Nazis bei der Polizei: Freund und Henker

Nazis und die Polizei Max Annas und Jérôme Leroy gelingt ein unheilvoller Plot
Franco A., der mutmaßlich rechtsextreme Bundeswehroffizier unter Terrorverdacht
Franco A., der mutmaßlich rechtsextreme Bundeswehroffizier unter Terrorverdacht

Foto: Boris Roessler/Pool/AFP/Getty Images

Jérôme Leroy und Max Annas schreiben faszinierende linke Polit-Krimis. Rassismus und extreme Rechte spielen in ihren dystopischen Romanen eine zentrale Rolle, etwa in Leroys Der Block über die Entstehung der Neuen Rechten in Frankreich und in Annas’ Finsterwalde, einem beängstigenden Zukunftsentwurf, in dem nicht-weiße Menschen interniert werden. Beide schreiben aus einer explizit antifaschistischen und rassismuskritischen Position heraus und verstehen ihre Romane als Beiträge zu einer gesellschaftspolitischen Aufklärungsarbeit. Dass Leroy, Jahrgang 1964, und Annas, 1963 geboren, mit Terminus Leipzig nun einen rasanten und bis zur letzten Seite spannungsgeladenen Noir-Krimi geschrieben haben, wird aber nicht nur Genre-Fans begeistern.

Der Roman spielt in Frankreich und Deutschland, es geht um staatliche Sicherheitskräfte, die mit Nazis und Neofaschisten Terroranschläge verüben. Wie aktuell das ist, zeigte Mitte Februar die erneute Festnahme des Bundeswehrsoldaten Franco A. wegen Fluchtgefahr, nachdem dieser einige Tage ausgerechnet in Frankreich verbracht hatte. Die Staatsanwaltschaft warf ihm „Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat“ vor.

Kommunistenhasser

Die Auseinandersetzung mit der neuen Rechten, autoritärer Staatlichkeit, gewalttätigen, kommunistenhassenden und nicht selten mit einem Bein in der Kriminalität stehenden Polizisten sowie jeder Menge linker Geschichte zieht sich durch das Werk von Leroy und Annas. Beide rücken mit ihren Romanen der politischen Wirklichkeit in Deutschland und Frankreich ebenso gesellschaftskritisch wie künstlerisch inspiriert auf die Pelle.

Entstanden ist die Idee eines gemeinsamen Romans auf dem Krimifestival Quais du Polar, das seit 2005 jährlich in Lyon stattfindet und zu Beginn der Geschichte in Terminus Leipzig sogar kurz erwähnt wird. Eigentlich will Kommissarin Christine Steiner, Mitglied einer französischen Anti-Terror-Einheit, die gerade eine Bande Neofaschisten ausgehoben hat, in Lyon Kurzurlaub machen und das internationale Krimifestival besuchen, als sie von der örtlichen Polizei zu einem Tatort gebeten wird. Ermordet wurde ein älterer, aus Deutschland stammender Mann, der in früheren Jahren vor seiner Auswanderung nach Frankreich enge Kontakte zu linken Terrorgruppen der 1970er Jahre hatte. Als Christine Steiner dann auch noch ein Foto ihrer ebenfalls aus Deutschland kommenden Mutter, die kurz davor Selbstmord verübt hat, mit ihr als Kleinkind auf dem Arm in der Wohnung des Opfers findet, zieht es ihr den Boden unter den Füßen weg. Was hat ihre Mutter mit linken Terroristen der 70er zu tun? Bald wird klar, dass der Tote von Nazis ermordet wurde, die ehemalige Ikonen der militanten linken Szene hinrichten. Wer ist als Nächstes dran? Die Spur führt nach Leipzig, wo Christine noch mehr über ihre eng mit der linken Zeitgeschichte verwobene Familiengeschichte erfährt.

Die gerade mal 128 Seiten von Terminus Leipzig wurden mit der bei Surrealisten beliebten Methode „Cadavre Exquis“ geschrieben. Beide Autoren verfassen dabei abwechselnd je ein Kapitel und schicken den länger werdenden Text dem anderen zu. Coronabedingt fanden Treffen der beiden Schriftsteller und ihrer Verlage per Videokonferenzen statt. Terminus Leipzig entstand in einer literarischen Distanzbeziehung.

Das erste Mal trafen sich die beiden Autoren persönlich bei einer Lesung im Institut Français in Berlin im März. Die stilistischen Eigenheiten von Leroy und Annas passen überraschend gut zusammen. Während Jérôme Leroy seine deutsch-französische Kommissarin über ihre Familiengeschichte und das weitere Vorgehen in dem Fall reichlich in inneren Monologen reflektieren lässt, wartet Max Annas mit dialogreicher, fast schon actionorientierter Handlung auf, was dem Roman einen abwechslungs- und temporeichen Rhythmus verleiht. Max Annas schreibt über den Ex-Terroristen Wolfgang, den biologischen Vater der Kommissarin, der mit seiner Genossin und Lebensgefährtin Elke in einem Leipziger Vorort gerade dabei ist, die vor Jahren verbuddelten Waffen auszugraben, bevor das Dorf dem Tagebau weichen muss. In der sächsischen Pampa findet das große und ziemlich blutige Finale statt.

Eine nahe Dystopie

Die Sorge vor Polizeibeamten oder Soldaten, die mit Nazis gemeinsame Sache machen, könnte uns in Zukunft noch mehr beschäftigen. In Frankreich wächst die Angst vorm Schulterschluss von Militär und der Neuen Rechten, wie ein im vergangenen Sommer von Ex-Generälen in der rechten Zeitschrift Valeurs actuelles veröffentlichter Brief zeigt, der von vielen als Putsch-Drohung gegen die Regierung Macron verstanden wurde. Und die derzeit in die Ukraine reisenden Neonazis aus ganz Europa (so viele oder wenige es auch sein mögen) verleihen dieser Sorge perspektivisch eine bedrohliche Dimension.

Leroy und Annas’ dystopischer Plot lässt einem stellenweise das Blut in den Adern gefrieren, etwa wenn bei einer Schießerei endlich die Polizei auftaucht, aber, anstatt zu helfen, bei der mörderischen Jagd auf linksradikale Antifaschisten mitmacht. Die Figur Christine Steiner ist aber auch ein Statement, denn nicht alle Polizisten stehen mit einem Bein im rechten Lager. Die deutsch-französische Kommissarin kämpft gegen Nazis, liest in ihrer Freizeit gerne Krimis des altlinken Situationisten Jean-Patrick Manchette, steht aber bald verloren zwischen den Fronten. Terminus Leipzig endet mit einem Cliffhanger und schreit geradezu nach einer Fortsetzung. Ob es die geben wird, weiß niemand, es wäre aber zu wünschen. Substanziell genug dafür ist die Geschichte allemal.

Info

Terminus Leipzig Jérôme Leroy, Max Annas Edition Nautilus 2022, 128 S., 16 €

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