Ost-Opfer

Tabu Ein neues Buch erkundet den Antisemitismus in der DDR

Die hiesige Linke diskutiert seit Jahren über den Antisemitismus in den eigenen Reihen, wobei für gewöhnlich das Verhältnis zu Israel im Vordergrund steht und sich die Zerwürfnisse nicht selten an tagesaktuellen Fragen aufhängen.

Mit dem Antisemitismus im „Realsozialismus“, vor allem in der Sowjetunion Stalins und in der DDR, gibt es von linker Seite bisher kaum eine Auseinandersetzung. Bini Adamczak warf in ihrem viel beachteten Essay Gestern, Morgen bereits 2007 einen kritischen Blick auf die Verfolgung jüdischer Kommunisten unter Stalin.

Mit Stalin hat uns das Herz gebrochen erscheint nun ein Buch, das dem Antisemitismus in der DDR und den Biografien jüdischer Kommunisten aus einer linken Perspektive nachspürt und zahlreiche Fragen dieser widersprüchlichen Thematik aufwirft. Waren doch viele der Verfolgten selbst treue Parteigenossen und Anhänger Stalins. Aber wie konnte es für genau jene, die nach 1945 aus dem Exil nach Deutschland zurückkehrten, um ein neues, anderes und sozialistisches Land aufzubauen, so schnell zu so brutalen Enttäuschungen kommen? Einfache Antworten bietet das anonyme Autorenkollektiv aus den Reihen des linken Verbandes Naturfreundejugend Berlin nicht, das vor einigen Jahren zahlreiche Workshops und öffentliche Veranstaltungen zu dem Thema organisierte und wegen des regen Interesses nun eine Publikation vorlegt.

Spagat in der Mottenkiste

Dabei versuchen sich die Autorinnen recht erfolgreich an dem Spagat, sowohl ganz praktisch Biografien verfolgter jüdischer Kommunisten in der DDR zu schreiben als auch gleichzeitig den Antisemitismus in seiner historischen und theoretischen Ausprägung zu analysieren.

Ende der 1940er und Anfang der 1950er Jahre kommt es erst in der Sowjetunion, dann in Ungarn und der Tschechoslowakei zu Schauprozessen vornehmlich gegen jüdische Kommunisten, die im Exil in Mexiko oder Frankreich waren. Im Zuge dieser stalinistischen „Säuberungen“ kommt es auch zu Verhaftungen und Prozessen in der DDR. In dem Buch werden diese Ereignisse recht detailliert und anschaulich anhand der dramatischen Erlebnisse von Paul Merker, ZK-Mitglied, Rudolf Herrnstadt, dem ehemaligen Chefredakteur des Neuen Deutschland und der Schriftstellerin Salomea Genin geschildert. Letztere war auch Gast bei Veranstaltungen des Arbeitskreises „Stalin hat uns das Herz gebrochen“ im Jahr 2009. Die Berlinerin Genin floh 1939 nach Australien und wanderte als überzeugte Kommunistin in die DDR ein, wo sie auch für die Stasi arbeitete. In ihrer Autobiografie setzt sie sich mit ihrer jüdischen Identität und den enttäuschenden Erfahrungen in der DDR auseinander. Rudolf Herrnstadt wurde entsprechend der vorherrschenden Doktrin wie Salomea Genin zum „Kosmopoliten“ und „Klassenfeind“. Von der Hoffnung auf ein anderes besseres Deutschland blieb für sie und andere jüdische Kommunisten in der sich als antifaschistische Nation verstehenden DDR wenig übrig.

Laut dem Autorenkollektiv trug eine Vielzahl von Umständen dazu bei, dass Antisemitismus in der DDR, wenn auch oft verschleiert und getarnt, immer wieder hervorbrach. Allein der Verweis auf den Stalinismus als repressives, mörderisches System oder auf einen angeblich bereits seit Marx bestehenden strukturellen linken Antisemitismus greife aus Sicht des Kollektivs zu kurz. Eher habe die Marx’sche Theorie des Kapitalismus als nicht personales, sich blind selbst reproduzierendes System den Antisemitismus mehr gehemmt als befördert. Die plumpe und tendenziell antisemitische Denkfigur des Finanz-Kapitalisten gehört vielmehr in die Mottenkiste des Marxismus-Leninismus als Staatsideologie, die unter Stalin entwickelt wurde, sie hatte weder mit dem Werk von Karl Marx noch mit der politischen Figur Lenins viel zu tun. Historisch gesehen, gingen Kommunisten und Anarchisten in Russland besonders massiv gegen Antisemitismus vor. Dennoch kamen antisemitische Stereotypen auch während der russischen Revolution immer wieder zum Tragen. Das Autorenkollektiv geht hier unterschiedlichen Theorie- und Ereignissträngen nach und bietet neben einer Analyse möglicher Anschlussmöglichkeiten für Antisemitismus in der Marx’schen Theorie und den Schriften Lenins auch einen konzisen Überblick zeitgemäßer Antisemitismustheorien. Denn der moderne Antisemitismus ist keineswegs nur Nachhall mittelalterlicher Pogrome, sondern bildete sich mit der Entstehung des bürgerlichen Nationalstaats und eines modernen Volksbegriffs erst heraus. Den gab es auch in der DDR als positiven Bezug auf das andere, bessere Deutschland. War das das Einfallstor für den Antisemitismus in der DDR?

Ausdiskutiert muss werden

In der DDR-Erinnerungspolitik verknüpfte sich der positive Bezug auf ein nationales Kollektiv mit der Idee des guten, grundsätzlich antifaschistischen werktätigen Volkes. Juden erhielten in der Regel als „Opfer des Faschismus“ eine geringere Rente als die „Kämpfer gegen den Faschismus“ und wurden somit von der Idee des antifaschistischen Volkes ausgeschlossen. Daneben spielten vor allem ab den 1960er Jahren die außenpolitische Haltung der DDR gegenüber dem entstehenden Staat Israel und die Ablehnung des Zionismus eine wichtige Rolle. Angesichts der aktuellen Auseinandersetzungen in Israel kommt es wieder vermehrt zu antisemitischen Attacken und Beschimpfungen in unseren Städten. Das Buch ruft ins Gedächtnis, dass die derzeitige Zunahme völkisch-nationaler Ideologie, die nun auch im Bundestag vertreten wird, eine kritische Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus in all seinen Facetten unerlässlich macht. Insofern bietet Stalin hat uns das Herz gebrochen nicht nur einen guten Überblick über das Thema Antisemitismus, sondern einige nicht nur für die politische Linke bemerkenswerte historische Details, denen es sich zu stellen gilt und die noch lange nicht ausdiskutiert sind.

Stalin hat uns das Herz gebrochen Arbeitskreis Stalin hat uns das Herz gebrochen der Naturfreundejugend Berlin, Edition Assemblage 2018, 208 S., 14.80 €

06:00 13.02.2018
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