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Italien Die antifaschistische Autorengruppe Wu Ming schreibt kollektiv und erzählt Geschichte von unten. Nun ist ihr Werk „Kriegsbeile“ auf Deutsch erschienen

Die Romane des italienischen Autorenkollektivs Wu Ming sind derzeit schwer angesagt. Ihr internationaler Erfolgsroman Q (den sie noch als Luther Blissett veröffentlichten) über die Bauernkriege und die revolutionären Häretiker des 16. Jahrhunderts wurde pünktlich zum Lutherjahr nicht nur neu aufgelegt, sondern kürzlich auch von Thomas Ebermann als szenische Lesung auf die Bühne gebracht. Demnächst soll es eine Tour durch Deutschland geben. Der in Berlin und Hamburg ansässige Kleinverlag Assoziation A bringt nun in loser Folge die historischen Abenteuerromane der fünf Postautonomen aus Bologna heraus.

Ihr im Original bereits 2000 erschienener zweiter Roman Kriegsbeile bietet neben einer antifaschistischen Lese des Indochina- und des Vietnamkrieges auch einen faszinierenden Blick in das soziale Umfeld und die politischen Kämpfe der Autoren aus dem linksradikalen Milieu. Entstanden ist das Buch quasi als Nebenprodukt ihres dritten Romans, „aus einer Rippe der Arbeit an 54“, wie die Autoren im Vorwort schreiben. Ebenfalls beteiligt an dem literarischen Projekt war ein altgedienter kommunistischer Antifaschist und ehemaliger Partisan namens Vitaliano Ravagli, der in einem eigenen Handlungsstrang seine Erfahrungen im Indochina- und Vietnamkrieg erzählt. Für die mittlerweile zahlreichen Fans des zu Beginn seiner literarischen Karriere anonym publizierenden Autorenkollektivs bieten Vor- und Nachwort der 450 eng bedruckten spannenden Seiten einen faszinierenden Einblick in die Schreibwerkstatt von Wu Ming.

Kriegsbeile ist eine Erzählung, die nach allen Seiten ausufert, die ständig aus dem Käfig ausbrechen will, in den wir versucht haben, sie einzusperren. Sie hat unsere Fähigkeiten auf eine harte Probe gestellt und uns manchmal regelrecht überrollt. Sie ist ein erzählerisches Objekt mit Fabrikationsfehlern“, schreiben die fünf, ohne zu sagen, wo die Fehler liegen. Die zu finden, bleibt den Lesern selbst überlassen. Der Roman besteht aus drei ineinander verwobenen Erzählebenen, die ein mehrere Jahrzehnte umspannendes Panorama der italienischen Linken und des Kampfes gegen Faschismus und autoritäre politische Herrschaft ausbreiten. Zum einen ist da die Geschichte eines jungen antirassistischen Anwalts aus Bologna in der Gegenwart, der Flüchtlinge aus dem Knast holt, aber auch regelmäßig mit seinen postautonomen Genossen Demonstrationen besucht.

Durch ein Familienmitglied wird dieser Anwalt auf die Geschichte eines antifaschistischen Widerstandskämpfers aufmerksam, der angeblich in Vietnam zusammen mit den Vietcong kämpfte. Gab es wirklich wie im Spanischen Bürgerkrieg auch in Vietnam italienische Kämpfer oder sogar ganze Brigaden? Wer waren diese Leute? Was trieb sie an?

Prügelnde Dorfpolizisten

In zahlreichen Gesprächen mit altgedienten Kommunisten und Antifaschisten versucht er der Geschichte auf den Grund zu gehen. Quasi nebenbei wird von den Kämpfen der radikalen Linken im Italien des Jahres 2000 erzählt. Es geht um Hausbesetzungen, antirassistische Demonstrationen, die Tute Bianche, die damals in ihre Plastikpanzer gehüllt neue Formen der Massenmilitanz ausprobierten, um Straßenschlachten mit der Polizei und den gemeinsamen Kampf alter und junger Kommunisten. „Es drücken jetzt mindestens viertausend gegen die Polizeiketten, die die Via Ugo Bassi abriegeln. Mit dabei sind Veteranen der Achtundsechziger und der Siebenundsiebziger, frisch immatrikulierte Studenten und Dreißigjährige im zwanzigsten Semester.“

