Unendliche Langeweile

Posthum Vor fünf Jahren nahm sich David Foster Wallace das Leben. Nun erscheint sein letzter Roman aus dem Nachlass auf Deutsch
| Ausgabe 45/2013 1
David Foster Wallace, Neujahr 1997
David Foster Wallace, Neujahr 1997

steve liss/time life pictures/getty images

Mehr als zehn Jahre soll er an dem unvollendeten Manuskript gearbeitet haben, aber inwieweit die gut 600 Seiten wirklich dem entsprechen, was David Foster Wallace am Ende als dritten Roman vorschwebte, bleibt Spekulation. Nichtsdestotrotz ist Der bleiche König ein herausragendes Stück Literatur, in dem sich Foster Wallace noch einmal in die beiden Themen vertieft, die sein ganzes Werk durchziehen: die amerikanische Gegenwartsgeschichte und die Verlorenheit des
(post-)modernen Individuums.

Als Gegenstand seines nicht fertig gestellten Opus magnum hat sich Foster Wallace ausgerechnet den „Internal Revenue Service“ (IRS) vorgenommen, also die in Steuerstrafsachen ermittelnde und Bundessteuern erhebende Behörde der USA. Mit mehr als 100.000 Mitarbeitern ist sie eine der größten US-Behörden überhaupt, gilt Verschwörungstheoretikern gemeinhin als das Herz der amerikanischen Regierung und kommt auch in zahlreichen Hollywoodfilmen vor. Im Popuniversum der Simpsons tauchen „IRS agents“ ebenfalls auf, tragen für gewöhnlich schwarze Anzüge und Sonnenbrillen – genau so, wie man sich die typischen FBI-Agenten vorstellt. David Foster Wallace fährt ein riesiges Personal an IRS-Mitarbeitern auf, die in einer Steuerprüfbehörde in Peoria, einer Kleinstadt jottwede in Illinois, sitzen. Fast die Hälfte des Romans nehmen die persönlichen Vorgeschichten der Figuren, ihr familiäres Umfeld, die High-School-Zeit, das Studium und ihr Weg in die Steuerbehörde ein.

Der Bürokratieroman

Eine zentrale Hauptfigur gibt es nicht, vielmehr bevölkert eine ganze Gruppe von Arbeitskollegen den ausufernden Bürokratieroman. Da gibt es David Cusk, der seit der Schulzeit an einer Phobie gegen seine eigenen Schweißausbrüche leidet. Toni Ware stammt aus einer sozial verwahrlosten Familie aus dem Süden und musste als Heranwachsende mit ansehen, wie ihre Mutter von ihrem Liebhaber ermordet wurde. Chris Fogle, der an dem Tick leidet, ständig alle in Gesprächen oder Texten vorkommenden Wörter zählen zu müssen, ging nach dem Studium und einer damit einhergehenden Drogenkarriere in den wilden Siebzigern zur Steuerbehörde, um endlich clean zu werden. Leonard Stecyk war schon in der Schule als nervtötender Gutmensch und Ordnungsfetischist aufgefallen, von Mitschülern regelmäßig gedemütigt worden und passt perfekt in den kleinstädtischen Behördendschungel. Claude Sylvanshine verfügt über die Gabe der „konfusen Faktenintuition“ (das heißt, er kann Geheimnisse anderer Menschen quasi erspüren), er kommt in die Provinz-Steuerbehörde, um für seinen Vorgesetzten Personalkürzungsoptionen zu prüfen. Und der Nachwuchsmitarbeiter David Wallace, der an einer massiven Hautkrankheit leidet, 20 Jahre alt, niedriger Besoldungsgrad, wird bei seiner Ankunft in Peoria aus Versehen für einen hochrangigen Steuerprüfspezialisten gehalten und mit allen Ehren willkommen geheißen.

