Schlingenhaftigst

Fantastik Hanebüchene Karibik: In Rita Indianas Kurzroman „Tentakel“ purzeln die Figuren durch Zeit und Körper

Manche Romane, leider nur die wenigsten, sind so spannend und mitreißend in Dramaturgie, personeller Ausstattung und stilistischer Umsetzung, dass einem beim Lesen so richtig schwindlig wird. Das Buch zur Seite legen, geht dann wegen der Spannung einfach gar nicht. Bei Rita Indianas Tentakel muss man das auch nicht, denn ihr Roman ist ein gerade mal 160 Seiten langes furioses Spektakel, in dem neben einem heimtückischen Mord an einer alten Frau auch Zeitreisen durch die Jahrhunderte, ein Ausflug in die Gegenwartskunst, eine längere Gefängnisstrafe, prekäre Callcenterjobs, jede Menge karibischer Musik, Voodoopraktiken, zauberhafte Strände und ökologische Meereskatastrophen eine Rolle spielen.

Hierzulande ist die 1977 geborene, in Miami lebende Dominikanerin als Schriftstellerin unbekannt, einige wenige kennen Indiana vielleicht noch als queere Merengue-Musikerin, ihr Album El Juidero wurde 2010 in den USA unter die zehn besten lateinamerikanischen Alben gewählt. Vor ein paar Jahren erschien im Schweizer Unionsverlag eine Erzählung von ihr in einem Sammelband mit Geschichten aus der Dominikanischen Republik. Die spanische Tageszeitung El Pais hat die Autorin mit der wirbeligen Kurzhaarfrisur, der markanten Stimme und wortgewaltigen Prosa zu Beginn des Jahrzehnts als eine der 100 einflussreichsten lateinamerikanischen Persönlichkeiten gelistet. Wikipedia verzeichnet, Indiana ist entfernt verwandt mit der dominikanischen Sopranistin Ivonna Haz und dem Dichter Manuel Rodríguez Objío.

Wer killte die Voodoofrau?

Zusammen mit ihrer Band tritt sie als Rita Indiana y Los Misterios auf. Die Musik ist eine faszinierende Mischung aus traditionellen mittelamerikanischen Sounds, dem aus der Dominikanischen Republik stammenden Merengue, den die Band neu interpretiert, mit Pop und Elektronik vermischt. In den Videos wabert da eine fast tief tönende Stimme, dann klingt sie wieder sanft und romantisch. Die Texte handeln von sozialer Ausgrenzung, sexueller Identität, Machtmissbrauch und Korruption.

Rita Indiana ist lesbisch und hatte ihr Coming-out, was man sich im traditionell machistischen Mittelamerika überhaupt nicht einfach vorstellt. Im spanischsprachigen Raum ist sie auch durch ihre Tätigkeit als Publizistin bekannt. Im Wochenendmagazin von El Pais kommentierte sie einige Jahre lang alles Mögliche vom Tod David Bowies über Musikfestivals in Lateinamerika und Genderthemen bis hin zu sozialen Fragen in Haiti und in ihrer Heimat, der Dominikanischen Republik. Es gibt Anlass genug, diese interessante Künstlerin auch in Deutschland bekannter zu machen; ihr fulminanter postmoderner Karibik-Roman, der auf Deutsch bei Wagenbach erschienen ist, könnte dazu beitragen.

In Tentakel, mittlerweile ihr vierter Roman ist, finden sich zahlreiche Motive und Themen wieder, die auch in ihren Songs eine Rolle spielen – von Geschlechterfragen über Popmusik bis hin zu Mittelamerikas sozialen Abgründen. Und diese gerade mal 160 Seiten Prosa haben es wirklich in sich. Die in mehreren Zeitebenen ineinander verschachtelte Handlung auseinanderzudröseln ist gar nicht so einfach. Denn der Mord an einer alten Voodoo-Priesterin, die als persönliche Beraterin des dominikanischen Präsidenten, eines coolen Typs mit Goldkette, im Jahr 2027 tätig ist, führt zu einigen komplizierten Verwicklungen, die zuerst in die 1990er Jahre und dann auch noch bis ins 16. Jahrhundert zurückreichen.

