen und katholischen Vierteln in Bel­fast. Die Langzeitdokumentation zeigt die Allgegenwart von Arbeits­losigkeit, Drogenkriminalität und Gewalt, die Jugendliche in Belfast schon heute belastet, egal, auf welcher Seite der „peace wall“ (Friedensmauer) sie leben.

06:00 24.03.2019
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