Gaza: Feindbilder sind gut für's Geschäft

Desinformation Medien-Kritik / Gegenartikel zum ZEIT Online Artikel “GAZA-OFFENSIVE - Mitleid ist kein Antisemitismus” vom 29.07.2014
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Der ZEIT Online Artikel http://www.zeit.de/politik/ausland/2014-07/israel-gaza-konflikt-antisemitismus
ist leider ein weiteres Beispiel, wie deutsche ‪#‎medien‬ auch in dem ‪#‎israel‬ ‪#‎gaza‬ ‪#‎konflikt‬ die Fakten in einem Nebel von ‪#‎desinformation‬ verschwinden lassen wollen und im Sinne einer libertären Global-Strategie u.a. ihren jahrzentelangen ‪#‎PR‬ ‪#‎kreuzzug‬ gegen den ‪#‎islam‬ fortführen.


Stichprobenartig und ohne Anspruch auf Vollständigkeit möchte ich den Artikel GAZA-OFFENSIVE - Mitleid ist kein Antisemitismus” kritisieren: DIE ZEIT gibt sich in dem Online-Artikel vom 29.07.2014 - angesichts einer solonfähiggewordenen Leitmedien-Hetze - überraschend aufklärerisch und ermahnt Israel (und seine Sympathisanten) zur Verhältnismässigkeit. Es wird sogar eine Lanze für alle Israel-Kritiker sowie Menschenrechtler und Friedensarbeiter gebrochen und diese werden - sozusagen durch höchste mediale Wochenzeitungs-Autorität - vom Generalverdacht des Antisemitismus freigesprochen - dies wurde ja auch endlich Zeit nach all den Jahren der antideutschen Pseudorhetorik.

Soweit so gut, denke ich und lese weiter, um nach der kurzen Einleitung im allerersten Absatz ein uraltes westliches Feindbild wiederzuentdecken. Dem Antisemitismus wird eine ursprüngliche Adresse gegeben; er käme durch "muslimischen Einwanderer" nach Deutschland.


Der vordergründige Generalverdacht gegen 1,6 Milliarden Muslima und Muslime ist nur ein weiteres perfides Ablenkungsmanöver in dem kapitalistischen Illusionstheater der modernen Konzernmedien. Es geht natürlich nicht um Religions- oder Systemfragen. Es geht auch nicht um ausländerfeindliche Einwanderungsquotendiskussionen, die seit dem heimatschützenden US-Exportschlager namens “Patriots Act” aus jedem Ausländer einen potentiellen terroristischen Schläfer machen wollen.
Auch in dem Dauer-Krisengebiet Israel-Palästina wird ein ganz anderes grosses Spiel der grossen Herren gespielt. Aber dazu später mehr. Erstmal bleiben wir bei dem Zitat: "Nach Auschwitz und Theresienstadt und Bergen-Belsen muss der (den Antisemitismus A.d.A.)in Deutschland tabu sein und bleiben, und wir dürfen ihn uns auch nicht von muslimischen Einwanderern ins Land schleppen lassen.", schreibt der ZEIT-Autor Theo Sommer.

Ist dies wirklich nur das verstaubte Schubladendenken nach dem immer wiedergekäutem Motto “Das Boot ist voll. Ausländer raus!”? Seit wann propagiert DIE ZEIT sarazin’sche Stammtischparolen? Oder handelt es sich ganz profan um eine kleine auflagenstärkende Schützenhilfe für die Marketing-Abteilung? Ich fürchte, weder das eine noch das andere.