Das wohl stringenteste Motiv, das sich durch das Buch zieht, ist die behördliche Arbeitswelt im Wandel der Zeit angesichts der einsetzenden Digitalisierung Mitte der Achtziger und Ronald Reagans legendärer Steuerreformen. Dabei geht es aber nicht nur um neue Verfahrensweisen der Steuerverwaltung, veränderte Steuerformulare, über die der Leser detailliert unterrichtet wird, oder die politische Zuordnung des „Service“: „Reagan wird uns als den habgierigen Big Brother mit Schlapphut anprangern, den er insgeheim braucht. Wir – die schmallippigen Buchhalter in grauen Anzügen und mit dicken Brillengläsern, die nur auf ihre Addiermaschinen eintippen – werden der Staat: die Autorität, die jeder hasst.“ Es geht auch um einen grundlegenden Wandel im Selbstverständnis der Behörde. Die Steuerprüfer sollen möglichst effizient arbeiten, profitable Revisionen vornehmen und „Geschäftsmänner“ werden. Es geht ums Filtern, Ordnen und Strukturieren von Inhalten. „Vergessen Sie die Vorstellung, Information sei gut. Nur bestimmte Informationen sind gut“, heißt es in einem Einführungskurs für die Mitarbeiter.

David Foster Wallace exemplifiziert an der Geschichte des IRS den konservativen Rollback der achtziger Jahre hin zum neoliberalen Selbstverständnis einer durchökonomisierten Effizienzlogik. Kulturell wird dieser Aspekt an der Biografie des Mitarbeiters Chris Fogle durchexerziert. Fogle verkörpert den Post-68er-Diskurs inklusive Drogen, bunter Kleidung, Popmusik, Anti-Vietnamkriegs-Bewegung und einer Lebenshaltung, die darauf ausgerichtet ist, sich treiben zu lassen – bis er in den „Service“ eintritt. Das geschieht mitten im berüchtigten Winter 1979 in Chicago, der wochenlang den Verkehr lahmlegte und die Metropole in eine Eiswüste verwandelte. Nach dem „langen Winter“ ist der Ex-Hippie ein geläuterter US-Bürger, der sich im schwarzen Anzug dem bürgerlichen Arbeitsethos, einem System der Effizienzmaximierung und dem staatlichen Machtapparat unterordnet.

Diese Mächte setzen laut Foster Wallace auf die Langeweile und den Stumpfsinn kafkaesker Behördenbürokratie. „Die Geburtswehen des Neuen IRS hatten eine der großen und schrecklichen PR-Entdeckungen moderner Demokratien zur Folge, die da lautet, dass man sensible Fragen der Staatsgewalt nur stumpfsinnig und obskur genug gestalten muss, und schon muss man von Amtsseite nichts mehr verbrämen oder kaschieren.“ Der Titel gebende „bleiche König“ – die mächtige, farblose Steuerbehörde als Ausdruck postmoderner Staatlichkeit und Herrschaft – residiert denn auch in einem Gebäude „von einer viel zu überwältigenden Komplexität und Iterativität“, dessen Frontseite außerdem ein stilisiertes Steuerformular ist.

Big Brother mit Schlapphut

Die Plakativität des Gebäudes überführt David Foster Wallace auf geniale Weise in ein ironisches literarisches Universum. Der bleiche König ist konsequent durchfragmentiert, könnte man sagen. Er funktioniert wie ein ausfransender Kabelstrang, in den unglaublich viele, ausführlich erzählte Geschichten und unterschiedliche Biographien einfließen. Einige der 50 Kapitel lesen sich wie eigenständige Novellen, andere sind in Dialogform, bilden gesellschaftspolitische Debatten etwa über die Wirkung der 68er ab oder erzählen ganz trocken vom Behördenalltag. Die Steuerbehörde in Peoria wird so zum Schauplatz eines breit angelegten gesellschaftlichen Panoramas. Einen dramaturgischen Höhepunkt hat Der bleiche König nicht, braucht ihn auch nicht. Vielmehr ist der Roman eine „Abfolge von Vorbereitungen auf Geschehnisse, aber es geschieht nie etwas“. So schrieb es David Foster Wallace auf einen seiner Notizzettel, die am Ende des unvollendeten Romancorpus vom Herausgeber mitgeliefert werden und einen faszinierenden Einblick in das literarische Denken des Kultgenies erlauben. In einer anderen Notiz heißt es, das ganze Buch über „droht etwas Großes zu passieren, es passiert dann aber nicht“.

Der bleiche König
David Foster Wallace Ulrich Blumenbach (Übers.), Kiepenheuer & Witsch 2013, 640 S., 29,99 €

Florian Schmid ist freier Literaturkritiker

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