Schwer zu sagen

Literatur Jeffrey Eugenides’ Erzählungen sind seinen Romanen völlig ebenbürtig. Wie macht er das bloß?

Als Jeffrey Eugenides vor anderthalb Jahrzehnten für seinen Roman Middlesex den Pulitzer-Preis erhielt, war er umgehend das Lieblingskind des deutschen Feuilletons. Kein Wunder, lebte der 1960 in einem wohlhabenden Detroiter Vorort geborene Eugenides damals doch mit einem DAAD-Stipendium für einige Jahre in Berlin-Schöneberg, wo man ihm auch auf Spaziergängen und beim Joggen über den Weg laufen konnte.

Dass die Rahmenhandlung seines preisgekrönten sozial-, geschlechter-, migrations-, geschichtskritischen und einfach geil erzählten Romans in Berlin angesiedelt ist, adelte die damals noch heftig um internationale Anerkennung und Hipness ringende Stadt regelrecht. In Eugenides’ Erzählband Das große Experiment taucht auch einmal Berlin als temporärer Lebensort eines amerikanischen Akademiker-Pärchens auf.

Die zehn Erzählungen um menschliche Zerwürfnisse und biografische Ausnahmesituationen wirken wie eine beeindruckende Sammlung zentraler Motive aus Eugenides’ Werk. Das reicht von Intersexualität über gescheiterte Akademikerkarrieren, die verzweifelte sexuelle Begierde alternder Männer, das glückselige und sozial prekäre Aufgehen in der Kunst bis hin zu zwischenmenschlichen Tragödien, bevorzugt unter radikal entfremdeten Eheleuten.

Die zwischen 1988 und 2017 geschriebenen Geschichten, von denen drei 2003 bereits in dem Band Air Mail erschienen sind, müssen sich im Vergleich zu Eugenides’ Romanen überhaupt nicht verstecken. Im Gegensatz zu vielen Bänden mit verstreuten Erzählungen auflagenstarker Romanautoren, die von Verlagen gerne den großen Texten nachgeschoben werden, sind Eugenides’ kurze Texte allesamt literarische Perlen. Vordergründig sind sie stilistisch eher einfach, aber es gelingt Eugenides, in seinen Texten eine eigenwillige Saite zum Klingen zu bringen, die das Gefühl erzeugt, als würde man die Geschichten regelrecht selbst miterleben. Als hätte man Anteil an den ebenso tragischen wie verstörend schönen Momenten, die sich da zutragen.

Etwa bei der Geschichte eines verzweifelten, ziemlich prekär lebenden Lektors und Familienvaters, der sich nicht einmal eine funktionierende Heizung leisten kann. Der beschließt, seinen Chef zu betrügen, einen angeblich sehr sozialkritischen, kulturbeflissenen Millionär. Der vermeintlich linke No-Drama-Verleger bezahlt seinen hart schuftenden Angestellten nicht mal eine Krankenversicherung.

Dieses Je-ne-sais-quoi

Wie Jeffrey Eugenides es in seinen Texten genau macht, dass einem Hoffnungen, Wünsche und Ängste dieser Person so unter die Haut gehen, ist nur schwer zu sagen. Er seziert ungemein gekonnt mit einfacher Prosa nicht nur Personen und soziale Konstellationen.

Allein die Beschreibungen banaler, alltäglicher Routinen von der Aufzugfahrt bis zum Mittagessen werden hier zur spannenden Lektüre. Egal, ob es ein Sexologe ist, der im Urwald versucht, seine von der akademischen Konkurrenz überholten Theorien erneut zu beweisen, und dabei an seine Grenzen stößt, ein Klavichord spielender Musiker, der verzweifelt sein geliebtes Instrument vor dem Inkassobeauftragten retten will, oder eine 88-jährige Frau, die an Demenz erkrankt ist und spürt, dass ihr bisheriges Leben so nicht mehr weitergeht: In all diesen stets mit viel Unglück angereicherten Episoden kämpfen Menschen erbittert um ihre Selbstbehauptung.

Das ließe sich jetzt etwas platt als virtuos inszeniertes Sozialdrama abtun, wie das in der amerikanischen Gegenwartsliteratur zuhauf gemacht wird. Nur werden hier diese eskalativen Momente der Figuren in eine verstörend klare Literatur gegossen, in der auf jeweils gerade einmal 30 bis 40 Seiten ungemein viel Handlung und Personal Platz finden. Und diese leichtfüßig daherkommenden Texte fächern ein beeindruckendes Panorama ganz unterschiedlicher Lebenswelten auf, vom ländlichen Irland über das metropolitane Manhattan, Texas, Kalifornien, Philadelphia, Kalkutta und Thailand bis in die ostdeutsche Provinz. Und eben Berlin.

Info

Das große Experiment Jeffrey Eugenides Gregor Hens (Übers.), Rowohlt 2018, 336 S., 22 €

06:00 30.03.2019
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