Das sogenannte "Selbstverteidigungsrecht” Israels erhält durch das Projezieren einer flächendeckenden Islam-Paranoia ein fundamentales Argument: die “bösen Moslems” haben die “guten Israelis” umzingelt. Dieses schwarz-weisse Szenario erinnert unser kollektiv-gesellschaftliches Bewusstsein an Hollywood’s “Cowboy und Indianerfilme” und aktiviert damit in der öffentlichen Wahrnehmung eine grundlegende Akzeptanz der Gewalt - nach dem Prinzip “der Zweck heiligt die Mittel”. Die brutale Zerstörungskraft der F-16 Kampfflugzeuge, Merkava Panzer oder Heron Drohnen vor Ort und die aktuelle sowie geschichtliche Komplexität in der Region seit dem britischen Palästinamandats werden in dem Artikel fahrlässigerweise nicht benannt. Das Schüren einer emotionalen Panik vor Einwanderern und die pauschale Zuordnung des Antisemitismus an die Glaubensgemeinschaft des Islam dagegen, erfüllt aus meiner Sicht in Deutschland in zweierlei Hinsicht den Tatbestand der Volksverhetzung.

Herr Sommer, die antideutsche Doktrin wird von Ihnen schlagzeilenkräftig durchs Portal heraus gejagt, um einen Absatz später durch die rassistische Hintertür zurückgeholt zu werden.

Hier wird nicht nur eine Weltreligion pauschal kriminalisiert, sondern der “schwarze Peter” wird in der Mogelpackung der political correctness verdeckt weitergeschoben, in dem Moment wo der Israelische Irrsinn selbst dem drittgrössten Waffenexporteur offensichtlich eine Nummer zu heiss wird. Ich muss leider davon ausgehen, das dieses Ungemacht über die “Unverhältnismässigkeit” Israels auch nichts mit einem Appell für die Menschenrechte zu tun hat, sondern die aktuellen Bilder aus Gaza (die sich nicht mehr vor der Weltöffentlichkeit verbergen oder retuschieren lassen) gelten selbst in Insiderkreisen mittlerweile schlichtweg als geschäftsschädigend.

Die realen Verletzungen von internationalen Rechten sowie die unmenschliche Besatzungspolitik Israels in den palästinensischen Gebieten hingegen werden auch in diesem Artikel zu akzeptablen Kollateralschäden einer staatlichen Selbstverteidigung niviliert. Aus meiner Sicht ist dieser hochmoderne Apartheids-Staat schon lange paranoid geworden und braucht dringend internationale Hilfe. Falsche Freunde und deren Rückendeckung oder blinde Schulterschlüsse einer Knesset-Kanzlerin lassen die Gewalt in der Region nur noch weiter eskalieren.

In erschreckendem Ausmass verletzen immer mehr Journalisten ihre Sorgfaltspflicht und haben offensichtlich vergessen, verantwortungsvoll als vierte Gewalt zu handeln! Die schreibende Zunft fungiert immer öfter als funktionaler Vasallen-Lobbyismus. Fernseh- und Print-Medien sind damit direkt an einer medialen Kriegstreiberei beteiligt und machen sich indirekt mitschuldig an Verbrechen gegen die Menschheit!
Im Besten Fall handelt es sich um eine pathologische geistige Verfassung, die betriebsratsärztlich nicht erkannt wurde.

Der Autor Theo Sommer, 84, ist leider kein geringerer als der ehemalige Chefredakteur der ZEIT (1972 bis 1992), danach ihr Herausgeber bis zum Jahre 2000. Es ist davon auszugehen, dass Herr Sommer bestens mit Politik und Konzernen vernetzt ist. Ich frage mich, in welchen "Thinktanks" Herr Sommer agiert bzw. in welchen dieser Kreisen Putin’s Russland und der Islam zu “unseren” neuen Feindbildern (Theo Sommer warnt vor einer “muslimisch-antizionistischen Koalition”) erklärt und hochstilisiert werden. Und ich frage mich auch, welche geopolitischen Strategien dahinter stecken.

