Ungleichheit beenden? Hier ist der Baukasten

Die Buchmacher Anthony Atkinson, der Mentor Thomas Pikettys, hat ein Buch vorgelegt, das zeigt, was es braucht, um das größte Problem unserer Zeit zu lösen
Ungleichheit beenden? Hier ist der Baukasten
Bild: Carsten Koall/Getty Images

Moderate Kapitalismuskritik liegt im Trend. Das Kapital im 21. Jahrhundert von Thomas Piketty wurde zum Bestseller. Nun hat Pikettys Mentor, der 72-jährige britische Ökonom Anthony Atkinson, ein 500 Seiten langes Kompendium vorgelegt, das eine ganze Reihe Vorschläge zur Änderung des neoliberalen Status quo auffächert – vor allem im Bereich der Lohnpolitik, der Steuergesetzgebung und der sozialen Transferleistungen. Ungleichheit. Was wir dagegen tun können bietet einen detaillierten Blick auf die diesbezügliche Forschung, will aber zugleich ein Leitfaden zum Handeln sein. Wir dürften die hohe Ungleichheit der Gegenwart nicht einfach als ein Produkt von Kräften betrachten, die wir nicht kontrollieren können, schreibt der emeritierte Professor der London School of Economics.

Atkinson ist dabei bewusst, dass die „Ungleichheitswende von 1980“, wie er sie nennt, das Ergebnis komplexer weltwirtschaftlicher Veränderungen war. Dennoch kontert er mit Vorschlägen, die zunächst recht einfach und nicht unbedingt neu wirken, jedoch radikal der herrschenden neoliberalen Diktion widersprechen: Stärkung der Gewerkschaften und staatlicher Interventionismus, eine Steuerpolitik, die vor allem die lange entlasteten Spitzenverdiener zur Kasse bittet, um Transferleistungen des abgewickelten Wohlfahrtsstaates wieder zu forcieren. Atkinson ist angesichts dramatisch steigender Armutsquoten auch in den Industrienationen auf der Höhe der Zeit. Und das weiß er, setzt auf die Aktualität eben dieses Wohlfahrtsstaates, der – wie er immer wieder betont – zu Beginn des 20. Jahrhunderts ebenfalls in einer Phase der Globalisierung entstand, um so deren Folgen für die Beschäftigungs- und Lohnsituation zu bewältigen. Heute wiederum haben die Gewerkschaften weniger Rechte als zu Beginn des 20. Jahrhunderts, so zitiert Atkinson den britischen Gewerkschaftsdachverband. Zwar ist das Buch auf die britischen Verhältnisse zugeschnitten, doch seine Thesen sind darüber hinaus gültig.

Faszinierend ist die Selbstverständlichkeit, mit der Atkinson seine Ideen vorträgt. Im hinteren Teil des Buches rechnet er die mögliche Umsetzung seiner Vorschläge für Großbritannien kurz vor. Immer wieder weist er darauf hin, dass soziale Transferleistungen keine Geschenke sind, sondern eben einzufordernde Rechte und vernünftige Bestandteile einer soliden Wirtschafts- und Sozialordnung.

Bei den knackig, in Form von genau 15 Vorschlägen präsentierten Reformen kommt keine neue Gesellschaft heraus, ein linksradikaler Kapitalismuskritiker ist Anthony Atkinson nicht. Aber eine signifikante Verminderung der Armutsquote wäre damit möglich. Die hat sich auch die EU mit ihrer Agenda 2020 auf die Fahnen geschrieben, laut Atkinson ist das aber „viel wohlfeiles Gerede ohne politische Wirkung“. Es gilt etwas radikaler Hand anzulegen. Ihm schwebt ein Spitzensteuersatz von 65 Prozent vor, dazu ein Grundeinkommen, ein deutlich höheres Kindergeld sowie ein „Mindesterbe“, das jedem Volljährigen zur Gründung eines Kapitalstocks zur Verfügung gestellt wird, und natürlich ein gesetzlicher Mindestlohn.

In der Summe klingt das dann fast utopisch, lässt sich laut Atkinson aber umsetzen und bremst auch keineswegs wirtschaftliches Wachstum. Nötig sind politische Aushandlungsprozesse; die neoliberale „Ungleichheitswende“ kam ja besonders durch eine Verschiebung politischer Kräfteverhältnisse zustande. Ein Baukasten für erste anwendbare Gegenmaßnahmen steht nun in Gestalt dieses Buches zur Verfügung.

Ungleichheit. Was wir dagegen tun können Anthony B. Atkinson Hainer Kober (Übers.), Klett-Cotta 2016, 474 S., 26,95 €

06:00 03.10.2016
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