Neben diesem Handlungsstrang gibt es die Erinnerungen des italienischen Antifaschisten Vitaliano Ravagli, der in den 1950er und 1960er Jahren in der Tat als Freiwilliger in Laos und Vietnam gekämpft hatte und sehr ungeschminkt von seinen Kriegserlebnissen und der damit verbundenen Traumatisierung erzählt. Auch hier sind Rückblenden eingewoben aus dem Italien der 1920er bis in die Nachkriegszeit, die ein mitunter schauriges Panorama faschistischer Repression eröffnen. Der Roman illustriert, wie zentral der Antifaschismus für die italienische Linke im Lauf der letzten hundert Jahre war. Wu Ming erzählen, wie der konterrevolutionäre Antikommunismus von prügelnden Dorfpolizisten, Pfarrern und christdemokratischen Politikern der Nachkriegszeit ganz praktisch umgesetzt wurde.

Die Beteiligung ehemaliger kommunistischer Partisanen aus Italien am Krieg in Indochina und Vietnam wird als Fortsetzung eines antifaschistischen Kampfes erzählt. Die Waffen nicht abzulegen, sondern weiterzukämpfen, hat auch mit der Repression für viele kommunistische Partisanen nach 1945 zu tun. Ergänzt werden diese Rückblenden durch längere Texte, die im Stil einer Chronik den historischen Kontext des Indochina- und des Vietnamkrieges erzählen. Die Romane von Wu Ming sind eben auch immer ein Stück Geschichtsdidaktik.

Dabei geben die fünf Autoren nicht nur den vielen italienischen Kommunisten, die von Faschisten ermordet und oft namenlos verscharrt wurden, ihre Geschichte zurück. Auch die Kämpfer in Vietnam und Laos haben Namen, eine Geschichte und sind nicht die gesichtslosen Feinde, zu denen sie auch in Vietnamkriegs-kritischen Hollywoodfilmen gemacht werden. „Das Land ist nur der Traumort schrecklicher Albträume, der dunkle Teil des kollektiven Gedächtnisses, und die Vietcong sind gestaltlose Gespenster im Dickicht, sie tauchen nie auf. Es sind die Geister des imperialistischen schlechten Gewissens.“ Wu Ming sehen ihre Aufgabe grundsätzlich darin, Geschichte kritisch, gleichsam von unten zu erzählen. Die Titelgebende Erzählung Kriegsbeile ist eine von diesen Geschichten, „die es wieder auszugraben gilt“, um sie als Waffe im politischen Kampf zu nutzen.

Die Romane des italienischen Autorenkollektivs, die stets nach dem gleichen Prinzip gebaut sind, mögen stilistisch nicht die anspruchsvollste Literatur sein. Aber sie verfügen über ein faszinierendes Alleinstellungsmerkmal, insofern das kollektive Verfassen von Sachbüchern durch linke Politgruppen zwar gängige Praxis ist, für die Belletristik aber nicht. Dabei schreiben Wu Ming auch über aktuelle politische Themen wie die Bewegung „5Sterne“, auf ihrem Blog, der außerdem ihre Romane im italienischen Original im Copyleft-Verfahren als kostenlose Downloads anbietet. Noch stehen weitere Übersetzungen ihrer Bücher ins Deutsche an, die bei Assoziation A erscheinen sollen: unter anderem ein Roman über die Kämpfe der Mohawk im postrevolutionären Amerika der 1780er Jahre und einen weiteren historischen Roman, der in Paris ebenfalls Ende des 18. Jahrhunderts angesiedelt ist. Es gibt noch viele Kriegsbeile auszugraben.

Info

Kriegsbeile Wu Ming Klaus-Peter Arnold (Übers.), Verlag Assoziation A 2017, 448 S., 26 €

06:00 06.09.2017
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