Warum wird nur zur Verhältnismässigkeit aufgerufen? Aus meiner Sicht handelt es sich bei dem erneuten Überfall Israels um ein eindeutiges Kriegsverbrechen und die gesamte Regierung und ihre Generalität gehören vor ein internationales Tribunal. Kriegsverbrecher haben ihr Recht auf Kritik verspielt, sie gehören schlichtweg ins Gefängnis! Wenn angesichts der 1.060 getöteten Menschen, zwei Drittel davon Zivilisten, ein Viertel Kinder; dazu 6.000 Verletzten ein Journalist in seiner Überschrift das Wort "Mitleid" verwendet, kann er nicht einmal mehr als Zyniker wahrgenommen werden - das ist die Sprache der elitären Menschenverachter!

Die Wortschöpfung eines “Raketen-Regen der Hamas” von Herrn Sommer und ebenso die verklärte Benennung der V-1 Raketen des Zweiten Weltkriges als “Lenkwaffen Wernher von Brauns” in dem Artikel sind nicht nur militär-technisch inkorrekt und geschichtlich-naiv, sondern stellen aus meiner Sicht erneut eine sehr subtile Hetze dar und sind weitere bewusste Desinformationsschleier, die Hitler-Deutschland und seine bestialischen Technologien nun mit der Hamas in Verbindung bringen sollen. Das Unterbewusstsein der Leser wird es gut abspeichern und dabei vergessen, dass das eigentliche Munitionsinferno in Verantwortung der IDF (Israelian Defense Force) und seiner internationalen Waffenlieferanten liegt. Um für den aktuellen Schrecken in Gaza einen autentischen Einstieg zu finden, empfehle ich den Artikel des Journalisten Mohammed Omer in der Veröffentlichung vom 29.07.2014:

http://www.democracynow.org/2014/7/29/palestinian_journalist_mohamed_omer_lifting_the

Wir alle müssen leider zur Kenntnis nehmen, dass obwohl in unserer digitalen Medienwelt die Wahrheit in Lichtgeschwindigkeit an jeden Winkel der Welt gesendet werden kann und wir in vielen Ländern noch eine weitgehend funktionierende freie Meinungsäusserung geniessen können, in gleichem Masse aber die mediale Gleichschaltung und Informationsflut ein Orwellsches Ausmass angenommen hat. Eine Hand voll globaler Kommunikationskonzerne “vergiftet” weltweit Bevölkerungen mit ihren halluzinogenen Entertainment-Cocktails und hält diese in einem vielschichtigem Schleier der Desinformation gefangen. Wer selbst einen Tag lang fachlich-journalistisch recherchiert und sich um eine neutrale Position bemüht, wird schnell feststellen, wie Fakten beliebig zur öffentlichen Meinungen verdreht, umgebaut oder erfunden werden. Der Claim “BILD Dir Deine Meinung.”, “Yes, we can!” oder auch “Let me entertain You.” bekommen in diesem Sinne eine ganz und gar andere Bedeutung als bisher wahrgenommen. Wer heute die Medien anschaut, muss seine Augen für Propaganda- und Desinformations-Techniken schulen.

“Otto Normalverbraucher” würde Angesichts des Ausmasses der Verzerrung der Tatsachen im wahrsten Sinne des Wortes “vom guten (christlichen) Glauben abfallen”. Was nicht sein darf, kann doch nicht wahr sein. Ich erinnere mich in diesem Zusammenhang an eine Gesprächsrunde vor einigen Jahren in Berlin mit christlichen Kirchengemeindemitgliedern zur Griechenlandkrise 2009/2010. Als wir Occupy-Aktivisten von dem signifikanten Anstieg der Suizidrate bei Rentnern, Medikamentenverweigerung an chronisch Kranke oder die allgemeinen Auswirkungen der europäischen Austeritätspolitik wie z.B. Kinderohnmacht in Schulen durch Unterernährung berichteten, da schauten wir in fassungslose Gesichter und einer aus der Runde sprach es aus: “Das kann doch nicht wahr sein, Kanzlerin Merkel ist doch Christin!”