Eigentlich fängt Tentakel wie ein gängiges Sozialdrama mit ein paar kriminalistischen Elementen an. Eine junge obdachlose Frau namens Acilde lebt in Santo Domingo auf der Straße und verdient sich ihr Geld mit Sexarbeit. In dieser nahen Zukunft ist die Karibikinsel von Zerstörungen durch ein Seebeben und dadurch ausgelöste ökologischen Katastrophen geprägt. Durch einen ihrer Kunden kommt Acilde an einen korrekt bezahlten und fairen Job als Hausangestellte bei einer gut situierten, älteren Voodoo-Priesterin. Die bietet ihre besonderen magischen Beraterdienste für höchste politische Kreise an. Schließlich wird die alte Frau von einem vermeintlichen Freund der Hausangestellten umgebracht, um in den Besitz einer Seeanemone zu gelangen, die für ihre ermordete Besitzerin religiösen Wert hatte. Nur ist in der nahen Zukunft die Karibik, also das Meer und alle Lebewesen darin, durch eine ökologische Katastrophe völlig zerstört worden. Meerestiere werden dadurch zu regelrechten Schätzen für Sammler und haben einen exorbitanthohen Marktwert. Mit dem Erlös des Verrats an ihrer gutmütigen und altehrwürdigen Herrin leistet sich Acilde eine Geschlechtsumwandlung, die in dieser nahen Zukunft per Injektion realisiert wird und ein Stück weit eher an karibische Voodoo-Praktiken als an eine futuristische Technologie erinnert.

Science-Fiction, Mystery, Coming-of-Age-Roman, Sozialdrama, lateinamerikanischer Krimi und die literarische Erforschung sexueller Identitäten verschmelzen hier zu einer chaotischen, wilden Mischung. Denn das seltene, wertvolle Diebesgut, die kurz vor dem Exitus stehende Seeanemone, verfügt dann plötzlich doch über magische Kräfte, wodurch gleich ganze Zeitspalten aufgerissen und einige Personen durch verschiedene Vergangenheiten der Karibikinsel geschleust werden.

In Rita Indianas Roman sitzt jedes Wort. Anders wäre es auch gar nicht möglich, eine derart komplexe und mitunter hanebüchene Geschichte so knackig kurz und trotzdem literarisch substanziell zu erzählen. Es ist, als würde sich Rita Indianas Fähigkeit, Popmusik zu produzieren und dabei nicht nur konzis auf den Punkt zu kommen, sondern auch auf magische Weise etwas zum Klingen zu bringen, in ihrer literarischen Produktion auf geniale Art fortsetzen. Und Rita Indianas grelle Pop-Prosa besitzt dabei literarische Tiefe. Das hat nicht nur etwas mit ihren stilistischen Fähigkeiten zu tun, sondern ist auch dem Umstand geschuldet, dass sie die verschiedenen Erzählebenen stimmig ineinandergreifen lässt. Handwerklich ist das einfach gut gemacht.

Messerscharf schreibt sie sich immer wieder in einen Zeitgeist, egal ob sie rassistische Untertöne in einer Künstlerkolonie in den 1990er Jahren am Privatstrand eines Millionärsehepaars schildert, Rinder häutende Bukaniere bei ihrer blutigen Arbeit und auf der Flucht vor marodierenden Kolonialsoldaten des 16. Jahrhunderts beschreibt oder den zukünftigen dominikanischen Präsidenten in seiner Jugend als talentierten Hip-Hop-Tänzer mit der Street Credibility mittelamerikanischer Homies in Szene setzt.

