Die Ästhetik des Überlebens

Streaming Die Serie „Peripherie“ nach William Gibsons Roman handelt vom Unglück einer Welt, die durch technologischen Fortschritt gerettet wurde
Ausgabe 43/2022

Einer der faszinierendsten und erfolgreichsten Science-Fiction-Romane der vergangenen Jahre dürfte William Gibsons Wälzer Peripherie (2014) sein. Zu erklären ist das damit, dass in der thrillerhaften Zeitreise-Geschichte eine Vielzahl im weitesten Sinn klimabedingter Katastrophen und deren Verarbeitung thematisiert werden. Im Zentrum der Handlung steht die junge Flynne Fisher (Chloë Grace Moretz), die in der nahen Zukunft in einem heruntergekommenen, deindustrialisierten kleinstädtischen White-Trash-Amerika lebt und sich um ihre kranke Mutter kümmert. Die USA sind komplett abgehängt, China setzt die technologischen Standards. Im Fab-Laden, in dem Flynne jobbt, werden trashige Gegenstände von Klamotten bis hin zu künstlichem Garnelenreis im 3-D-Druck-Verfahren hergestellt.

Flynnes Bruder Burton (Jack Reynor) leidet als kybernetisch aufgepeppter Ex-Marine unter posttraumatischen Störungen und verdient ein wenig Geld mit dem Testen von Computerspielen. Als er seine Schwester ein Spiel testen lässt, findet sie sich plötzlich in einem futuristischen London voller gigantischer Bauwerke und kybernetischer Organismen wieder – und wird Zeugin eines brutalen Verbrechens. Es stellt sich heraus, dass sie mithilfe eines sogenannten „Peripheral“, eines Avatars, mehr als 70 Jahre in die Zukunft gereist ist, von wo aus Ermittler mit ihr Kontakt aufnehmen, um das Verbrechen aufzuklären, in das sie verstrickt wurde.

Blank gewienerte Straßen

Flynne reist fortan zwischen den Zeit-Ebenen hin und her und wird in eine aberwitzige Kriminalgeschichte mit reichlich Eskalationspotenzial verwickelt. Parallel intervenieren Menschen aus der Zukunft in Flynnes Zeitlinie und machen in der US-Kleinstadt nicht nur einige Bewohner sagenhaft reich, sondern lösen indirekt fast bürgerkriegsähnliche Zustände aus.

Zu Beginn der Serie wird nur punktuell angedeutet, dass dieses futuristische London des ausgehenden 21. Jahrhunderts, in dem auffällig wenige Menschen auf den perfekt blank gewienerten Straßen unterwegs sind, eine postapokalyptische Gesellschaft beherbergt. Der große historische Einschnitt, eine Reihe von Klimakatastrophen und Pandemien, die zum Tod von 80 Prozent der Weltbevölkerung führten, wird als „Jackpot“ bezeichnet (so auch der Titel von Gibsons noch unvollendeter Romantrilogie, deren erster Band Peripherie ist). Die achtteilige Serie versucht den überaus komplexen Plot als halbwegs kompakte Story umzusetzen, inklusive diverser kleiner Änderungen. Das funktioniert ganz gut, wobei das Schauspiel-Ensemble, wie so oft bei amerikanischen Produktionen, aus übertrieben gutaussehenden Menschen besteht. Immerhin erscheint die Rolle der Flynne Fisher als rebellischer Redneck-Jugendlicher für Chloë Grace Moretz wie maßgeschneidert. Als ausführende Produzenten sind mit Jonathan Nolan und Lisa Joy die zwei Macher der HBO-Serie Westworld dabei, deren Qualität leider mit jeder Staffel spürbar nachließ, was Peripherie nicht zu wünschen ist.

Eingebetteter Medieninhalt

Denn auch wenn die literarische Vorlage von Peripherie etwas zu komplex sein mag, um ihr gänzlich gerecht zu werden, versucht die Serie doch filmisch eine Ästhetik des Überlebens in bedrohlichen Krisenzeiten zu inszenieren: Just als die Menschheit fast ausstirbt, macht sie einen riesigen technologischen Schub, wodurch nicht nur alle möglichen Krankheiten geheilt werden können, sondern es auch möglich wird, Umweltschäden wieder einzudämmen. Aber für Milliarden von Menschen kommt die Rettung zu spät.

Sie kämpfen einfach weiter

So wird die technologische Heilserwartung konterkariert, die im Zusammenhang mit der Klimakrise immer wieder als Rettungsanker ins Feld geführt wird (siehe auch der lesenswerte Essay Anpassung. Leitmotiv der nächsten Gesellschaft des Berliner Soziologen Philipp Staab). Denn unter der Oberfläche des technologisch so perfekten und sauberen, aber entvölkerten London schlummert kollektive Verzweiflung.

Dabei hat die Ästhetik des Überlebens im Film- und Serienbereich derzeit Konjunktur, wie seit Anfang Oktober auch das Biopunk-Endzeit-Märchen Vesper Chronicles in den Kinos zeigt. Der Film setzt zwar auf eine gänzlich andere ästhetische und visuelle Bearbeitung von Dystopie, doch das Bio-Engineering und die biotechnologischen Apparate, deren Inneres mitunter aus schleimigen Fleischteilen besteht, muten in dieser dystopischen Zukunft nicht weniger fantastisch an. Und ganz ähnlich wie in Peripherie steht auch in Vesper Chronicles eine junge Frau im Zentrum dieser Geschichte, die trotz aller Aussichtslosigkeit genauso wie Flynne Fisher einfach weiterkämpft. Davon dürfte man in Zukunft noch mehr zu sehen bekommen.

Peripherie Scott Smith USA 2022, seit 21. Oktober auf Amazon Prime

Der digitale Freitag

Die Welt aus neuen Blickwinkeln erfahren

Geschrieben von

Dieser Artikel ist für Sie kostenlos. Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag abonnieren und dabei mithelfen, eine vielfältige Medienlandschaft zu erhalten. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Jetzt kostenlos testen

Was ist Ihre Meinung?
Diskutieren Sie mit.

Kommentare einblenden