Die westliche Welt ist lange nicht mehr das was sie zu sein vorgibt oder vielleicht eimal war. Alte Werte wie Freiheit, Demokratie oder Gerechtigkeit sind lange schon kommerziell ausgehöhlt oder werden tagesschautäglich im “Neusprech” ad absurdum geführt. Der Faschismus des 20. Jahrhunderts ist zu einer neoimperialen Globalisierungsmaschine von unvorstellbarem Ausmass mutiert. Jean Ziegler bringt es auf den Punkt: die Welt ist fest im Griff einer “kriminellen Komplizenschaft von Kapital und Konzernen”. Und die Medien, PR-Agenturen und eine unüberschaubare Schar von Lobbyisten sind ihre gewissenslosen Handlanger.
Wie oft habe ich mir in der Schule im Geschichtsunterricht zum Thema Hitler-Faschismus die Fragen stellen lassen: Wie konnte das passieren? Wie konnten die Menschen das zulassen? Hat denn keiner davon gewusst? Diese Fragen stelle ich mir erneut seit dem Jahr 2001. Und es wird Jahr um Jahr schlimmer. Aber auch das ist ein eigenes Thema.

Wieviel Milliarden verdienen internationale Rüstungskonzerne und ihre Lobbyisten eigentlich an einem dreiwöchigem Flächenbombardement der israelischen Boden-, Luft- und Seestreitkräfte? Und welche spekulativen Sekundarprofite haben Frankfurt, London und die Wall St. dazu bereits in ihren hochglanzgedruckten Portfolios platziert?

Ich meine es nicht persönlich, wenn ich hier diesen Artikel scharf angehe. Herr Sommer ist höchstwahrscheinlich auch nur ein Opfer seiner gesellschaftlichen Konditionierungen und blind für die Realitäten oder ein alter gefährlicher Mann ohne Hoffnung - beides ist menschlich. Selbst für den schlimmsten anzunehmenden Fall, dass er wirklich einer der “Kriegsgewinn’ler” oder Thinktank-Vordenker eines neuen Ostfeldzuges des Westen ist, kann ich ihm nur wünschen, dass er zur Besinnung kommt und die Welt mit den Augen der Versöhnung und Kooperation betrachtet. Es ist nie zu spät für ein “Mea culpa”.

Angesichts der weltweiten Zerstörungswut und des Ausbeutungswahnsinns des Kapitalismus kann es keinen Sieger geben, wenn wir in alten Denkmustern gefangen bleiben und weiter die Wahrheit auf dem Altar des Profits opfern. Ein Überleben der Menschheit und die Utopie des Friedens werden nur möglich, wenn wir alle umdenken lernen und unsere Herzen für ein neues Miteinander auf diesem kleinen Planeten öffnen.

İn diesem Sinne, gebe ich die Hoffnung nicht auf, das wir alle aus diesem Alptraum aussteigen können und uns der guten Dinge besinnen und unsere begrenzte Zeit hier auf Erden sinnvoll und brüderlich-schwesterlich gestalten. Das Leben kann so schön sein und eben genau deshalb ist jedes Leben heilig und jeder Mensch ist dazu verpflichtet, das Leben anderer (und Andersdenkender) zu schützen und sich für die Menschen einzusetzen, deren Leben bedroht ist.

Wir müssen die Dinge beim Namen zu nennen und auch Tacheles sprechen. Und es ist Zeit eigenverantwortlich für Frieden zu sorgen. Jeder für sich und jeder im Rahmen seiner Möglichkeiten. Ich weiss, ich kann keinen Menschen ändern - nur mich selbst. Möge dieser Brief vielen Menschen ein Impuls sein, sich aktiv an der Friedensarbeit zu beteiligen. Gewaltfrei friedlich.

As-Shalom ʿalaikum!







17:33 05.08.2014
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Geschrieben von

Florian Zacharias Raffel

#occupy Aktivist seit 15.10.2011, Mitglied der Gruppe "#as13"
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Florian Zacharias Raffel

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