Die verschiedenen Zeitstränge, die durch die Seeanemone – oder wer immer hinter diesem Geschöpf schicksalshafte Fäden zieht – verbunden sind, schlingen sich ineinander und verlangen dem gebannten Leser auch eine gewisse Aufmerksamkeit ab, um nicht im mäandernden Zeitstrom verloren zu gehen wie die gebeutelten Protagonisten des Romans.

Auch wenn der am Anfang des Romans stehende Mord sowieso bald aufgeklärt wird, bleibt dieses mit hohem Tempo erzählte Buch bis zur letzten Seite spannend. Denn wie die einzelnen Erzählebenen miteinander agieren, wer wann durch die Zeit fällt und wo wieder auftaucht, um was zu tun und welche Identität oder welches Geschlecht anzunehmen, das erschließt sich erst im Lauf der Romanhandlung. Tentakel macht in diesem Sinn seinem Titel alle Ehre, denn die einzelnen robusten Stränge reichen weit in nur schwer zugängliche Tiefen des fantastischen Rita Indiana’schen Erzähluniversums hinab.

Callcenter für Astrologie

Die Hausangestellte Acilde landet nach ihrer Geschlechtsumwandlung als Hauptverdächtige oder besser gesagt als Hauptverdächtiger erst einmal im Gefängnis, von wo aus sie beziehungsweise er aber gekonnt Strippen zieht. Die zweite Hauptfigur des Romans, der gescheiterte Künstler Argenis, schlägt sich als Callcenter-Berater für Astrologie durch und redet mit seinem Latino-Akzent beruhigend auf frustrierte US-Hausfrauen ein. Wie alles schiefgeht, als er endlich die große Chance hat, aus seinem sozialen Dilemma auszubrechen, wird recht drastisch erzählt.

Rita Indiana fährt aber daneben noch ein riesiges Tableau an Figuren auf, wobei sie dabei nicht nur durch die unterschiedlichen sozialen Schichten, sondern gleich noch durch die historischen Epochen der Insel streift. Dazu gibt es wilde Verfolgungsjagden, egal ob es durch die karibische Millionenmetropole geht oder durch dichtes Unterholz im 16. Jahrhundert, um wilde Tiere zu jagen oder den brutalen Häschern der Kolonialmacht zu entkommen. Es gibt aber auch reichlich Kunsttheorie im gehobenen Upper-Class-Milieu, verstörende bäuerliche Voodoo-Praktiken auf dem Land und immer wieder romantische Sexualität – hetero, schwul und queer –, und das alles im karibischen Mondschein. Denn trotz aller Abgründe und Brutalitäten, die es in diesem Roman zuhauf gibt, bleibt Rita Indiana immer ironisch und schafft es, den Leser mit einer ganz eigenartigen guten Laune zu infizieren – selbst in den tragischen Momenten. Ein spektakulärer Roman, wie gesagt, auf 160 Seiten, wie ein hämmernder Popsong, in dem Rita Indiana virtuos in die Vollen greift.

Info

Tentakel Rita Indiana Angelica Ammar (Übers.), Wagenbach 2018, 160 S., 18 €

Die Bilder des Spezials

Zuerst ist da ein leeres weißes Blatt Papier mit unendlichen Möglichkeiten, bald findet sich darauf eine absurde Welt der Abstraktion. Zu sehen sind fiktive Gebäude, unendliche Tunnel, lauernde Treppen. Es gibt rätselhafte Hinweise. Nur: Nie führen diese zur Auflösung des Rätsels.

Die Illustratorin Pia-Mélissa Laroche, Jahrgang 1985, zeichnet surreale Welten. Sie will die Macht der Suggestion hinterfragen. Sie sagt: „Wie die Krypten der christlichen Kirchen oder Nabateans Gräber sind diese architektonischen Strukturen direkt in den Boden gehauen. Sie drängen sich durch Subtraktion auf, um unzerstörbar und mehr als je zuvor zu werden. Mit einer extremen Haltbarkeit trotzen die ,Hyper Residenezen‘ Zeit und Raum.“ Laroche lebt und arbeitet in Paris.

06:00 13.03.2018
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